Jesaja 10,12
Andachten
Ich will heimsuchen die Frucht des hochmütigen Königs zu Assyrien und die Pracht seiner hoffärtigen Augen, darum dass er spricht: ich habe es durch meiner Hände Kraft ausgerichtet und durch meine Weisheit, denn ich bin klug.
Der Teufel hat den Menschen angelogen, dass er selbst etwas, selbst Gott sei, auf eigenen Füßen stehen könne ohne Gott, und dass er in solchem von Gott losgerissenem Zustand viel seliger sein würde, als in seinem kindlichen Gehorsam. Dies hat der Mensch geglaubt und gewollt, und glaubt und will es noch jetzt in seinem natürlichen Zustand. Es ist zwar die größte Torheit, dies zu glauben und zu wollen; denn wie können die, so das Leben nicht in ihnen selber haben, bestehen ohne die Quelle des Lebens? Und wie kann es einer Kreatur wohl sein außer ihrem Element; wo sollte eine wahre Seligkeit liegen für einen vernünftigen Geist, außer in seinem Ursprung und Schöpfer? Aber es ist doch so; wir wollen und glauben es doch von Natur. Die Kraft des Menschen lag vor dem Fall in Gott: nach dem Fall will der Mensch selbst und in sich selbst kräftig sein; - die Weisheit des Menschen lag vor dem Fall in Gott; er wusste keine andere Quelle derselben als Gott; von dieser höchsten Weisheit ließ er sich belehren wie ein Kind: nach dem Fall aber will er selbst weise sein, klug und verständig; die Freiheit des Menschen lag vor dem Fall in Gott und in der Übereinstimmung seines innersten Willens mit dem Willen Gottes: nach dem Fall sucht der Mensch seine Freiheit in sich selber, in seiner Wahl, darin dass er keinen Höheren über sich anerkennt, kurz - er hat sich mit seinem Ich Gott gegenübergestellt. Daher kommt es, dass die Menschen wollen angesehen werden in der Welt; daher das Rennen und Jagen nach dem vergänglichen Reichtum; daher kommt Kleiderpracht und Eitelkeit, die mit allerhand Flitter getrieben wird; daher kommt das tiefe Wohlgefallen des Herzens am Lobe; daher kommt Herrschsucht und Unterdrückung Anderer; daher kommt Neid, Feindschaft; daher kommt es, dass man Ales niedertritt, was den ehrsüchtigen Absichten entgegensteht; daher kommt es, dass man oft kein beleidigendes Wörtchen überhören kann; daher kommt alles Böse, ausgenommen die Fleischessünden, weil der Mensch in seinem innersten Grund, gegenüber von Gott meistens unbewusst, und gegenüber von den Menschen meistens bewusst, selbst etwas sein, sich in sich selbst als groß, als klug, als mächtig, als schön, als liebenswürdig, mit Einem Wort, weil er sich als einen Gott fühlen will. (Ludwig Hofacker)