Jeremia 20,7
Andachten
Herr! du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen!
Der Prophet Jeremias hatte den göttlichen Befehl bekommen, einem unbußfertigen und ungehorsamen Volke Gottes Gericht und Strafe zu verkündigen. Er sah voraus, welchen Widerspruch und Widerstand bei Vornehmen und Geringen er durch seinen Gehorsam gegen den göttlichen Befehl wider sich erregen werde. Menschenfurcht und Leidensscheu nahmen sein Herz ein. Er fühlte eine starke Neigung, es mit den Menschen nicht zu verderben und den drohenden Leiden zu entgehen. Ja er war nahe daran, dass er die Menschen mehr als Gott gefürchtet, und den Herrn verleugnet hätte, denn er dachte: ich will seiner nicht mehr gedenken, und nicht mehr in seinem Namen predigen. Es entstand in ihm ein gewaltiger Kampf des Fleisches wider den Geist. Gottesfurcht und Menschenfurcht, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge kämpften in ihm um den Sieg. Es war wie ein brennendes Feuer in seinen Gebeinen verschlossen, dass er's nicht leiden konnte und schier vergangen wäre. Aber die Rechte des Herrn behielt den Sieg. Alle Einreden und Widerreden, alle Einwände und Verwände konnten nicht Stand halten gegen das klar erkannte Wort Gottes. Da betete er (Jer. 20,7.): „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen; du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich!“ Das ist uns zur Lehre geschrieben. Gott redet zu uns durch sein Wort, und knüpft daran die größten und teuersten Verheißungen, um uns zu überreden, seinem Worte gehorsam zu sein. Aber weil wir Menschen von Natur es viel mehr mit der Welt als mit Gott halten, so sind wir bei ihrer Widerrede furchtsam, und erschrecken vor ihrem Missfallen. Können wir uns nun des Wortes, das Gott zu uns redet, nicht erwehren, haftet es im Gewissen, dass wir gestehen müssen, das Wort sei wahr und gut: so entsteht im Herzen Unruhe und Kampf. Von der einen Seite steht Gottes Rede und Verheißung, fest haftend in unserem Gewissen; von der andern Seite der Welt Widerrede mit ihrem Hohn und Spott, fest haftend an unserem Fleisch. Da sind wir in unserem Wesen wie geteilt und zerrissen, da denken wir wohl voll Unmuts wie Hiob: „War ich nicht glückselig? War ich nicht fein still? Halte ich nicht gute Ruhe? Und kommt solche Unruhe.“ - Da entsteht wohl gar der Gedanke, sich der Rede des Herrn ganz zu entschlagen. O dankt es dem Herrn, wenn es euch nicht gelingt, wenn er euch nicht dahin gibt in verkehrten Sinn, wenn er nicht nachlässt mit Reden und Überreden. Lasst nur den Herrn bei euch recht zu Worte kommen; lernt nur einmal ehrfurchtsvoll vor ihm stillschweigen und anhören, wie er euch zur Wahl vorlegt Leben und Tod, Segen und Fluch, Himmel und Hölle. Wahrlich, seine Verheißungen sind doch ganz anderer Art als der Welt Verheißungen, es sind Verheißungen dieses und des zukünftigen Lebens. Ober schrecken euch der Welt Drohungen und die feurigen Pfeile des Bösewichts? Sind seine Drohungen nicht noch schrecklicher? Kann er nicht Leib und Seele verderben in die Hölle? Steht nicht geschrieben Ps. 7,12-14: „Gott ist ein rechter Richter, und ein Gott, der täglich droht. Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt, und seinen Bogen gespannt, und zielt, und hat darauf gelegt tötliche Geschosse; seine Pfeile hat er zugerichtet, zu verderben!“ - Ja, in überredender Liebe und schreckender Macht ist ihm keiner gleich. Darum lasst euch von ihm überreden, zu tun, was ihm wohlgefällt. Lasst euch von ihm überwinden, denn in seinem Siege über euch besiegt er zugleich alle eure Feinde. Und wenn ihr als die von ihm Überredeten und Überwundenen zum Spott der Menschen, und von jedermann verlacht würdet - was liegt daran? „Siehe,“ spricht der Herr Jes. 41,11: „sie sollen zu Spott und Schanden werden alle, die dir gram sind, sie sollen werben als nichts, und die Leute, so mit dir hadern, sollen umkommen. - Ach, dass bald die Stunde käme, wo du nicht bloß wie jener König Agrippas (Apost. Gesch. 26,28.) sagst: „Es fehlt nicht viel, du überredest mich, dass ich ein Christ würde!“ sondern wo du sagst: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen; du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.“(Carl Philipp Johann Spitta)
HErr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen; du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.
Es gibt kein größeres Werk Gottes auf dieser Welt, es gibt kein größeres Wunder, als wenn ein Mensch, ein in Sünden gezeugter, geborener, aufgewachsener Mensch, ein toter Sünder zum Glauben an den Sohn Gottes kommt. Ein Baum ist auch ein herrliches Wert Gottes; eine Traube ist auch ein herrliches Werk der Güte und Allmacht Gottes; dieser ganze Bau der Welt ist ein großes, herrliches Meisterstück der allmächtigen Liebe Gottes; was der Heiland an dem Sohn des Königischen tat, dem er durch ein einziges Wort Leben und Kräfte und den freien Gebrauch seiner Kräfte wieder schenkte, war auch ein großes Wunder seiner allmächtigen Liebe: aber alle diese Werke sind nicht zu vergleichen mit dem Werk der Bekehrung eines Menschen. Denn alle diese Werke sind geschehen und geschehen noch täglich durch die Allmacht Dessen, „der da spricht, so geschieht es, der da gebietet, so steht es da;“ aber nicht so das Werk der Bekehrung eines Menschen. Nur dass die Bekehrung eines Sünders möglich wurde, war die Menschwerdung des Sohnes Gottes und sein ganzer Lauf von der Krippe bis zu seiner Himmelfahrt notwendig. Und nun, nachdem sich Gott durch die Menschheit Jesu uns wieder mitteilen, sich uns wieder genießbar machen kann; nachdem er uns wieder zu sich ziehen kann; nachdem der Weg von ihm zu uns und von uns zu ihm wieder gebahnt ist durch Jesum: wie viel Geduld, wie viel Pflege, wie viel Langmut, wie viel Mühe, wenn ich so sagen darf, kostet es die ewige Liebe noch immerfort, bis der zum Göttlichen erstorbene, in die Finsternis gekehrte Wille des Menschen herumgelenkt, bis das steinerne Herz erkannt und ein Fleischernes dafür angenommen, bis ein geborener Feind Jesu ein Freund und Liebhaber des Heilandes wird, mit Einem Wort: bis ein Mensch hindurchbricht zum Glauben an den Sohn Gottes. (Ludwig Hofacker)