Psalm 119,52
Andachten
Herr, wenn ich gedenke, wie du von der Welt her gerichtet hast, so werde ich getröstet.
„Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes, und dein Recht wie große Tiefe“ singt der Psalmist (Psalm 36, 7) und der Verfasser von Psalm 119 hat sich gleichwohl getröstet mit dem, was andere nicht weniger Fromme in stillem Entsetzen erbeben lässt? Gewiss, dieser Trostesquell liegt nicht so gleich vor der Hand, wenigstens nicht für den, der nur gedankenlos zugreift und schon glücklich ist, wenn er sich auch nur an einem Rohrhalm festhalten kann. Und doch ist es ein Wort für das Herz, wenigstens für dessen Herz, der das andere Psalmwort versteht: „Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen und heilig in allen seinen Werken“ (Psalm 145, 17). Wie gewaltig auch Gottes Urteile nicht nur von der Welt her“, sondern auch in unserer Zeit für den aufmerksamen Blick sein mögen, dennoch enthalten sie einen reichen Schatz von Trost, der sich ebenso wenig übersehen als erschöpfen lässt; und mancher, der sich müde grübelte über Gottes rätselhafte Wege, hat bei der Betrachtung seiner schrecklichen Gerichte das verloren gegangene Gleichgewicht zwischen seinem Denken und seinem Glauben wiedergewonnen.
Oder kommt es jemand wunderbar vor, dass man sich trösten kann sogar mit dem Gedanken an die Sündflut, an Sodoms Untergang, an die Verwüstung Jerusalems und an andere Schreckbilder gleicher Art? Lasst mich ihm antworten mit der Gegenfrage, ob denn wirklich unsere Welt- und Lebensanschauung so viel trostreicher sein würde, wenn Namen von so schrecklichem Klange uns nie zu Ohren gekommen wären, und wir dagegen jenes: „dass der Gerechte sei gleich wie der Gottlose“ (1. Mose 18,25), immer im Munde führen müssten? Aber dagegen ist gottlob hinreichend gesorgt, und wie mit Donnerstimme verkündigen Gottes Gerichte den einzelnen Menschen so gut wie ganzen Völkern das, was nur allzu oft vergessen wird, wenn es im sanften Sausen“ sich hören lässt, dass es einen Gott gibt, der da lebt und richtet auf dieser Erde. Welch' ein Trost! Es gibt einen Gott, der höher und größer ist als alle die Hohen, die seinen Namen und seine Sache bekämpfen, und der das scheinbar zerstörte Gleichgewicht immer wieder herstellt.
Und sind nicht Gottes Urteile doch auch wieder Erlösungen, sei's nun für wenige oder viele von den Seinen, und ist nicht auch die schwarze Gewitterwolke umsäumt mit einem silbernen Rand? Schwimmt nicht über den Wassern der Sündflut die Arche Noahs, und steigt nicht immer wieder aus dieser Arche auf die Taube des Gebetes, die nicht zurückkehrt ohne den Ölzweig des Friedens? Ja, was noch mehr ist, auch bei den Gerichten, die nicht nur über eine unverbesserliche Welt, sondern auch über das Haupt und durch das Herz der Kinder Gottes gehen wegen oftmals verborgener Ungerechtigkeit, ist noch immer ein Tropfen des Trostes in dem Wermutkelche verborgen, nämlich dieser: er, der um deiner Sünden willen dich heimsucht, handelt doch nicht mit dir nach deinen Sünden, und zeigt selbst in dieser Heimsuchung, dass er den Sünder noch lieb hat und sucht. Es ist hier gerade umgekehrt wie mit dem Buch, welches Johannes auf Patmos in einem Gesichte essen musste, erst süß von Geschmack, aber mit einem bitteren Nachgeschmack. Gottes Gerichte beugen uns erst unwillkürlich darnieder, bald aber heben sie uns tröstend wieder auf, vorausgesetzt, dass wir seine aufrichtigen Kinder sind. Auch das schrecklichste Urteil, ergehe es nun über Freund oder Feind, wird Vorzeichen und Weissagung seines letzten Kommens, und auf die bange Frage: „Kommst du in Frieden?“ kann für den Glauben die Antwort nicht zweifelhaft bleiben.
Darum, wenn dich vielleicht der Sonnenstrahl selbst nicht erquickt, horche, ob die Gewitterwolke dir nichts zu sagen hat. Es hat einmal jemand gesagt: Gott selbst hat das Bedürfnis, Recht zu behalten. Selig, wer ihm hier schon unbedingt Recht gibt, ehe Er bis auf den letzten Pfennig mit ihm rechtet. Suche du zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient; Er hat die Ewigkeit vor sich. Die Antwort, die der ausharrende Glaube auf sein letztes Gericht gibt, wird ein endloser Lobgesang sein. „Wer soll dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen preisen? denn deine Urteile sind offenbar geworden“ (Offenb. 15, 4). Auch bei den Urteilen Gottes, die am meisten Schrecken erregen, kann man schon hier das Ende voraussehen: „Er hat Alles wohl gemacht!“ Auf der Bergeshöhe sieht man wohl noch das Gewitter, aber es tobt doch nur zu unsern Füßen, und selbst heben unser Haupt zum Lichte empor! (Oosterzee, Johannes Jacobus van)