Psalm 18,1
Andachten
Herr, Du großer und reicher Gott, ich weiß nicht, was ich von Dir bitten soll. Du allein weißt, was ich bedarf, und liebst mich mehr, als ich mich selbst zu lieben weiß. Ich wage es nicht, weder um Trübsale, noch um Tröstungen zu bitten; ich komme bloß vor Dein Angesicht, ich öffne Dir mein Herz. Siehe meine Bedürfnisse, die ich nicht kenne; siehe und tue nach Deiner Barmherzigkeit. Schlage mich oder heile mich, lege mir eine Last auf oder erlöse mich davon, ich bete in allen Stücken Deinen Willen an, ohne ihn zu erkennen, ich schweige, ich opfere mich auf, ich gebe mich hin. Ich habe keinen Wunsch als den Wunsch, Deinen Willen zu erfüllen.
Du, o mein Gott, mein Vater, Du weißt, ob ich Dich lieb habe. Du weißt es, denn mir selbst ist der Grund meines Herzens verborgen. Aber ich will Dich lieben; ich fürchte Dich nicht genug zu lieben, und ich bitte Dich um Fülle der Liebe. Du siehst mein Verlangen und wirkst es in mir. O Gott, der Du mich so innig und so endlos liebst, siehe an nicht mich und meine Ungerechtigkeit, sondern was Du in mir liebst, und gib mir Fülle der Liebe.
Was kann mir mangeln, wenn ich Dich habe? Nichts ist gut als Du, Herr. Nimm mir Alles, Ehre, Freude, Gesundheit und Leben; so lange Du selbst Dich meinem Herzen nicht entziehst, bin ich reich und habe Alles, und ist mir nichts verloren. Ich bin in Deiner Hand. Du leitest mich nach Deinem Rat, und nimmst mich endlich mit Ehren an. Wenn Deine Kraft in meiner Schwachheit mächtig ist, so kann mir nichts mangeln.
Gott, Du bist Herr der ganzen Natur; Alles gehorcht Deiner Stimme, Alles lebt durch Dich. Du bist meiner Seelen Seele, bist mir näher als ich mir selbst bin. Alles ist Dein; soll mein Herz es nicht auch sein? Du hast es gemacht und Du liebst es. Dir gehört es und nicht mir. Und Du willst auch mir gehören und mein sein. Nun, Herr, ich liebe Dich und habe kein anderes Gut, und will kein anderes haben. Ich begehre nicht außerordentliche Erkenntnisse, ich begehre nur Dich, und was mich zu Dir führen kann. Nach Dir dürstet meine Seele. Mache es mit mir, wie es Dir wohlgefällt; nur bleibe Du mein Trost und meines Herzens Teil. Amen. (Friedrich Arndt)
Auslegungen
1. Ein Psalm vorzusingen, Davids, des HErrn Knechts, welcher hat dem HErrn die Worte dieses Liedes geredet zur Zeit, da ihn der HErr errettet hatte von der Hand seiner Feinde und von der Hand Sauls, 2. Und sprach: Herzlich lieb habe ich dich, HErr, meine Stärke; 3. HErr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein GOtt, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils, und mein Schutz. 4. Ich will den HErrn loben und anrufen, so werde ich von meinen Feinden erlöst. 6. Denn es umfingen mich des Todes Bande, und die Bäche Belials erschreckten mich, 6. Der Höllen Bande umfingen mich, und des Todes Stricke überwältigten mich. 7. Wenn mir angst ist, so rufe ich den HErrn an, und schreie zu meinem GOtt: so erhört er meine Stimme von seinem Tempel, und mein Geschrei kommt vor ihn zu seinen Ohren. 8. Die Erde bebte, und ward bewegt, und die Grundfeste der Berge regten sich, und bebten, da er zornig war. 9. Dampf ging auf von seiner Nase, und verzehrend Feuer von seinem Mund, dass es davon blitzte, 10. Er neigte den Himmel und fuhr herab, und Dunkel war unter seinen Füßen. 11. Und er fuhr auf dem Cherub, und flog daher, er schwebte auf den Fittigen des Windes. 12. Sein Gezelt um ihn her war finster, und schwarze dicke Wolken, darinnen er verborgen war. 13. Vom Glanz vor ihm trennten sich die Wolken, mit Hagel und Blitzen, 14. Und der HErr donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seinen Donner aus mit Hagel und Blitzen. 15. Er schoss seine Strahlen, und zerstreute sie, er ließ sehr blitzen, und schreckte sie. 16. Da sah man Wassergüsse, und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt, HErr, von deinem Schelten, von dem Odem und Schnauben deiner Nase. 17. Er schickte aus von der Höhe, und holte mich, und zog mich aus großen Wassern. 18. Er errettete mich von meinen starken Feinden, von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren, 19. Die mich überwältigten zur Zeit meines Unfalls; und der HErr ward meine Zuversicht. 20. Und er führte mich aus in den Raum, er riss mich heraus, denn er hatte Lust zu mir. 21. Der HErr tut wohl an mir, nach meiner Gerechtigkeit, er vergilt mir nach der Reinigkeit meiner Hände. 22. Denn ich halte die Wege des HErrn, und bin nicht gottlos wider meinen GOtt. 23. Denn alle seine Rechte habe ich vor Augen, und seine Gebote werfe ich nicht von mir. 24. Sondern ich bin ohne Wandel vor ihm, und hüte mich vor Sünden. 25. Darum vergilt mir der HErr nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinigkeit meiner Hände vor seinen Augen. 26. Bei den Heiligen bist du heilig, und bei den Frommen bist du fromm, 27. Und bei den Reinen bist du rein, und bei den Verkehrten bist du verkehrt. 28. Denn du hilfst dem elenden Volk und die hohen Augen niedrigst du. 29. Denn du erleuchtest meine Leuchte; der HErr, mein GOtt, macht meine Finsternis Licht. 30. Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschmeißen, und mit meinem GOtt über die Mauer springen. 31. GOttes Wege sind ohne Wandel, die Reden des HErrn sind durchläutert. Er ist ein Schild Allen, die ihm vertrauen. 32. Denn wo ist ein GOtt, ohne der HErr? Oder ein Hort, ohne unser GOtt? 33. GOtt rüstet mich mit Kraft, und macht meine Wege ohne Wandel. 34. Er macht meine Füße gleich den Hirschen, und stellt mich auf meine Höhe. 35. Er lehrt meine Hand streiten, und lehrt meinen Arm einen ehernen Bogen spannen, 39. Und gibst mir den Schild deines Heils, und deine Rechte stärkt mich; und wenn du mich demütigst, machst du mich groß. 87. Du machst unter mir Raum zu gehen, dass meine Knöchel nicht gleiten. 38. Ich will meinen Feinden nachjagen, und sie ergreifen, und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe. 39. Ich will sie zerschmeißen, und sollen mir nicht widerstehen; sie müssen unter meine Füße fallen. 40. Du kannst mich rüsten mit Stärke zum Streit; du kannst unter mich werfen, die sich wider mich sehen, 41. Du gibst mir meine Feinde in die Flucht, dass ich meine Hasser verstöre. 42. Sie rufen, aber da ist kein Helfer, zum HErrn, aber er antwortet ihnen nicht. 43. Ich will sie zerstoßen, wie Staub vor dem Winde, ich will sie wegräumen, wie den Kot auf der Gasse. 44. Du hilfst mir von dem zänkischen Volk, und machst mich ein Haupt unter den Heiden; ein Volk, das ich nicht kannte, dient mir. 46. Es gehorcht mir mit gehorsamen Ohren; ja den fremden Kindern hat es wider mich gefehlt. 46. Die fremden Kinder verschmachten, und zappeln in ihren Banden. 47. Der HErr lebt, und gelobt sei mein Hort; und der GOtt meines Heils müsse erhoben werden. 48. Der GOtt, der mir Rache gibt und zwingt die Völker unter mich; 49. Der mich errettet von meinen Feinden, und erhöht mich aus denen, die sich wider mich sehen; du hilfst mir von den Frevlern. 50. Darum will ich dir danken, HErr, unter den Heiden, und deinem Namen lobsingen, 51. Der seinem König großes Heil beweist, und wohltut seinem Gesalbten, David, und seinem Samen ewig.
Der 18. Psalm hat 1) eine umständliche Überschrift: Ein Psalm vorzusingen, Davids, des HErrn Knechts, welcher hat dem HErrn die Worte dieses Liedes geredet zur Zeit, da ihn der HErr errettet hatte von der Hand seiner Feinde und von der Hand Sauls. Hieraus kann man die Absicht des Psalmen genugsam erkennen, dass es nämlich ein Loblied gegen seinen GOtt sein soll, für das große Heil, so Er an David bewiesen, und so gibt es nun auch der weitere Inhalt, denn da bezeugt nun David 2) sein gutes Vorhaben, seinen erweckten Herzenssinn, in welchem er stehe, V. 2. 3. Sodann bezeugt er 3) seine Not and sein Bezeugen darinnen zwar kurz, aber sehr nachdrücklich, V. 5. 6. 7. 4) Aber am ausführlichsten stellt er nun die Hilfe GOttes vor, samt allen dabei vorkommenden Wunderführungen, und beschreibt dabei jeden Hauptumstand, besonders z. B. die große Anstalt, so GOtt dazu gemacht, V. 3- 17. Es gibt denkwürdige Exempel in der Schrift, was GOtt den Seinen für wunderbare Hilfe, auch durch Wetter, verschafft habe, z. E. im 2. Buch Mose 9,23. der HErr ließ Hagel regnen über Ägyptenland; welches im 77. Psalmen V. 16. zur gewaltigen Erlösung des Volkes gerechnet wird. Josua 10,11. ließ der HErr einen großen Hagel fallen über die Könige der Amoriter und ihr Heer, dass ihrer mehr vom Hagel starben denn vom Schwert. 1. Bach Sam. 7,10. ließ der HErr einen großen Donner donnern über die Philister, und schreckte sie, dass sie geschlagen wurden u. s. w. Desto weniger darf es einem unglaublich vorkommen, dass auch bei dem an David bewiesenen Heil GOttes solche Umstände vorgefallen, wie er im Psalmen beschreibt. David ist auch nicht der Letzte gewesen, dem zu lieb GOtt Sein Zeughaus so aufgeschlossen hat. Offenb. Joh. 8, 5. steht, wie auf die Gebete der Heiligen, Stimmen, Donner, Blitz und Erdbeben geschehen seien, und nach dem 16. Kap. V. 17-24. stehen noch mehr dergleichen bevor. Daher darf ein gläubiges Kind GOttes auch die gewöhnlichen Wetter als ein Angeld auf seine und aller Auserwählten GOttes zukünftige Erlösung ansehen. Sodann wie Ps. 2. beschrieben, die auf solche gemachte Anstalt wirklich geschehene Hilfe V. 12 - 21. Gleichwie aber an allen Werken GOttes das Köstlichste und für das Menschen-Herz das Brauchbarste ist, auf den köstlichen Grund in GOttes Rat und Willen zu sehen, aus welchem Alles geht, so breitet sich nun David im Psalmen weiter aus, den Grund darzulegen, aus dem es bei GOtt gegangen, und der wie alle Gedanken GOttes so köstlich ist, V. 21-30. Wenn einer aus solchen Demütigungen, Angstpressen und Todesgefahren, und Erfahrungen der Macht und Gnade GOttes herauskommt, so mag sich wohl sein geläutertes Gewissen mit solcher Freudigkeit darlegen, wie David tut, und zum Lob GOttes bezeugen, wie man die Gottesfurcht und Herzensredlichkeit so wohl zu genießen habe nach den gesegneten Folgen und Wirkungen davon, V. 30-38.; und davon macht er nun auch den Schluss aufs Weitere, was die Hilfe GOttes an ihm austragen werde, V. 38-47. Endlich wird mit fröhlichem Lob GOttes über das Vergangene und mit weiterem guten Vorsatz und Vertrauen auf das Zukünftige beschlossen. O! siehe aus diesem Allem, was der Teufel immer für einen Zorn gehabt, und wie sich die Feindschaft des Schlangen-Samens wider den Weibes-Samen immer an die Personen und Häuser vornehmlich gehängt hat, an welche GOtt Seine Verheißungen anknüpfte. Siehe aber auch, wie beim Weibes Samen, bei David und seinem Samen, mitten unter erlittenen Fersen-Stichen, es sich doch immer zum Sieg hinüber gelenkt hat. Halleluja!
Das Wort und die Rede GOttes wird uns im Leiben gegeben, und da leidet es gleichsam mit uns, und beweist sich bei allen demütigenden Erfahrungen als durchläutert. (Karl Heinrich Rieger)
Predigten
Arndt, Johann - Erbauliche Psalter-Erklärung - Psalm 18, Vers 1-16.
Dieser Psalm ist eine Danksagung für die wunderbare göttliche Hilfe und Errettung Davids von seinen Feinden und aus so mancherlei großer Not und Gefahr, ja für die herrlichen Siege über alle seine Feinde, was alles David unserem lieben Gott zuschreibt.
V. 2. 3. Herzlich lieb habe ich dich, HErr meine Stärke, HErr mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils und mein Schutz. D. i. ach HErr, mein Gott, ich erkenne die große Gnade, Liebe, Treue und Errettung, die du an mir bewiesen hast; was soll ich dir dafür tun? Mein Bestes und Höchstes, das ich dir geben kann, ist eine rechte, gründliche und kindliche Liebe. Hier sehen wir, warum unser lieber, getreuer Gott uns mit so vielen und großen Wohltaten begnadet und überschüttet; allein darum, dass er seine Liebe und Güte reichlich an uns beweise, und dass wir ihm sollen vertrauen und ihn herzlich lieb haben.
Nun nennt David neun Ursachen, warum wir Gott herzlich lieb haben sollen. HErr, spricht er, meine Stärke. Denn in allen großen Nöten ist der erste Trost Gottes Allmacht. Von uns selbst aus sind wir nichts und weniger als nichts: der HErr aber ist meine Stärke und mein Leben, mein Licht und Heil und meines Lebens Kraft (Ps. 27,1). Darum spricht auch Paulus (2 Kor. 11,30): ich will mich am Allerliebsten meiner Schwachheit rühmen, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.
HErr mein Fels; Gott ist ein Fels, ein unbeweglicher Grund unseres Glaubens und unserer Hoffnung und wird entgegengesetzt der Hoffnung und dem Vertrauen derer, so am Zeitlichen hangen. Das Haus, das ein Christ auf dem Felsen bauen soll, ist unser Glaube, Vertrauen, Hoffnung, Trost, Friede und Ruhe des Herzens.
HErr meine Burg; gleich wie man in Kriegsnot Zuflucht hat zu einer Festung, so ist Gott, der HErr, die sicherste Zuflucht in großen Nöten. Der HErr ist eine Feste in der Not und kennt die, so ihm vertrauen; wenn eine Flut herläuft, so macht er's mit derselben ein Ende, aber seine Feinde verfolgt er mit Finsternis (Nah. 1,7.8).
Soll der HErr unser Erretter sein, so muss er stärker sein denn alle unsere Feinde, Sünde, Tod, Teufel, Hölle und Welt. Er ist auch stark genug, denn er ist ein allmächtiger Gott, und errettet uns von unseren Feinden und von der Hand Aller, die uns hassen (Luk. 1,71).
HErr mein Gott; das ist ein rechtes Glaubenswort, als wollte David sagen: wenn mich gleich alle Menschen, ja alle Kreaturen verlassen haben, ja Leib und Seele mir verschmachten, so glaube ich doch, du bist mein Gott, der mir gnädig ist, der mich erhalten, der mich nimmermehr verlassen wird, in dem ich lebe, webe und bin.
HErr mein Hort; ein Hort ist nicht allein ein unbeweglicher Felsen, sondern ein solcher Felsen, darauf eine Festung gebaut ist, welche zu gewinnen nicht möglich ist. Ein solcher Hort ist unser Gott, wider welchen keine Macht noch Gewalt helfen kann, keine Weisheit, Rat oder Verstand. Alle, die wider ihn streiten, müssen zu Schanden werden und zu Grunde gehen wie Pharao mit aller seiner Macht.
St. Paulus nennt (Eph. 6, 16) unseren Glauben einen Schild, das mit wir können auslöschen alle feurigen Pfeile des Bösewichte. Unser Glaube ist aber darum ein Schild, weil er Christum und Gottes Gnade in Christo ergreift. Ach, wie manchen giftigen Pfeil des bösen Feindes und böser Leute treibt der liebe Gott zurück, dass sie uns nicht schaden; wie viele Pfeile treibt er zurück, dass sie den Feinden in ihr eigen Herz gehen!
Ist aber das Vorige alles zu wenig, so kommt David mit dem ganzen Reich Gottes und spricht: Gott, du Horn meines Heils. Gott hat aufgerichtet ein Horn des Heils (Luk. 1,69) d. i. ein starkes, festes Reich des ewigen Heils, der Gnaden, Vergebung der Sünden, der Gerechtigkeit, der Seligkeit, des ewigen Lebens in Christo Jesu.
Und wie Gott ist, so ist auch sein Schutz: Gott ist allmächtig, ewig, wunderbar, unüberwindlich, darum ist er auch unser allmächtiger, ewiger, wunderbarer, unüberwindlicher Schutz. Diesen Schutz Gottes sehen unsere Augen nicht; er besteht in dem wunderbaren Rat Gottes und seinen Mitteln, die über alle Vernunft gehen.
V. 4. Ich will den HErrn loben und anrufen, so werde ich von allen in einen Feinden erlöst. Ein jeder Christ hat leibliche und geistliche Feinde, zu welchen auch sein eigenes Fleisch und Blut gehört; gegen diese muss er einen geistlichen Streit führen und zwar mehr mit dem Glauben und Gebet als mit äußerlichen Waffen. Denn durch Glauben und Gebet empfangen die Gläubigen von dem HErrn Kraft, Stärke und Sieg. Das ist nicht eines Christen Leben, dass er nichts leide, sondern das ist sein Leben, dass er in vielem Leiden und Verfolgung einhergehe in der Kraft Gottes und im Sieg des Glaubens.
V. 5.6. Es umfingen mich des Todes Bande, und die Bäche Belials erschreckten mich, der Hölle Bande umfingen mich und des Todes Stricke überwältigten mich. Hier werden unsere drei größten Seelenfeinde genannt: Tod; Belial und Hölle, und werden erstlich dem Tod zugeeignet Stricke und Bande, das ist ein Gleichnis, genommen von einem Übeltäter, der zum Tode verurteilt gebunden und verwahrt wird. Weil wir aber alle von Natur Sünder sind vor Gott, so hat auch der Tod Macht über uns, nicht allein der zeitliche, sondern vielmehr der ewige Tod, welcher ist Gottes ewiger Zorn und Ungnade, ewige Unruhe und Angst der Seelen. Solchen Tod lässt unser lieber Gott in Anfechtungen manche fromme Seelen schmecken nicht zu ihrem Verderben, sondern zu ihrer Besserung.
Unser andrer Seelenfeind wird genannt Bäche Belials. Gleichwie ein angeschwollener Bach, wenn das Wasser wütet und tobt, Alles mit sich reißt, so bedeutet's hier den Grimm, das Wüten und Toben des Teufels, der seinen Grimm gegen eine arme Seele ausgießt als einen reißenden Bach, um sie in Verzweiflung zu stürzen. Merkt aber hier, dass der Psalm dem Teufel das Schrecken zuschreibt, dass er die Gewissen schreckt, mehr kann er nicht; er stellt sich grimmig und gräulich, dass man erschrickt, aber er hat keine Kraft und kann nichts tun.
Der dritte Feind unserer Seele ist die Hölle. Die Hölle ist nicht allein der Ort, da die Verdammten ewige Qual leiden, sondern es ist die Beraubung des göttlichen Trostes, des göttlichen Lichtes, des göttlichen Friedens, der seligen Ruhe in Gott. Manche betrübte Seele ist mit solcher Höllenpein geplagt, die einen Menschen nimmer lässt froh werden, ja oft keinen Trost will zulassen, wie David sagt (Ps. 77,3): meine Seele will sich nicht trösten lassen, und abermals (Ps. 88,16): ich leide deine Schrecken, dass ich schier verzage. Wider solche Anfechtungen haben wir den Trost:
V. 7. Wenn mir Angst ist, so rufe ich den HErrn an und schreie zu meinem Gott, so hört er meine Stimme von seinem Tempel, und mein Geschrei kommt vor ihm zu seinen Ohren. Das ist das rechte Mittel wider die Anfechtung, das uns der Heilige Geist selbst lehrt, ja Christus mit seinem eigenen Beispiel am Ölberg. Denn da sehen wir, wie er sich gehalten in seinen höchsten Anfechtungen und seinem Todeskampf: er hat gebetet. Wer nun dieses bewährte Mittel nicht gebrauchen will, der darf nicht meinen, dass er von der Anfechtung erlöst werde. Denn was will David mit diesen Worten und der HErr Christus anders, als mit ihrem eigenen Beispiel beweisen, dass durch Beten die Anfechtung überwunden werde? Als wollte er sagen: ich war mit den Banden der Hölle und des Todes umfangen, ich bin aber durch das liebe Gebet errettet. Darum sollen alle Menschen dafür halten, dass kein anderes Mittel sei, von allen leiblichen und geistlichen Anfechtungen errettet zu werden, denn das liebe Gebet.
V. 8. 9. Die Erde bebte und ward bewegt, und die Grundfeste der Berge regten sich und bebten, da er zornig war. Dampf ging auf von seiner Nase und verzehrendes Feuer von seinem Munde, dass es davon blitzte. In diesen und den folgenden Versen beschreibt der Psalmist im Ungewitter mit solchen denkwürdigen und besonderen Worten, dass man wohl sehen kann, es sei kein natürliches, sondern ein übernatürliches Wetter gewesen, wie sie Gott der HErr durch seine Gewalt und Allmacht erweckt, wenn er seine Kreaturen gebraucht zur Rache über die Gottlosen. Weil aber dieser Psalm zugleich eine Weissagung von Christo ist, von seinem Leiden, Sterben und Auferstehen, so ist diese Beschreibung des Ungewitters zugleich eine Beschreibung des großen Zornes Gottes wider die Sünde, welchen Christus in seinem Leiden ausgestanden hat. Gleichwie die Erde zittert und bebt vor dem Zorn Gottes, also hat unser HErr JEsus Christus den Zorn Gottes gefühlt, dass er davor gebebt, gezittert und gezagt und ihn wahrhaftig getragen hat für unsere Sünde.
Durch diese Beschreibung des Ungewitters wird aber auch Amt und Kraft des Gesetzes gezeigt; denn wie Erdbeben und Feuer, Donner und Blitz äußerlich vor Augen gestellt die Menschen erschrecken, so soll auch die Gesetzespredigt die Herzen und Gewissen erschrecken mit dem Zorn Gottes. Die hohen Berge bedeuten in der Schrift unter Anderem Hochmut, Stolz, Sicherheit und Frechheit des natürlichen, fleischlichen Menschen, welche durch den Donner und Blitz des Gesetzes müssen erschreckt werden, dass sie zittern und beben. Woher kommt nun solch Feuer und Blitz des Gesetzes? Aus Gottes Mund, wenn er zornig ist. Gleichwie Gott, der HErr, schrecklich redete auf dem Berge Sinai, und seine Stimme war wie eine starke Posaune und großer Donner, und sein Wort wie Feuer, dass die Kinder Israel flohen, also sollen noch heutigen Tages die Gesetz- und Bußpredigten, so aus dem heiligen Geist gehen, einen so großen Nachdruck haben. Denn was damals sichtbar, leiblich, äußerlich geschah, soll jetzt durchs Predigtamt geistlicher, verborgener Weise geschehen, also dass noch heutigen Tages verzehrendes Feuer aus dem Mund Gottes gehen soll durch sein Wort und Geist.
V. 10. Er neigte den Himmel und fuhr herab, und Dunkel war unter seinen Füßen, d. i. gleichwie man in starkem Ungewitter sieht, wie sich der Himmel auftut, oder die Wolken zerreißen und die Gewalt Gottes sich erschrecklich sehen lässt, und wie dort auf dem Berge Sinai der HErr herniederkam majestätisch, herrlich und schrecklich, also neigt er noch heutigen Tages den Himmel als seinen Thron zu uns herab, beide mit Zorn und Gnade, und fährt also herab, dass er offenbar mache seinen Zorn an den Gottlosen und seine Gnade an den Gläubigen. Es ist aber Dunkel zu seinen Füßen, seine Wege und Gerichte sind uns unbegreiflich und unerforschlich.
V. 11. Und er fuhr auf dem Cherub und flog daher, er schwebte auf den Fittichen des Windes. Gleichwie man an der Geschwindigkeit des Wetters, des Windes und der Wolken in großen Ungewittern, z. B. auf dem Berg Sinai die gewaltige Majestät und Gegenwart Gottes sah, so will Gott zu uns kommen im neuen Testament und schnell in unseren Herzen wirken als ein Blitz durchs Wort und seinen Geist. Wenn du nun im Wort Gottes Christum suchst und findest, und dadurch erleuchtet und bekehrt wirst, so fährt Gott auf dem Cherub zu dir; und wenn du die Bewegungen des Heiligen Geistes empfindest, so schwebt Gott auf den Fittichen des Windes. Denn so legt's der HErr aus (Joh. 3,8): der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Brausen wohl; du weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er fährt; also ist ein Jeder, der aus Gott geboren ist.
Wenn nun Gott zu uns kommt und uns bekehren will, wie macht er's denn?
V. 12. Sein Gezelt um ihn her war finster, und schwarze dicke Wolken, darin er verborgen war. Gott kommt zuerst zu uns in einer finsteren Wolke, zeigt uns seinen Zorn, erfüllt unser Herz mit Traurigkeit, Schrecken und Angst. Du darfst aber nicht verzagen, Gott ist in dieser Finsternis verborgen, es ist sein Gezelt. Er muss dich zuerst erschrecken, gar zunichte machen, töten, ja in die Hölle führen, ehe er dich lebendig macht und gen Himmel bringt. Und wenn dir's im Kreuz also geht, oder wenn du eine scharfe Bußpredigt hörst, die dich erschreckt, betrübt und traurig macht, gedenke: der HErr ist darin, sein Gezelt um ihn her ist finster, und schwarze, dicke Wolken, darin er verborgen ist.
Kann aber ein Mensch mit seinen bösen Herzen, Gedanken, Worten und Werken vor Gott und seinem Angesicht verborgen sein? O nein, denn der Psalmist fährt fort
V. 13. Vom Glanz vor ihm, oder vor seinem Angesicht, trennten sich die Wolken mit Hagel und Blitzen. Wie es am Sinai zuging, dass zwar Finsternis und Dunkel den Berg bedeckte, wie auch sonst die Finsternis der Wolken Alles bedeckt, dass Niemand den Andern sehen kann, und der Blitz erleuchtet im Augenblick Alles: also geht es auch zu bei des Menschen Bekehrung und in Gottes Gericht. Da setzt der Glanz des Angesichtes Gottes den Abgrund des menschlichen Herzens auf, dass sich daselbst nicht der geringste Gedanke, Wort oder Werk verbergen kann. Da trifft dann der Blitz- und Hagel Gottes alle Gedanken, Worte und Werke, und ist nichts vor ihm verborgen: unsere Missetat stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht (Ps. 90,9).
Was tut denn unser lieber Gott, wenn er durch seinen Glanz den Grund des Herzens offenbar gemacht hat?
V. 14. Und der HErr donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seinen Donner aus mit Hagel und Blitzen. Wie Gott, der HErr, auf dem Berge Sinai redete durch einen starken Donner und Blitz, und Moses redete, und Gott antwortete ihm laut: also hört man den schrecklichen Donner des Gesetzes im Gewissen; wenn Moses redet und die Sünde straft, den Sünder verflucht und verdammt, so antwortet ihm Gott laut, d. i. er gibt seinem Gesetzes-Donner Kraft und lässt die Gewissen seinen Zorn fühlen, so dass man merkt, es sei nicht Mosis, sondern Gottes Stimme. Denn solches bezeugt
V. 15. Er schoss seine Strahlen und zerstreute sie, er ließ sehr blitzen und schreckte sie. Wie Gott, der HErr, in Ägypten und im roten Meer durch Strahlen und Blitze die Feinde zerstreute und niederschlug, so muss er die Sünde als Gottes rechte Feindin, und das widerspenstige Herz durch die Strahlen seines Zornes darniederschlagen, auf dass der alte Mensch getötet und der neue geboren werde.
Und was ist endlich der Nutzen, die Frucht des Donners, des Blitzens und Strahlens des Gesetzes?
V. 16. Da sah man Wassergüsse, und des Erdboden Grund ward aufgedeckt, HErr, von deinem Schelten, vom Odem und Schnauben deiner Nase. Dadurch werden die Tränenflüsse erregt; da kommt David und spricht (Ps. 6,7): ich bin so müde von Seufzen und schwemme mein Bett die ganze Nacht; da kommt Petrus und fängt an bitterlich zu weinen. Da wird des Erdbodens Grund aufgedeckt, d. i. des Herzens Grund und gibt Erkenntnis der Sünden. Das kommt her von deinem Schelten, O HErr, von deinem Drohen und Schrecken, von dem Odem und Schnauben deiner Nase. Denn er wird mit dem Stab seines Mundes die Erde, das irdische Herz schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Und wenn das durch des Gesetzes Amt geschehen ist, so steht's wohl mit dem Menschen, so folgt dann (V. 17): er schickte aus von der Höhe und holte mich.
So wirkt Gott selbst durch sein Wort, Geist und Kraft in unseren Herzen die Bekehrung, und zerbricht zuerst den äußern, fleischlichen Menschen mit allen seinen Kräften, auf dass er hernach den neuen Menschen erbaue und lebendig mache. Heile du mich, HErr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm (Jer. 17,14). Amen.
Gebet.
HErr, allmächtiger Gott, wir sehen und hören deine Allmacht und deinen Zorn, und erkennen und bekennen, dass wir arme, elende Sünder sind; wir bitten dich, du wollst uns unsere Missetat um deines Sohnes Jesu Christi, unseres HErrn willen gnädiglich verzeihen und ja nicht weder alte noch neue Schuld zurechnen; denn wo du ins Gericht gehst mit deinen Knechten, so sind wir nicht allein an Gesundheit, an irdischen Gütern und zeitlicher Wohlfahrt, sondern auch an Leib und Seele ganz und gar verloren.
Schone unser, o HErr Gott, um deines Namen willen, auf dass wir dich noch lange, auch in diesem Leben, Loben und Preisen mögen. Gib uns gutes Wetter und unser tägliches Brot zu Erhaltung deiner Kirchen in diesen Landen um deines Sohnes JEsu Christi, unseres HErrn, willen. Amen.