Psalm 92,16
Andachten
Der Herr ist mein Hort, und ist kein Unrecht an ihm.
Ein herrliches Schlusswort dieses herrlichen Sabbatpsalmes, der im Laufe der Jahrhunderte schon so manche Seele aus dem Erdenstaub gezogen hat! Es ist die Summe alles dessen, was die, die auch in ihren alten Tagen in dem Hause des Herrn gepflanzt sind, immer wieder zu erwägen und zu verkündigen haben; der kurze Inbegriff ihres Glaubensbekenntnisses, das Ergebnis ihrer gesamten Lebenserfahrung. „Der Herr ist mein Hort“; der Fels, hinter welchen ich mich verberge, wenn es um mich her blitzt und donnert und stürmt. Der Fels, auf den ich das Haus meiner irdischen und meiner himmlischen Hoffnung baue, sodass es, fest und tief gegründet, nicht wanken und nicht einstürzen kann. Der Fels, aus dem ich mich labe; denn in ihm sind verborgene Adern lebendigen Wassers, die man nur mit dem Stab des Glaubens anzurühren braucht, damit einem der erquickende Strahl entgegensprudelt. Das ist er, heute so wie ehemals und in alle Zukunft, und bei ihm, der das für jeden von den Seinen ist, kann niemals die Rede sein von Unrecht. Kein Unrecht in seinen Forderungen, und scheinen sie uns auch noch so unbillig und übertrieben. Kein Unrecht in seinen Gaben, denn, wie ungleich sie auch verteilt sein mögen, die höchste Weisheit verwaltet sie. Er legt keine Rechenschaft ab von seinem Tun, aber alles, was er tut, kann er vollkommen verantworten; er verbirgt sich oft, aber er irrt sich nie. Kein Unrecht endlich auch in seinen strengsten Gerichten, denn wenn er unsere heimlichen Sünden in das Licht seines Angesichts stellt, so ist auch die härteste Strafe nicht unverdient. Wir können leider - Missgriffe begehen und leiden oft auch bitteres Unrecht von den Menschen, aber es geschieht nicht ohne ihn; und in mancher Kränkung ist ganz ohne Mitwissen desjenigen, der sie uns zufügt, das unverletzliche Gericht Gottes nicht zu verkennen. Wer dem unbedingt zustimmt, weil er sein treues Gewissen sprechen lässt, und dennoch Glauben genug hat, um von diesem Richter zu bekennen: „Er ist mein Hort“ - was meint ihr, kann dieser Mensch es nicht im Stillen recht gut haben für sich selbst, auch mitten in der langen, bangen Arbeitswoche dieses Lebens, ja kann er, was noch mehr ist, nicht schon recht tüchtig vorwärts gekommen sein auf dem Wege, der ihn dahin führt, wo er das vollkommene Sabbatslied singen kann, in den himmlischen Tempel, wo sein Hort und Fels nicht länger von Nebeln verdeckt sein wird, wo das Unrecht auch nicht einmal dem Scheine nach fortdauern kann?
Selig, wer auf dem Wege ist, ein solcher Mensch zu werden! Gott lehrt ihn ja schon hier in der Erdennacht den Psalm, der dort am Tage des ewigen Sabbats noch viel freudiger gesungen wird. Wäre es unmöglich, dass er sogar anderen diesen Psalm vorsingen lernte? Das ist gewiss: auch in der niedrigen Stellung eines Türhüters wird er sich vollkommen zu Hause, ja unaussprechlich begnadigt fühlen. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)