Daniel 4,31
Andachten
Nach dieser Zeit hob ich, Nebukadnezar, meine Augen auf gen Himmel und kam wieder zur Vernunft und lobte den Höchsten. Ich pries und ehrte den, so ewiglich lebt, dessen Gewalt ewig ist, und sein Reich für und für währt, gegen welchen alle, so auf Erden wohnen, als nichts zu rechnen sind; er macht es, wie er will, beides mit den Kräften, die im Himmel und mit denen, die auf Erden wohnen, und niemand kann seiner Hand wehren und zu ihm sagen: was machst du?
Es ist fürwahr nicht so leicht, auf die rechte christliche Weise an die Allmacht zu glauben! Wie wird der Unglaube meines Herzens mir immer aufs Neue offenbar, so oft es Gott gefällt, meinen Weg mit Dornen zu umstecken. Man weiß es und sagt sich's hundertmal, da die ewige Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe auch die Allmacht ist, so kann sie in jedem Augenblick auch, was sie will. Und wie schwer wird es einem nun doch, in Dornen gerade so sehr wie in Rosen, die Schickung der Allmacht zu erkennen, wie schwer zu glauben, dass der Gotteswille uns gerade so sehr zum Leiden wie zum Tun beruft!
Da wird einem immer vorgespiegelt, als wäre nur das Tun, das hinter dem Leiden, der Zustand der Freiheit, der hinter der Fessel liegt, der Gotteswille, nicht das Leiden, die Fessel selbst, als wäre die nur so von fremder Hand dazwischen geschoben: da entgeht einem aber der Segen, den der Herr eben durch Leid, Fessel und Schranke selbst schenken will. Dass göttliche Allmacht das Leid wendet, bei dem Gedanken bleibt doch eigentlich jeder viel länger stehen, als dabei, dass sie es auch sendet, und dass zum Senden sie ebenso guten Grund haben muss wie zum Wenden. „Gott wird's schon wiedermachen“, sagt man sich allenfalls; aber warum sagt man sich nicht eben so oft, dass er es auch ist, der es so gemacht hat?
Es kommt die Schranke nicht von fremden Mächten, und etwa bloß die Kraft aus Gottes Händen; Nein Schrank' und Fessel kommt auch vom Gerechten, Die Allmacht könnt's im Augenblicke wenden. So schmecke denn, mein Kind, in deinem Leiden Nicht minder Gottes Will' als in den Freuden.
O Allmächtiger, dessen Hand niemand wehren kann und zu dem niemand sagen kann: was machst du? Dein Kind preiset sich selig, dass alles, was es hat und ist, allein in deiner Hand liegt. Was sollte ich mich gegen dich wehren, ich ohnmächtiges Kind, da ich doch unterliegen muss? was brauche ich zu fragen, ich törichtes Kind, da du es doch am besten weißt, was du tust? Ich preise mich selig, dass du mein unbeschränkter Gott bist und ich das Gemächte deiner Hand, und wie sollte ich nicht, da ich weiß, dass deine Allmacht nur die Allmacht der Weisheit und Liebe ist? Dem, der das glaubt, geziemt allezeit stark zu sein, ich aber bin zu Stunden noch weich; rüste mich, mein Gott, mit dem starken Sinn, der in den Bitterkeiten, die du reichst, nicht minder als in den Süßigkeiten deinen allmächtigen Liebeswillen schmecket! Ist schon der Becher bitter, soll nicht die Hand, die ihn reicht, ihn süß machen? Lass nur Sonnen auslöschen und Welten in den Abgrund sinken: ich habe dich erkannt, Allmächtiger, um nie mehr an dir irre zu werden, ich hülle mich in den äußersten Saum deines Gewandes und schließe meine Augen in guter Ruhe, wie auf dem Mutterschoße das Kind, denn ich weiß, welche Augen ewig über mir offen stehen! (August Tholuck.)