Psalm 145,15
Andachten
Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit. Du tust deine Hand auf und erfüllst Alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
Die Erschaffung der Welt ist für jeden endlichen Geist unbegreiflich. „Durch den Glauben“, heißt es im Hebräerbriefe „merken wir, dass die Welt durch Gottes Wort fertig ist; dass Alles, was man steht, aus Nichts worden ist.“ Der Unglaube merkt es aber nicht, und verliert sich darum über den Ursprung der Welt in allerhand Mutmaßungen, von denen eine abenteuerlicher ist, als die andere. Ebenso unbegreiflich und anbetungswürdig, wie die Macht, Weisheit und Güte Gottes, welche sich in der Schöpfung offenbart, ist für ein gläubiges Gemüt die Liebe Gottes, mit welcher Er die Welt erhält. Denn nachdem der Mensch, das Ebenbild Gottes und der König seiner Schöpfung, sich wider Ihn empört und ein Reich gegründet hat, in welchem nicht Gott, sondern er selbst den Thron einnimmt, hat Gott die Erde nicht wieder wüste und leer werden, sondern im Großen und Ganzen so bleiben lassen, wie sie aus seinen Händen hervorging. Gott trägt noch Alles mit seinem allmächtigen Wort und die Ströme seiner Wohltaten ergießen sich täglich über die ganze Erde und ihre Bewohner. Gott hält die Sünde der Welt unter seiner Geduld. Und welche Sünden! Das Blut tausender von Abel schreit täglich zu ihm von der Erde um Rache, und würden wir in die Summe der Sünden, welche in dem Zeitraum einer einzigen Stunde auf Erden geschehen, Einsicht erhalten, so würde der Berg ihrer Gräuel uns erdrücken und das Concert ihrer tausend Millionen Stimmen uns töten. Scheint es uns doch oft schier unbegreiflich, wie die Sünden, welche wir in unsrer Umgebung begehen sehen und hören und wie viele bleiben uns auch da noch verborgen - ohne andere Strafe bleiben als die, welche sie als ihre natürlichen Folgen von selbst herbeiführen! Ja, dass wir selbst, da wir noch ein gottentfremdetes Leben führten, nicht mitten in unserem Sündenlaufe vom göttlichen Zorne weggerafft wurden, ist uns jetzt, wo wir den Gräuel der Sünde erkannt und ihr innerlichst den Rücken gekehrt haben, ein Wunder der göttlichen Geduld. Dieser ganzen sündigen Menschenwelt reicht Gott täglich und reichlich dar, was sie bedarf, um Leib und Seele zu erhalten; und Er tut das denen, die nicht nach Ihm fragen, Ihn nicht anrufen, und Ihm nicht danken, welche sich alle diese Güter aneignen wie einen Raub und dazu noch meinen, sie hätten ein Recht darauf, zu murren und über Ungerechtigkeit zu klagen, wenn sie sehen, dass sie ihnen nicht so überschüssig zufallen als Anderen, oder als sie glauben sie verdient zu haben. Das tut Er, so erhält Er ihnen das Leben, weil Er in göttlicher Geduld darauf wartet, dass auch ihre Zeit komme, wo sie Buße tun und zu Ihm zurückkehren möchten. Dazu erhält er ihnen das Leben und hat Geduld mit ihren Sünden, und entzieht ihnen seine Erhaltung erst dann, wenn alle Mittel erschöpft sind, sie zur Umkehr zu bewegen. - Sättigt denn Gott die, welche ihr Leben ohne Ihn führen, nur in der Erwartung, dass sie sich noch zu Ihm bekehren könnten, oder doch, wenn Er weiß, dass dies nimmer geschehen wird, damit sie keine Entschuldigung haben um wieviel mehr wird er dir darreichen, was du bedarfst, o gläubige Seele, die du bereits dein Antlitz Ihm wieder zugewandt hast, die du wieder nach Ihm und seinem Willen fragst, wieder zu Ihm betest, und wieder dankst für die Gaben, welche seine Barmherzigkeit dir zufließen lässt? Gott ist der Heiland aller Menschen, sonderlich aber der Gläubigen (1 Timoth. 4, 10). Bist du denn gläubig, so sei es auch ganz, und gib die quälenden Sorgen auf, welche dir Zeit, Mut und Kraft rauben, das zu tun, was vorliegt, und welche nicht aus dem Glauben, sondern aus dem Unglauben stammen. Bitte und erwarte was du brauchest zur Notdurft, zur Erhaltung des Lebens in deinen Verhältnissen, und überlasse es der Güte Gottes, dir mehr zu geben als du gebeten und erwartet hast. Nur der Glaube ist fröhlich und sieht Wunder, der Unglaube aber sieht nichts und hat immer zu wenig. (Anton Camillo Bertoldy)