Jesaja 35,4
Andachten
Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache (sich an euren Seelenfeinden zu rächen); Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen (nicht verdammen).
Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Ritterschaft ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben. Jesaja 40,1.2.
Das ist das Evangelium für arme, blöde, weinende, traurige, über die Sünde Leidtragende, und mit Verzagtheit und Verzweiflung ringende Seelen; aber nicht für lustige, leichtsinnige Sünder, oder für schlafende, sichere, laue und träge Christen, die sich gern alle Trostworte der Schrift aussuchen und sich zueignen, was sie gar nicht angeht, um nur ruhig fortschlafen, sicher bleiben und sich mit falschem Trost beruhigen zu können. Denen aber, welchen es Ernst ist, die mit der Sünde und Schuld ringen, in ihrem Gewissen zerschlagen sind, und sich nicht trösten lassen können, denen kann man diese Trostsprüche nicht oft genug wiederholen, um ihnen Mut einzusprechen. Ja, liebe, gebeugte, zermalmte Seele! Mut, Vertrauen zum unendlich freundlichen Erbarmer ziemt dir! denn das hilft dir, das rettet dich; das gefällt dem Herrn. Aber deine Verzagtheit und Mutlosigkeit dienet ihm weder zur Ehre noch zur Freude; und dir bringt sie den gewissen Tod an Leib und Seele. Wag' es einmal, wirf dich dem, der dich in obigen Sprüchen so freundlich einladen, so göttlich mild trösten lässt; wirf dich deinem Erbarmer in die Arme, die er durch diese Worte dir öffnet und nach dir ausstreckt. Stürze dich nicht durch Missmut, Verzagtheit und Verzweiflung dem Feinde und Mörder deiner Seele in die Klauen, der dich mit allen deinen missmutigen Gedanken nur verderben und zu sich in den Abgrund ziehen will; stürze dich lieber ins Meer der Erbarmungen Gottes, der Liebe und Gnade Christi, welches tief, groß, breit und hoch genug ist, um dich noch aufzunehmen, dich zu waschen, zu reinigen und zu beseligen. (Johannes Evangelista Gossner)
Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott der kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.
Nicht der schwache, von Furcht und Zagen angefochtene Glaube, sondern der mutwillige Unglaube verdammt nur. Wenn ich meines Bürgen Lösegeld nicht verwerfen, sondern gläubig annehmen will, so kann mich Gott unmöglich verwerfen. Er müsste sonst den Bürgen selbst und seinen ewigen Liebesrat und Vorsatz verwerfen: Das ist unmöglich. Gottes Friede ist höher, denn alle Vernunft (Phil. 4, 7.). Dass er auch die Allerschwächsten und Zaghaftesten bewahren kann, denn es soll ja nicht im Mindesten auf unsere Kraft ankommen, sondern wir sollen allein aus deiner Gottesmacht im Glauben bewahrt werden zur Seligkeit. Dir ist es ganz einerlei, die Allerschwächsten oder die Allerstärksten durchzubringen, du musst es bei beiden ganz allein tun, du allein guter, weiser und allmächtiger Gott. Du wirst also auch mir durchhelfen. (Aus Bogatzkys gold. Schatzkästlein.)
Sagt den verzagten Herzen: seid getrost, fürchtet euch nicht.
Ich habe einmal in den Brüdergemeinde-Sammlungen gelesen, dass Zinzendorf gefragt wurde, was zur wahren Buße gehöre oder wenn eine Menschenseele so sei, dass sie der Heiland ergreifen könne? Seine Antwort war: Wenn sie angefangen hat, an sich selbst zu verzagen.
Glaubt ihr das nicht auch für Andre, ihr Verzagten? Aber nicht wahr in Absicht auf euch selbst steigt euch sogleich folgendes „Aber“ auf: „aber ich verzage ja nicht an mir selbst, ich bin ja noch nicht wahrhaftig arm und ausgezogen; ich sehe wohl, dass alle meine Sache nichts ist, aber mein Herz will es nicht recht glauben, und wenn es auch öfters mit Gewalt darauf gezogen wird, so fällt es bald wieder in seinen vorigen Hochmut zurück.“ – Wie lange können wir mit solchen Gedanken uns plagen, bis wir uns aufdecken lassen, dass wir ja eben in dem Arm- und Ausgezogensein unsere eigene Gerechtigkeit suchen. Was ist das für eine Tücke vom Satan, womit er die Seelen von ihrem Erbarmer zurückhält, ein umso feinerer Schlich, weil er sich hier in das Gewand der Demut hüllt. Lass aber dein Herz noch so selbstgerecht und hochmütig sein: du machst dasselbe wahrlich nicht anders und wenn du dasselbe auch Jahrtausende hindurch zum Armsein zwingen wolltest. Lass das alles stehen, der Heiland hat schon seine Mittel dazu. Denn es ist doch wahrlich ein Unterschied zwischen dem, wenn man die guten Hoffnungen von sich aufgibt und zwischen dem, wenn man ein ganz ausgezogener Sünder ist. Hat nur ein Mensch die Erkenntnis von seinem Elend und von der Unentbehrlichkeit seines Heilands, dann mag das Herz sagen was es will: siehe, ein solcher Mensch ist fähig zum Reiche Gottes. Christus ist uns zuerst gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit, danach zur Heiligung; Beugung des Herzens aber gehört ja zur Heiligung. Und wie seltsam wäre doch das, wenn Jemand sagen wollte: ich kann mir die Last (die drückende Last des Hochmuts und der Selbstgerechtigkeit des eignen Herzens) nicht abnehmen lassen, sie drückt mich noch nicht genug?! (Ludwig Hofacker)