Psalm 77,5
Andachten
Meine Augen hältst du, dass sie wachen; ich bin so ohnmächtig, dass ich nicht reden kann. Ich denke der alten Zeit, der vorigen Jahre. Ich denke des Nachts an mein Saitenspiel, und mein Geist muss forschen.
Das Schreien zu Gott scheint keine Hilfe gebracht zu haben; die Not wird tiefer; schlaflos sind die Augen; kraftlos ist der Wille; sprachlos der Mund; ratlos bleibt der Sinn auch beim Gedenken an die früheren Zeiten. Gott lässt sein Kind in der Tiefe bleiben, ja noch tiefer in die Dunkelheit kommen. Der Sänger denkt der alten Zeit, aber ohne Trost aus den vergangenen Durchhilfen für die Gegenwart zu schöpfen, sondern um sich zu sagen: damals war Gott mir gnädig, jetzt nimmermehr; damals sang ich meine Loblieder, nun ist die Harfe verstummt. Ein undurchdringlicher Nebel hat sich um ihn gelagert, so dass der Angefochtene die göttlichen Führungen für unrichtig und seine Verheißungen für unsicher hält. Aber der Nebel liegt nur über seinem Auge; sein Gesichtskreis hat sich verengert, schreit er ja nicht mehr zu Gott, sondern redet nur noch mit seinem eigenen Herzen und von da kommt nichts Gutes als Antwort. Das Rad seiner Gedanken eilt immer rascher, aber nur um die Achse seines eigenen Ichs; und wenn auch sein Geist forschet und gräbt, so bringt er nichts zu Tage, als taubes Gestein; die Goldader göttlicher Treue findet er nimmermehr.
Welch ein trüber Zustand der Angefochtenheit! Warum ist Assaph so weit gekommen? Er ist eben im Banne seiner eigenen Gedanken: ich bin so ohnmächtig, dass ich nicht reden kann, ich denke der alten Zeiten, ich denke des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen. Warum hat das Schreien zu Gott aufgehört? Wird denn Gott nicht in einer Kürze erretten seine Auserwählten, wenn sie Tag und Nacht zu ihm rufen? Warum nicht in des Glaubens Macht durch den Nebel des Zweifels dringen? Warum das eigene Ich so alleine reden lassen? Gibt man sich ihm hin, so erfasst es einen, wie der trichterförmige Strudel im Wasser, und zieht unaufhaltsam in die Tiefe.
Seele, kommst du je in solche Not, so halte inne mit deinem Denken; liege, wenn es nicht anders sein kann, ohnmächtig und gelähmt am Boden; aber lass Gott zu dir reden. Er wird dich retten. dass das Licht der Liebe Gottes allen Angefochtenen wieder scheinen würde, o dass der starke Gottheld sie aus dem Bann ihrer eigenen Gedanken erlöste.
Verlass mich nicht, o Herr, mein Gott, übergib mich nicht meinen Gedanken, sondern befreie mich von mir selber. Ziehe mich in dich hinein, dass nach der langen Nacht der Morgen anbreche! Amen. (Rudolf Wenger)