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1. Könige 19,11

1. Könige 19,11

Andachten

Und siehe, der Herr ging vorüber und ein großer starker Wind, der die Berge zerrieb und die Felsen zerbrach, vor dem Herrn her, der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Sausen. Da das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel.

Wir steigen heute auf die heiligen Höhen des Sinai, aber nicht um die Donner des Gesetzes rollen zu hören, sondern um den fernen ahnungsvollen Tönen der Weihnachtsglocken zu lauschen. Wer ist der Mann, der dort inmitten der wilden Gebirgswelt so einsam in der Höhle sitzt? Warum ist sein Antlitz so finster? Es ist ein Mann mit einem Riesengeist, mit Riesenkräften und Riesenwerken, aber auch sein Schmerz, mit dem er hier ganz allein sein will, ist riesig. Sein ganzes Leben war der Erneuerung des abtrünnigen Israels gewidmet gewesen. Mit aufgehobenem Haupt und ohne Erröten darf er vor Jehovas Angesicht sagen, dass er um Ihn geeifert habe, aber das ganze Resultat seiner Arbeit sei, dass es je länger desto schlimmer geworden sei. Und Gott widerspricht dem stolzen Wort nicht. Er erteilt damit dem Elias ein so glänzendes Zeugnis, wie man nur einem Menschen ausstellen kann. Aber was hilft das dem Elias? Unendlich ist sein Schmerz, trostlos ist sein Herz. Was hilft es ihm, dass er eines Engels Angesicht schauen, ja, dass er Gottes Brot mitten in der Wüste essen durfte? Sein Leib war dadurch wunderbar gestärkt, aber seine Verzagtheit war die alte geblieben. Auch der Anblick der heiligen Höhen des Sinai hatte ihn nicht aufrichten können. Wenn so ein eiserner Charakter erst einmal verzagt ist, dann ist er auch ganz verzagt und nicht wieder aufzurichten. Nach des Elias Meinung war es jetzt klar bewiesen, dass es mit dem Volk Gottes auf Erden aus war, dass es also auch mit dem ganzen Reich Gottes auf Erden aus war, dass es also mit Allem, Allem, was hoffnungs- und freudenreich schien, aus war. Wozu da noch leben? „Es ist genug, Herr, so nimm nun meine Seele!“ Gott allein war fähig ihn zu trösten; aber der vermochte es auch.

Nun, wie tröstet Er denn den zerknickten Mann? Nicht dadurch, dass Er ihm offenbaret, dass noch eine Gemeinde von 7000 treuen Israeliten vorhanden sei, er also keineswegs allein übergeblieben sei, auch damit nicht, dass er ihm einen treuen Gesellen, den Elisa, mit dem er Schulter an Schulter wirken und kämpfen soll, zur Seite stellt. Das kommt nachher (V. 18 u. 19.), nachdem seine Seele stiller und hoffnungsreicher geworden ist. Hoffnung aber kann in seine Seele nur Eins bringen, nämlich der Blick in eine Zukunft, wo Gott mit neuen Lippen reden, mit neuen Heils- und Himmelsmächten, die jetzt noch verborgen waren, wirken und seine großen Absichten auf Erneuerung und Beseligung der Menschheit ausführen werde. Und das ist's, was Gott dem Manne enthüllen will, nicht durch Worte, sondern durch eine großartige Natursymbolik.

Elias wird herausgerufen vor die Höhle. Über ihm wölbt sich der leuchtende orientalische Himmel, um ihn lagert die dunkle großartige Gebirgswelt, dahinter die schaurige, endlose Wüste mit ihrem gelben Sand. Und siehe da, was ist das? Plötzlich tobt ein Sturm durch Höhen und Schluchten, Berge zerreißen, Felsen zerbrechen; Angst und Grauen ergreifen den Propheten. Noch ist des Sturmes Brausen kaum verstummt, da rollt es in den Tiefen der Erde und bald ist es ihm, als wenn die ganze Gebirgswelt in Wellen gehe. Und siehe jetzt, welch ein Zeichen! Allenthalben lodern himmelhohe Flammen auf in den Schluchten, auf den höchsten Gipfeln, es ist als ob das ganze Gebirge im Feuer zerschmelzen solle. Alle diese entsetzlichen Dinge schaute der Prophet. Er zitterte; dennoch, der Gott, der sich ihm offenbaren wollte, war in diesen Elementen, die so gewaltig zerstören, aber auch nur zerstören konnten, nicht. Das merkte er wohl. Da horch! was ist das? Von ferne erhebt sich ein stilles sanftes Sausen, wie Frühlingsgeflüster, und näher kommt es und näher. Und wie es näher kommt, da durchschauert es den Propheten im tiefsten Grunde seiner Seele. Ehrfurchtsvoll verhüllt er sein Antlitz, denn er spürt es unmittelbar: „Jetzt ist Jehovah da! und so wie Er jetzt da ist, so ist sein innerstes Wesen. In diesem stillen sanften Sausen, das so mild und lind und weich ist, das erquickt und neuschafft, nicht aber zerreißt und zerstört, darin ist Gottes Herz; nach dieser Weise wird er auch noch handeln mit den Menschen, wenn seine Zeit gekommen ist.“ Er hat noch einen Weg der Rettung und dann werden die finsteren Klagen des Mannes, der in Sturm und Feuer wirkte, verstummen.

Wohl blieb für den Elias dieses stille sanfte Sausen in mancher Beziehung ein Hieroglyph. Er verstand nur wohl so viel davon, wie nötig war, ihm neuen Mut ins Herz zu senken. Aber du, lieber Leser, dem die holde Menschenfreundlichkeit Gottes in Jesu Christo erschienen ist, nicht wahr, du verstehst doch des Rätsels Sinn? Wie ist's, hast du vor diesem heiligen Sausen dein Haupt verhüllt und dein Herz enthüllt? Elias hätte im Staube angebetet und bis in den Himmel hineinjubiliert, wenn er verstanden hätte, was du verstehst. Und du, der tief in Christi Herz und Barmherzigkeit hineinschauen darfst, wie ist's mit dir? O dass du dem sanften Sausen des Christusgeistes dein ganzes Herz öffnen und dich ganz überwinden, durchleuchten und umbilden lassen wolltest durch seine heilige Liebe! Dann versteht sich's von selber, dass man seine Eitelkeit, Rechthaberei, Eigensinn und Hochmut hassen lernt und auch allen Menschen gegenüber seine Lindigkeit kund werden lassen, Allen Milde und Freundlichkeit und Wohlwollen beweisen möchte. Das stille sanfte Sausen, das in dir Wohnung machte, muss auch in seinem ganzen Wesen offenbar werden. Siehe, es naht, es naht, - auch jetzt in diesem Augenblick, falle nieder und bete an! (Otto Funcke)

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