Psalm 42, 4
Andachten
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: wo ist nun dein Gott? Wenn ich des inne werde, so schütte ich mein Herz heraus bei mir selbst.
Viele Menschen meinen, das Gebet bestehe bloß im Wortemachen; dem lieben Gott etwas vorpredigen, mit beredter Zunge zu Gott sprechen, das heiße beten, je mehr, je besser. Christus sagt: Worte tun's nicht; viele Worte machen beim Gebet ist heidnisch, nicht christlich. Man soll aber doch länger, ja man soll unablässig, aller Orten beten. Was und wie soll man ihm denn tun? Wenn man nicht Worte, wenigstens nicht viele brauchen darf? Frage den David, der antwortet dir im Namen aller wahren Beter in obiger Stelle. (Psalm 6,7. und 42,4.) Anderswo sagt er gar: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Psalm 62,1. und Jesaias (30,15.) macht es zur Bedingnis, um Hilfe und Kraft zu erlangen, müsse man stille sein und hoffen, nicht Wortkriege mit Gott führen. Christus selbst, in seinem heißesten Gebete, in der tiefsten Angst wie wenige Worte machte er? dieselben Worte wiederholte er dreimal. Der Irrtum liegt bei den Leuten darin, dass sie glauben, das Gebet sei eine Sache der Zunge, nicht des Herzens. Die Zunge muss freilich im Dienste des Herzens stehen, wenn man ihrer bedarf; aber das Herz muss beten, ringen, harren, hoffen, glauben und seufzen. Manchmal müssen Tränen mehr sagen als Worte. So waren gewiss auch der Blutschweiß und die Tränen des Heilandes ein größeres Geschrei in den Ohren des Vaters, als seine wenigen und kurzen Worte. Moses schrie auch zu Gott, da er den Mund nicht auftat (2. Mose 14,15.) In den Psalmen hört man den David oft schreien, und ich glaube, dass wohl immer ein solches innerliches Schreien zu verstehen ist. Doch will ich dir nicht wehren, wenn du auch manchmal laut schreien willst und musst. Es hat Alles seine Zeit. Daraus kann man denn auch schließen, was von Gebetbüchern und dem Beten aus denselben zu halten sei. Doch möchte ich gute Gebetbücher nicht unbedingt verwerfen, noch verwehren. Ein guter Beter kann auch damit recht umgehen. Sonst aber sind sie wie die Rechnungsbücher, wo man Alles ohne Mühe gleich finden kann, ohne selbst die Rechnung zu machen oder zu verstehen, und die man in meinem Vaterlande Faullenzer heißt. (Johannes Evangelista Gossner)
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Die Tränen haben ihren Ursprung aus den Bewegungen des Herzens, aus Mitleiden, aus Erbarmung und aus Liebe, auch aus Freude. Denn wenn das Herz bewogen wird zur Traurigkeit oder Freude, zur Liebe und Erbarmung, auch zu wahrer Reue, so ergießt sich es, und steigt die Feuchtigkeit, darin das Herz liegt, über sich, und wird zu Tränen. Je größer nun die Bewegungen des Herzens sind, desto milder die Tränen fließen, wie man an Maria Magdalena und an Petro sieht, in welchen die wahre Reue und die Liebe Christi groß war. So spricht auch David hier: Meine Tränen sind meine Speise . Ob nun wohl dasselbe kläglich und erbärmlich ist, wenn man in großer Traurigkeit so sehr weinen muss, so haben doch die herzlichen wahren Tränen einen sehr großen und hohen Nutzen. Denn 1. sind die Tränen das allerkräftigste Gebet und Geschrei zu Gott, welche in den Himmel schreien und die Wolken durchdringen: Der HErr hört mein Weinen. 2. Haben die rechten, wahren und herzlichen Tränen diesen Nutzen, dass sie ein edler Same sind, daraus große Freude wachsen wird. Sonderlich aber ist auf den Ursprung der Tränen zu sehen. David weinte hier, weil man in seiner Verfolgung seines Glaubens gespottet und gesagt hat: Wo ist nun dein Gott? (Johann Arnd)