Matthäus 18,27
Andachten
Da jammerte den Herrn desselben Knechts, und ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch.
Das Recht, Sünder zu begnadigen, ist ein wichtiges und für uns sehr tröstliches Majestätsrecht des großen Gottes; wie Er aber dasselbe ausübe, hat Christus in einem Gleichnis, Matth. 18., gezeigt. Im Himmelreich, sagt Er, geht es so zu, wie wenn ein König mit seinen Knechten rechnen willen, da ihm dann ein Knecht vorkommt, der ihm zehntausend Talente (eine ungeheure Summe) schuldig ist. Dieser Einzige ist ein Bild vieler Menschen. Ein jeder Mensch hat vor Gott eine ungeheure Sündenschuld auf sich liegen, und es gibt eine Zeit, da Gott mit ihm rechnet, das ist, ihm seine Sündenschuld aufdeckt, und im Gewissen vorhält. Ist sie mir aufgedeckt? Ist sie mir vorgehalten? Ach, dass noch in der Gnadenzeit geschehe, was in diesem Stück noch fehlt! Der König lässt es aber bei dem Rechnen nicht bewenden, sondern, weil der Knecht nicht bezahlen kann, so heißt er ihn und sein Weib und seine Kinder, und Alles, was er hatte, verkaufen, und bezahlen. Dieses war nämlich das strengste Recht gegen einen Schuldner, das man in den Morgenländern auszuüben pflegte, dass man ihn und die Seinigen als Sklaven, und seine Habe zugleich verkaufte, und von dem Erlös seine Schulden bezahlte, s. Kön. 4,1. Hiermit wird angezeigt, dass Gott den Menschen bei seiner Bekehrung erkennen, ja fühlen lässt, wie weit Er Sein strenges Recht treiben könne. Er zeigt ihm nämlich, wie er wert sei, von Ihm, wenn er auch länger leben dürfe, verlassen, verstoßen, in seinen verkehrten Sinn dahin gegeben, ja der Gewalt des Satans überlassen zu werden, da dann freilich zuletzt das ewige Verderben folgte. Ein andersmal, wenn er durch eine neue Untreue sein Sündenmaß vollgemacht hat, übergibt Er ihn durch einen unseligen Tod geradezu und ohne weitern Aufschub den Peinigern, das ist, Er wirft ihn in die Hölle, wo er klagen muss: ich leide Pein in dieser Flamme. So weit geht das strenge Recht des großen Gottes; Sein Begnadigungsrecht aber geht so weit, dass Ihn des Knechts, der seine Schuld bekennt, um Geduld bittet, und Seinen HErrn mit einer neuen treue zu dienen verspricht, jammert, Er ihn loslässt und die Schuld ihm auch erlässt. Dass hier Christi Verdienst und Fürbitte dem Knecht zu gut komme, und der Knecht dazu im Glauben seine Zuflucht nehme, wollte der HErr Jesus zu derjenigen Zeit, da Er dieses Gleichnis vortrug, noch nicht sagen, weil Seine Zuhörer es noch nicht hätten fassen können, der Heilige Geist aber hat es hernach deutlich genug entdeckt, wiewohl auch die Propheten schon darauf gedeutet haben. Das Jammern ist das Gegenteil von Zorn, das Loslassen das Gegenteil von dem Verkaufen oder Verstoßen. Der gute König sagt nämlich zu dem bösen Knecht: du sollst doch noch länger Mein Knecht bleiben, und gibt ihm zur neuen Treue einen neuen und gewissen Geist. Die Schuld erlässt Er ihm auch, ganz und umsonst mit einer unbegreiflichen Großmut. Wie wichtig ist es also, wenn ein Christ in seinem Katechismus sagt: ich glaube eine Vergebung der Sünden Wehe aber dem Menschen, der durch beständige Zerstreuungen sogar der göttlichen Rechnung ausweicht, oder nach derselben, anstatt sich bußfertig zu demütigen, sich durch einen neuen Leichtsinn zu helfen sucht, oder nach der Begnadigung wieder rückfällig wird! (Magnus Friedrich Roos)