Matthäus 18,24
Andachten
Als der König anfing zu rechnen, da kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund schuldig.
Jesus spricht hier nicht mit einem Zöllner oder einer Dirne, sondern mit Petrus und seinen anderen Jüngern. Der König rechnet hier mit seinen Knechten, nicht mit seinen Feinden, mit dem, der ihm diente, nicht mit dem, der ihm entlief. Petrus zeigt er seine riesengroße Schuld, der Christenheit zeigt er sie, mir zeigt er sie. Schuld entsteht da, wo Pflicht ist. Pflicht entsteht da, wo Liebe und Gabe empfangen sind. Das war die Lage des Petrus und ist die der Christenheit. Sie hat Gottes Gabe empfangen; deshalb ist sie verpflichtet und deshalb ist ihr Verhalten Schuld. Wie entsteht die Schuld? Nicht verstandenes und unbeachtetes Wort, unbenutzte, nicht gebrauchte Kraft, Erkenntnis ohne Glauben, Glaube ohne Werke, Dienst ohne Liebe, das ist Schuld. Zu viel Erkenntnis haben, zu viel, weil unser Verhalten ihr widerspricht, zu viel Glauben haben, zu viel, weil wir ungläubig handeln, zu viel Geist Gottes haben, zu viel, weil wir ihm nicht gehorchen, das ist unsere Schuld. Sie entsteht nicht aus unserer Armut, sondern aus unserem Reichtum, nicht aus unserer Unwissenheit, sondern aus unserer Erkenntnis, nicht aus dem, was uns fehlt, sondern aus dem, was uns gegeben ist, nicht aus unserer natürlichen Art, sondern aus unserem Christenstand. Ist sie wirklich riesengroß? Jesus hat recht, tausendmal recht, wenn er von zehntausend Talenten redet, die der Knecht dem König schuldig blieb. Wie könnte ich Jesus widersprechen, wenn ich mein Gebet ansehe, wie zerstreut es ist, oder meinen Glauben beschaue, wie schwer es mir wird, mich an Gott zu erinnern, oder meine Liebe betrachte, wie kalt und träge sie bleibt? Ich muss nicht erst auf die anderen sehen, um mir an ihnen das Urteil Jesu zu verdeutlichen, muss nicht erst erwägen, was in unseren Kirchen geschieht, wenn wir zum Gottesdienst beisammen sind, was unser Singen, Beten und Predigen wert ist. Ich finde in mir selbst den Beweis für das Urteil Jesu und kann ihm nur sagen: Du bist gerecht, wenn du richtest. Legt das aber nicht auf Petrus einen Druck, der ihn in seinem apostolischen Wirken lähmen muss, wenn die zehntausend Talente, die nicht bezahlten und nie bezahlbaren, vor ihm stehen und er weiß: ich bin und bleibe ein Schuldner? So macht ihn Jesus fähig zu seinem Dienst. Denn als der Knecht den König bat, erließ er ihm seine ganze Schuld, weil er ihn bat. Nun weiß Petrus und ich weiß es auch, was Vergeben ist. Nun kann er vergeben, und wenn er das nicht könnte, wäre er nicht brauchbar für Jesu Dienst.
Nach Deinem Willen, Herr, bitte ich: Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldnern. Ich dürfte nicht so beten, wenn Du es nicht gebötest. Dein Gebot ist in seiner Gnade göttlich groß und wunderbar. Du vergibst uns unsere Schulden, damit wir Dich fürchten. Amen. (Adolf Schlatter)
Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund schuldig.
Gleich als er anfing zu rechnen, kam ihm ein solcher vor. Nun wissen wir, dass sich die schlimmen Schuldner an solchem Rechnungstage nicht vordrängen, sondern so lange wie möglich hinten bleiben. Es war also Einer, der sich gar nicht für einen so schlimmen Schuldner hielt. Was mag's für ein Mann gewesen sein? „Hans Jedermann“ nennt ihn Valerius Herberger; gerade ein solcher wie wir alle, die wir uns dünken lassen, es sei nicht so arg mit unserer Schuld, und es gebe viel größere Sünder und Schuldner vor Gott. Dennoch war er ihm zehntausend Pfund schuldig. Ob denn das in seinem Buche stand? ob er denn das so genau wusste? Lieber Christ, stehen denn in unserem Buche zehntausend Pfund? Nein. Sie sollten und müssten zwar eigentlich darin stehen. Aber viele Sünden schreiben wir in das Gewissen gar nicht ein. Sie sind uns keine Sünden. Nun wird aber in einer guten Handlung ein doppeltes Buch geführt. So ist auch in dem großen Haushalt Gottes doppelte Buchführung. Jenes ungenaue Buch führt dein Gewissen. Dagegen führt der heilige allwissende Gott das andere Exemplar. In diesem stehen alle deine Sünden. Was in deinem Buche weggelöscht ist, steht in dem seinen fest und unauslöschlich. Dieses Buch schlägt Gott auf, wenn er anfängt zu rechnen. Und wenn er redet, dann schweigen wir.
Ach Herr, du hast nicht Lust am Tode des Sünders, sondern willst, dass sich derselbe bekehre und lebe. Dir bricht allezeit das Herz den bußfertigen Sündern entgegen. O neige dich zu uns nach deiner Barmherzigkeit und gehe nicht mit uns ins Gericht. Schärfe uns das Gewissen, dass es hier mit allem Ernste uns richte, damit wir nicht von dir müssen gerichtet werden. Sieh nicht an die Größe unserer Schuld. Entziehe uns um ihretwillen deine Gnade nicht, sondern lass sie uns geleiten auf allen unseren Wegen. Amen. (Friedrich Ahlfeld)