Sprüche 18,24
Andachten
Ein treuer Freund liebt mehr und steht fester bei, denn ein Bruder.
Spr. Sal, 18, 24.
Stark ist das Band, welches Brüder umschlingt, die unter einem Herzen geruht, die in demselben Vaterhause dieselben Freuden genossen, dieselben Kümmernisse gefühlt haben. Sie sind durch gemeinsame Empfindungen und Erfahrungen am Morgen des Lebens zur innigsten Verbindung geweiht.
Aber doch kommt die Zeit der Trennung. Die Vögel müssen das Nest verlassen und selbst ihre Schwingen versuchen über das Tal ihrer Heimat hinaus. Gebieterisch ergeht der Ruf der Welt, zu arbeiten und zu kämpfen. Das Vaterhaus löst sich auf, und wie die Blanken eines gescheiterten Schiffes treiben die einzelnen Insassen auf dem Ozean des Lebens. Die Pflichten in der Welt trennen die Einen; unglückliche Missverständnisse trennen je und dann die Andern; der Tod trennt endlich Alle.
Aber Einer ist, dessen Freundschaft und Liebe kein Umstand schwächen, keine Entfernung uns entziehen, und selbst der Tod nicht zerstören kann. Der gütigste Verwandte auf Erden muss im Vergleich mit diesem älteren Bruder zu uns sagen, wie Boas zu Ruth: Nun ist es wahr, dass ich dein naher Verwandter bin, aber es ist Einer näher denn ich!
Er ist Bruder, ja mehr als Bruder, Freund, Ratgeber, Arzt, Hirte, Trost und Erbteil, Alles zusammen! Wohl uns, dass, wenn alle andern Trostesquellen sich uns verschließen, wir ihn hören können, dessen Treue unwandelbar ist, und der da sagt: Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen.
Heil uns, dass, wenn uns der Boden unter den Füßen weicht, wir einen Ankergrund haben, der nicht wanken oder brechen kann. Ich will mich jetzt schlafen legen auf den Felsen der Ewigkeit, sagte einst ein Mann des Glaubens, der, nachdem er lange auf dem wilden Meer der Welt umhergetrieben, endlich den allein sicheren Hafen gefunden hatte.
Geprüfter Christ! Er hat dich niemals getäuscht und niemals wird Er's tun. Er ändert den Ton nicht, Er ist nicht launisch in seiner Zuneigung. Das Rohr kann brechen, der Fels bleibt unerschütterlich. Er ist selbst der wahre Bogen in den Wolken.
Die Verheißungen der Schrift sind mannigfaltig, wie die Farben im natürlichen Regenbogen, aber alle sind Ja in Ihm und Amen in Ihm.1) Wahrlich, gerade am trüben Tage muss dieser göttliche Bogen in Herrlichkeit erscheinen. Wir würden ja Christum gar nicht als den Bruder, der im Unglück aushält erkennen, wenn das Unglück nicht käme Gerade die Anfechtung entfaltet und enthüllt den unendlichen Wert seiner Bruderliebe. Während die Liebe irdischer Freunde ins Grab gesenkt wird, leuchtet die Liebe des himmlischen Freundes heller als zuvor. Wie einst Jonathan, als er müde und matt durch den Wald zog, Honigseim fand, der von einem Baume troff und sich dran labte, so setze du dich, o Erdenpilger, der du durch wildes Gestrüpp und undurchdringliches Gehölz der Trübsal wandern musst, unter den Schatten deines Freundes, des du begehrst, und seine Frucht sei deinem Gaumen süß.
Von diesem Lebensbaum rinnt Balsam für jedes gebrochene, verwundete, blutende Herz, für jeden mühseligen und beladenen Geist. Ja, Jesus will dir in den Stunden, wenn du dich einsam fühlst, oder allein stehst mit deinen Sorgen, seine Worte voll Geist und Leben dir süßer machen als Honig und Honigseim. Auf dem Throne zur Rechten des Vaters wohnend unter dem Lob der Ewigkeit, will Er dir doch das Herz und die Zärtlichkeit eines Bruders beweisen. Er schämt sich nicht, uns Brüder zu heißen.2) (John Ross MacDuff)