Psalm 31,20
Andachten
Wie groß ist deine Güte, die du verborgen hast denen, die dich fürchten. Gelobt sei der Herr, dass er hat eine wunderliche Güte mir bewiesen.
Wer die Güte des Herrn erfährt, der kann nicht genug Rühmens von ihr machen, wie David in allen seinen Psalmen. Schien es ihm wohl manchmal, sie habe ein Ende, dass er ausrief: Ist's denn ganz und gar aus mit seiner Güte? hat denn Gott vergessen, gnädig zu sein? Psalm 77,9.10. so dachte er an die Taten des Herrn, an die vorigen Wunder, die er an ihm und seinem Volke bewiesen hat, und dann konnte er sich nicht mehr halten, gleich wieder die Güte des Herrn zu rühmen, und sich derselben zu freuen. Der Herr bleibt immer derselbe, immer die überschwängliche Güte, auch wenn er uns anders erscheint. Das vergiss nicht, Lieber! denn er wird dich, wenn du ihn und seine Güte gleich in ihrer ganzen Größe erfahren hättest, doch wieder in solche Umstände von innen und außen kommen lassen, dass es dir Mühe macht zu glauben, dass er noch gut sei, wenigstens wirst du stark versucht werden, zu zweifeln, ob er dir noch gut sei. Da mache es wie David, denke an die vorigen Wunder seiner Güte, die er an deinem Herzen, oder an andern, bewiesen hat. Oft aber wird er dir, wenn du ihn anders innig und brünstig, treu und beständig lieb hast, so gut erscheinen, dass du wieder Mühe hast zu glauben, ob er es denn wirklich sei, ob es nicht Täuschung oder Betrug sei; weil du nicht begreifen kannst, warum er gegen dich so gut und freundlich ist. Und je mehr du dich vor ihm beugst und dich seiner Güte unwürdig achtest, desto mehr wird er dich mit Gnade und Huld überschütten. Darum sei demütig, wenn er freundlich und gnädig ist, und sei unverzagt und zuversichtlich, wenn er ungnädig und unfreundlich scheint. (Johannes Evangelista Gossner)
Wie groß ist deine Güte, die du verborgen hast denen, die dich fürchten und erzeigest denen, die vor den Leuten auf dich trauen!
Gott fürchten, heißt das Böse verabscheuen, das Gute tun. Gottesfurcht ist nur da, wo ein frommes Leben ist. Groß ist also die Güte, die der Herr einem frommen Leben verheißen hat. Doch erscheinen in dieser Schriftstelle besonders die Worte, die du verborgen hast, denen, die dich fürchten, bedeutungsvoll. Groß ist die Güte, die der Herr verborgen hat für die Frommen. Dies lehrt uns, dass die Segnungen eines frommen Lebens nicht immer gleich recht sichtbar erscheinen, dass der Fromme nicht auf schnell eintretenden, sichtbaren Lohn seiner guten Taten zu warten hat. Und dem ist auch so, das bestätigt die Erfahrung. Je gewissenhafter wir unsere Pflicht erfüllen, je ernster uns das Bestreben, frömmer zu werden, ist, je sorgfältiger wir uns selbst beobachten, je genauer wir es auch mit kleineren Fehlern nehmen; je mehr wir uns scheuen, auch nur im Geringsten Unrecht zu tun, desto mehr Kämpfe haben wir zu bestehen, desto rauer ist oft die Bahn, die wir wandeln. Wir müssen uns Manches versagen; wir können es nicht Allen recht machen; wir werden wohl öfter auch verkannt und das Glück scheint uns weniger, als Andere zu begünstigen. Aber doch bleibt der Segen eines frommen Lebens nicht aus. Groß er scheint zuweilen schon hier die große Güte, die der Herr denen verborgen hat, die ihn fürchten. Es gelingt uns manches gute Werk; wir finden befreundete Seelen, wir sind beseligt durch den Frieden unseres Gewissens, und immer größer wird die Zahl reiner, unschuldiger Freuden, beglückender Augenblicke und Stunden. Doch recht herrlich wird sich erst einst in jener besseren Welt die Güte zeigen, die der Herr denen, die ihn fürchten, verborgen hat. Wir wissen nicht, was dort unser Teil ist, aber dass das Glück, das den Frommen dort zu Teil wird, alle Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche übersteigt, das wissen wir gewiss. O lasst uns den Segen eines frommen Lebens zu erringen suchen. Das sei der Vorsatz, den wir erneuert fassen.
Herr leite uns auf deiner Bahn! - Erhalte uns bei dir, wenn auch Kampf und Versuchung uns von dir abwendig machen wollten. Segne uns mit dem Heile, das du den Frommen verheißen hast und gib, dass es dort einst im höheren Maße ewig unser Teil werde. Amen!(Christoph Wilhelm Goetz)