Krummacher, Friedrich Wilhelm - Adventspredigt
„Hosianna dem Sohne David!“ - Dies mein Gruß an euch beim Beginne des lieblichen Advents. In Echo töne es aus euern Herzen wieder: „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Ja mit Schalle werde sie von uns begrüßt, die bedeutungsvolle Zeit, die uns einen Geistesfrühling in den Winter der Natur, ein verheißungsreiches Morgenrot in die trüben Tage des scheidenden Jahres hereinträgt. - O, ein Tag verkündendes Morgenrot kommt uns zur guten Stunde; denn es sieht dunkel auf Erden aus, und schwärzere Schatten noch grauen, sehen wir recht, in der Ferne auf und machen uns bange. Aber kommt dies, kommt das, so kommt auch Er. Die Glocken, die Sturm läuten, signalisieren auch den Anzug des Sturmbedräuers. Eilen wir Ihm huldigend entgegen! Streuen wir Ihm die Palmen unsrer Hoffnungen, unsrer Gebete auf den Weg! O Heil uns, dass wir in den Nächten des Todestales Seiner uns getrösten dürfen! - Hosianna dem Sohne David! - Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
Psalm 45, 4-5.
Gürte dein Schwert an deine Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zu gut, und die Elenden bei Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.
Das bewunderungswürdig schöne Psalmlied, dem die eben verlesenen Worte entnommen sind, ist durch und durch prophetisch und handelt von Christo, dem Könige, und seiner Braut, der Kirche.
1.
Die Ansprache habt ihr gehört; sie heißt: „Du Held“. Wohl uns, dass wir auch unter diesem Titel an den Mann unsres Herzens appellieren dürfen. Lieblich ist es uns, schon im Munde des Altvaters Jakob die Worte zu finden: „Bis dass der Held komme;“ durchaus erwünscht, Psalm 89 zu lesen: „Ich habe einen Helden erweckt, der helfen soll;“ hocherfreulich, ihn bei Jesajas nicht nur „Wunderbar“ und „Rat“, sondern auch „Kraft“ und „Held“ genannt zu hören; ausnehmend köstlich, im Munde Moses sogar dem Zeugnisse zu begegnen: „Der Herr ist der rechte Kriegsmann, Herr ist sein Name.“ Er trägt der Namen viele, und der eine ist süßer und verheißungsvoller als der andere. Wir wissen, auch Hirte heißt er, auch Tröster, auch Seligmacher, und welche Titel sonst ihn schmücken. Aber diese Bezeichnungen, wir gestehen es, treten uns seit kurzem tiefer in den Hintergrund zurück, und im Vordergrunde unserer Seele liegt sein Name „Held“, sein Name „Kriegsmann“. „Du Licht,“ würde unsre Ansprache lauten, wenn die Erde ärmer wäre an Gotteswort. „Zeuch ein, Du Friedensfürst,“ würden wir rufen, wenn wir uns versichert halten dürften, dass an Korneliusherzen und Zachäushütten in der Welt kein Mangel sei. Wir riefen, „Helfer komm,“ wenn wir die Völker unter Gerichten, die sie betroffen, um Trost und Hilfe seufzen hörten. Aber die Lage der Dinge ist andrer Art. Die obwaltenden Umstände und Verhältnisse blasen uns die zarteren Titel von der Lippe und nötigen uns zu einem „Du Held, Du Kriegsmann!“ Schon im Blick auf unsre Gemeinden drängt sich uns bei unsern Adventsgebeten jene Ansprache von selber auf. Einen Helden erheischt ihr Zustand, wie schon der Zustand eines natürlichen Menschen überhaupt. Haben die Leute Gnade nötig, so darf dieselbe doch nicht kommen ohne das Geleit der Allmacht; Erleuchtung, so muss die Fackel mit Gewalt geschleudert werden. Sollen sie sich bekehren, so muss ein Stärkerer über den Starken kommen; sollen sie sich beugen, so bedarf es eines Hammers, der Felsen zerschmeißet. An Zuruf, Bitte und Ermahnung ist kein Mangel; aber was hilft's? Alles bleibt nach wie vor beim Alten. Jahr aus und ein werden die Posaunen geblasen; die Mauern Jerichos stehen, wie aus Erz geschmiedet, und wanken nicht. Mit dem Wohl der Ewigkeit wird gelockt, mit ihrem Weh gedräut und dreingeschlagen; aber die Herzen werden verhärteter und stumpfer. Predigten, Erbauungsbücher, Traktate, Alles ist in Masse vorhanden; und doch herrscht in unübersehbaren Strecken der starre Tod, und nirgends vernimmt man ein Rauschen auf dem weiten Totenfelde. Da stehen wir denn, unsrer menschlichen Ohnmacht in schmerzlichster Weise überführt, und gedenken an das Wort: „Ich arbeitete umsonst und verzehrte meine Kraft vergeblich!“ Was doch beginnen? - „Beten!“ - Freilich; aber wie? Komm, Freudenmeister? Erscheine, Friedensbote? Tritt her, Du Tröster? Nein, nein, ihr fühlt ja selbst: das sind die rechten Titel nicht. Ihr bedürft ja keines Trösters! Es gibt eine passendere Adresse, unter der wir unsre Adventsgebete entsenden müssen. Wir schreien: „Du Held, Du Held.“ Wir fordern den allmächtigen Kriegsmann auf den Plan.
Schauen wir weiter in die Welt hinaus, so wird uns hier vollends das „Du Held“ gewaltsam aufgenötigt. Was ist sie anders, die heutige Welt, als ein Kriegslager wider den Herrn und seinen Gesalbten, als ein tobendes Geschwader mit gefällter Waffe gegen das Reich des Lichts aufgestellt? Gab es eine Zeit, in der die Fahne des Satans frecher von den Höhen der Erde wehte und die Hölle größere Triumphe feiern zu können glaubte, als gegenwärtig? Wurde je das Wort des Lebens allgemeiner mit Füßen getreten und der Name Immanuels in höherem Maße verunglimpft, als heute? Gedenkt an die Festungswerke, die der Fürst dieser Welt in dem neuesten Liberalismus sich aufgemauert, an die Malzeichen der falschen Aufklärung, womit er Tausende inmitten der christlichen Kirche gezeichnet hat; an die Rebellendolche antichristischer Ideen, die hin und wieder schon in den Händen unbärtiger Knaben gegen Jesum blitzen, und an die Glut des fürchterlichen Hasses, den der Bösewicht gegen das Evangelium und dessen Freunde den Herzen seiner zahllosen Knechte und Helfershelfer eingetrichtert. Gedenket au die empörerischen Zuckungen, die aller göttlichen und menschlichen Ordnung den Umsturz drohen und stets bedenklicher durch die Völker gehen; an die unerhörte Frechheit, womit dem Gesetze des Allmächtigen Hohn gesprochen, die Sünde gerechtfertigt, das Fleisch auf den Thron erhoben wird; an die von der Hölle entzündeten Lästerzungen, wie sie in allen Ständen und Gesellschaften in unaufhörlicher Bewegung sind, um das Hehrste und Heiligste in den Staub herab zu ziehen, und an die klug berechneten Pläne und unverhüllten Bemühungen allewege, die Standarten Zions samt Sinais Tafeln unter das veraltete Gerät einer fabelhaften Vergangenheit zu verweisen, und das wahre, biblische Christentum wo möglich mit Stumpf und Stiel auf Erden auszuräuten. Dieses Alles und so Manches sonst noch, das dem Drachen und seinem Anhang bereits gelungen ist, vergegenwärtigt euch und urteilt, was für eines Helfers wir zu solcher Zeit bedürfen? Eines Helfers, der sanft einherfährt und mit freundlichen Lippen redet zu der Erde? O, ein solcher war schon lange da und hat in aller Weise aufs leutseligste den Rebellen zugesprochen. Jetzt sind wir eines Helden benötigt, eines Kriegsmannes. „Du Held, Du Held,“ heißt unsre Losung.
Und Gottlob! der Held, der not tut, ist vorhanden. Wir dürfen den Bräutigam unsrer Seelen getrost unter jenem Titel auf den Plan beschwören. Ja, er ist ein Starker sonder Gleichen und Allem, was sich wider ihn erhebt, ins Unermessliche gewachsen. O, der prächtigen Erscheinung, in der Er vor uns steht! Siehe, Allmacht ist sein Arm, die Majestät Jehovahs der Helm auf seinem Haupte; die Gerechtigkeit sein Panzer, und Gericht die Veste seines Stuhls. Welche Beuten und Siegeszeichen an den Stufen seines Thrones! Hier das zerbrochene Zepter des Höllenfürsten, da die schauerliche Kette, womit derselbe das auserwählte Volk zu binden drohte; dort der zerschellte Stachel des Todes, dieses Schreckenkönigs. Ja, ganze Bündel eroberter Fahnen, zerknickter Feindeswaffen umlagern ihn. Auf den Trümmern taufender von Götzentempeln steht sein Herrscherstuhl; Millionen von Dank- und Huldigungs-Adressen erlöster Sünder bilden den Teppich seiner Füße, und der nimmer endende Jubelchor, der Ihn umtönt, preist Ihn nicht allein als den Sieger über Welt, Tod und Hölle, sondern auch als den Überwinder der Sünde und einer noch stärkeren Macht: des Zornes Gottes. - Sehet, ein Solcher ist unser Freund, ein Solcher ist unser Geliebter. Seine Macht ist unbegrenzt, Er winkt, und der Erdkreis zittert. „Er ist herrlicher, denn die Raubeberge. Vor seinem Schelten sinken in Schlaf beide, Ross und Mann.“ Des freuen wir uns, des sind wir fröhlich und beten jauchzend: „Du Held, zerreiße den Himmel und fahre hernieder!“
2.
Die Ansprache habt ihr gehört; vernehmt jetzt auch den Inhalt des Adventsgebetes der Gemeinde Gottes in unsern Tagen. Sechs Bitten hat das Gebet, wie das Gebet des Herrn. O, dass sie von der ersten bis zur letzten durch die Wolken drängen! - „Gürte dein Schwert an deine Seite!“ heißt die erste Bitte. Unter andern Umständen beteten wir anders. Schlüge die Welt an ihre Brust, wir sprächen: „Auf, nimm dein Tränentüchlein, Herr!“ Sähen wir sie zitternd im Staube liegen, wir riefen: „Komm mit der Friedenspalme!“ Jetzt aber rütteln unsre Bitten an den Riegeln der göttlichen Rüst- und Waffenkammer und rufen zum Schwerte den Herrn, zum Schwerte. Freilich war es ein lieblicher Aufzug, in welchem er einst zu Jerusalem hereinritt. Das Füllen einer Eselin trug den holdseligen Friedenskönig, und vor ihm her ertönte der Ruf: „Freue dich, du Tochter Zion, denn siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig, ein Gerechter und ein Helfer!“ Dies ist aber nicht das einzige Bild, in welchem ihn uns die Schrift zu schauen gibt. Wir kennen den Herrn auch, wie er zu Josua tritt: ein Mann mit entblößtem Schwerte in der Hand, der dem Josua auf dessen Frage: „Gehörst du uns an oder unsern Feinden?“ die Antwort erteilt: „Ich bin ein Fürst über das Heer des Herrn und bin jetzt kommen!“ Wir kennen ihn nicht minder in dem Bilde, wie ihn Johannes sah: „Siehe, ein weißes Ross und Er der Reiter darauf; viele Kronen auf seinem Haupt, und geschrieben auf seines Kleides Saum: „König aller Könige, Herr aller Herren,“ Auch so kennen wir ihn und gestehen, dass er in diesen Erscheinungen uns für jetzt vor Allem gefällt, und sprechen: So komm, Herr Jesu, so erscheine, so tritt daher, bis die Welt wieder Palmzweige für Dich hat und Hosiannas, und Kleider, Deine Straße damit zu überbreiten; denn gegenwärtig hat sie keine. Was aber ist sein Schwert? Sein Wort ist's, seine überwältigende Macht ist's; der Blitz seines Eifers und das Feuer seines Zornes ist's. Um sich gegürtet hat er es, wenn das Wort zermalmend in die Herzen fährt, wenn die Lenden der Starken schüttern, wenn des Sünders Trotz in Buße umschlägt, und die Ahabs und Belsazers in der Welt unter dem Drucke seiner gewaltigen Hand den stolzen Nacken vor ihm beugen müssen. Aber gegürtet hat er sich auch dann, wenn er mit der Wucht seines ritterlichen Arms die Hochfahrenden von ihren Thronen stürzt, wenn er in heiligem Grimm den Lästerern seinen Fuß auf die Hälse setzt, wenn er um seines Reiches willen große Donner donnern lässt über die Philister und öffentlich zu Schanden machet, die da schreien: „Wer ist Er, dass wir seine Stimme hören sollen? Auf, lasset uns seine Seile von uns werfen!“ Seht, wenn dergleichen auf Erden geschieht, so sprechen wir: „Hier Schwert des Herrn!“ Ihm überlassen wir's, zu wem Er in der ersteren Weise rettend, zu wem er in der andern niederschlagend, mit dem Schwerte, kommen will; aber gerüstet muss er kommen, die Zeit erheischt es. Darum seufzen wir: „Gürte dein Schwert an deine Seite, du Held!“
„Und schmücke dich schön,“ fahren wir betend fort. Schmucks hat er freilich die Fülle; aber in den Augen der Welt hat er ihn verloren. Dass er ihn sich wiedernehme vor der Welt, das ist's, was wir in jener zweiten Bitte begehren. Seines Brustschildes hat man ihn beraubt: er soll nicht mehr Priester sein, der uns mit einem Opfer auf immer vollendete; seines Königszepters: man schüttelt den Kopf und spricht: „Wir wollen nicht, dass Dieser über uns herrsche;“ seines Purpurs: man versagt ihm die Huldigung, die ihm gebührt; ja seiner Gottheitskrone und des Diadems seiner ewigen Sohnschaft: man entwürdigt ihn zum Sohne Josephs und der Maria. Man reißt ihm die Schlüssel der Hölle und des Todes aus den Händen und löst die Zügel der Weltregierung von seinem Throne; mau entrafft ihm das Schwert und die Wage des Richters der lebendigen und der Toten und stempelt ihn in wildem Lästergeiste zum jüdischen Rabbi, zum menschlichen Sektenhaupte. Es ist uns wohl bewusst, dass dieses Alles nichts mehr zu bedeuten hat, als wenn eine verfemte Räuberbande im Walde den König, der sie verfolgen lässt, für entthront erklärt. Aber dass es eben kund und offenbar werden möchte, wie es mit dem Toben der Widersacher nichts auf sich habe, darnach verlanget uns, das liegt uns dringend an. Uns dürstet, den Mann unsrer Liebe verherrlicht zu sehen in der Welt; daher der Seufzer in unserm Adventsgebete: „Schmücke dich schön, du Held!“ Wie glänzte auf seiner Brust das Priesterschildlein, als einst die Dreitausend getroffen vom Blitze seiner göttlichen Erleuchtung an ihre Brust schlugen und bekennen mussten, sie wüssten nicht Rat noch Trost, als in Ihm und seinem Blute. Wie strahlte seine Gottesglorie auf, als er die wehrlosen Fischer und Zöllner mit dem großen Auftrage der Welteroberung unter die Völker sandte und mit Zeichen und Wundern der Allmacht ihr Wort bekräftigte. Wie erschien er in Majestät, als er diesen Boten die Herrlichkeit Roms und Athens zu Füßen legte und den Fürsten der Finsternis als einen geschlagenen Feind vor ihnen hertrieb. Wie leuchtete der Stern seines übermenschlichen Adels auf seiner Brust, als Jerusalem in Trümmer sank und über ihrem rauchenden Schutthaufen in flammenden Lettern das Wort erschien, das er einst gesprochen: „Kein Stein soll auf dem andern bleiben!“ Wie erwies er sich als den rechten Kriegsmann, als er jenem Kaiser, der mit dem Kreuzeszeichen auszog, alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße legte. Wie hehr schritt er vor Aller Augen über den Plan der Welt dahin, als er zu den Eisgefilden des Nordpols sprach: „Ihr seid mein,“ und Labrador und Grönland zu einem Garten Gottes umschuf. Wie schlug er seinen Fürstenmantel auseinander, da er die Inseln des stillen Meeres der Herrschaft des Satans entriss und aus dem Munde ihrer neugeborenen Bewohner sich ein Lob bereitete, wie ein lieblicheres kaum je auf Erden erklungen war. In dem Allen, wie schmückte er sich so schön; und seht, dass er es ferner tun wolle und immer reichlicher, sei es im Wetterstrahl, den er zerschmetternd in die Bollwerke der Hölle schleudre, oder sei es in Gnadenströmen, wodurch er das Land der Toten lebendig mache: das ist's, was wir begehren, wenn wir betend sprechen: „Schmücke dich schön!“
„Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck!“ heißt es weiter, buchstäblich: „Zeuch mit Gelingen einher.“ Sehet hier das dritte Anliegen unseres Adventsgebetes. „Ja, zeuch bin, zeuch hin!“ ruft unser Herz und will sich nicht schweigen lassen. Wir gedenken an die Millionen Heiden, die noch in Todesschatten sitzen und schreien: „Zeuch hin!“ An Israel, das zersprengte, das tief verkommene Volk und rufen: „Hole es heraus aus seinen Gräbern, bring's wieder, du Ehrenkönig!“ An Babel gedenken wir und seine Taumelkelche, und auf unsre Lippe drängt sich der Seufzer: „Gürte dein Schwert an deine Seite, du Held, zeuch hin!“ An das Toben der antichristischen Horden, und „Zeuch hin!“ heißt unser Feldgeschrei. Wir möchten ihn senden durch die Paläste der Großen, dass er sie überall seine Rechte lehrte; ihn senden zu den Königen und Fürsten, dass er ihnen sagte, Wes ihre Kronen seien. Zu so manchen Obrigkeiten, sie anzudonnern mit seinem Scheltwort, dass sie Sein vergaßen; zu so manchen Hochschulen und zu tausend Kirchen und Kapellen, dass er die Mietlinge und falschen Propheten von der Tenne fegte. Wir weisen ihn zu euch, ihr Satten in der Gemeinde, und sprechen: „Zeuch hin, du Held und banne den Geist des tiefen Schlafes, dem sie erlegen sind!“ Wir empfehlen seiner Pflege euch, ihr zweimal Erstorbenen unter uns, und seufzen: „Zeuch hin, du Lebensbronn, und töte den Doppeltod in ihren Herzen!“ Ja, wo irgend noch der Arge Triumphe feiert, da senden wir ihn hin, dass er dem Gewappneten seinen Raub entreiße und ihm die Lust vergälle; wo irgend noch ein Bollwerk der Hölle trotzet, da schreien wir: „Zeuch hin, zerscheitre es und pflanze deine Fahne auf die Trümmer!“
„Zeuch hin der Wahrheit zu gut,“ d. i. für die Sache der Wahrheit, oder um der Wahrheit willen. So unsre vierte Bitte. Es liegt uns daran, dass sich sein Wort bewähre, den tausend Lügen, Verneinungen und Widersprüchen gegenüber, welche die Welt durchkreuzen. Ein reicher Sternenhimmel großer Verheißungen schwebt noch leuchtend über unsrer Erde; dass Er sie erfülle bald, unverkennbar, augenfällig, darnach gelüstet uns. Noch bedeckt die Erkenntnis seines Namens nicht die Erde, wie Wasser den Meeresgrund; noch bringen ihm die Könige aus Reich Arabien nicht Geschenke; noch ist der Herr nicht Einer in der Welt; nicht Einer noch sein heiliger Name. Noch sind nicht alle Kronen zu seinen Füßen hingeworfen: „Du bist es würdig!“ Noch liegen Ihm seine Feinde nicht alle zum Schemel seiner Füße. Noch ist der große Friede nicht gesandt, der sein Volk beglücken soll. Noch ladet nicht Einer den Andern unter seinen Feigenbaum und Weinstock. Noch brach die Zeit nicht an, da die Kessel in Juda gleich sein werden, wie die Becken am Altar. O, es fehlt des Herrlichen, das nach der Verheißung kommen soll, noch viel; darum beten wir: „Herr, der Wahrheit zum Preise lass es Ja und Amen werden!
Unsre fünfte Bitte heißt: „Behalte die Elenden bei Recht,“ oder: „der untertretenen Gerechtigkeit nimm dich an.“ Dem Buchstaben nach heißen die Worte etwas anders; aber unsere Übersetzung hat den Hauptgedanken getroffen. Zum Anwalt begehrt die Bitte den Herrn bei jeder guten Sache, insonderheit bei derjenigen seiner kleinen Herde. Die Prozesse der Unschuld soll er führen und dieser zum Siege helfen. Wir seufzen umso dringender darum, je mehr die Ungerechtigkeit auf Erden überhandgenommen hat und die Liebe erkaltet ist. Wie sehen wir sein Volk auf Erden untertreten! Welche Unbilden widerfahren demselben täglich, welche Beeinträchtigungen werden ihm zugefügt! Wie liegt hier die eiserne Hand der weltlichen Macht auf ihm: man sprengt seine Häuflein gewaltsam auseinander, wo sie sich zum Lobe ihres Herrn vereinen wollen, und verfolgt sie, als wären sie nicht das Salz, sondern eine Pest der Erde. Wie wird es dort bedrängt und eingeengt, das heilige Volk, nicht selten am schonungslosesten von jener Kirche, welche von Alters her auf die Vertilgung des wahren Samens Gottes aus war, um demselben sich, dem gleisnerischen Bastard, unterzuschieben. Bald darf sich's keine Gotteshäuser bauen, keine Glocken läuten und muss seine Harfen an die Weiden hängen; bald versperrt man die Liebe des heiligen Volks in eherne Kerker und wehrt ihr, in Missions- und Bibelverbreitungs-Tätigkeit dem schmachtenden Bruder den Trunk lebendigen Wassers zuzutragen, dem unter die Mörder Gefallenen das Samariter-Öl in die tödliche Wunde zu träufeln. Ja, in der Kirche selbst, die den Namen des Evangeliums an ihrer Stirne trägt, muss sich's das Volk des Herrn zu tausend Malen gefallen lassen, dass es zu einem Heuchlervolke gestempelt, der Scheinheiligkeit angeklagt, ja, mit dem Titel „protestantischer Jesuiten“ gebrandmarkt, und wo sich's blicken lässt, mit verächtlichem Achselzucken und bitterem Hohn begrüßt wird. O, wie viel Ursache drum und Anlass zu dem Seufzer: „Behalte deine Elenden bei Recht!“ „Schaffe ihnen Raum, mache los die gefangene Tochter Zion von den Banden ihres Halses, vermehre ihr das Maß des Heiligen Geistes, tue hinweg von ihr die Hülle der Gebrechlichkeiten, auf dass zum Gericht und zur Beschämung ihrer Widersacher der Himmelskern des neuen Lebens in ihrem Innern hellleuchtend zur Erscheinung komme!“ Seht, dies der Inhalt und der Sinn der fünften Bitte.
„Deine Rechte beweise,“ oder „lehre dich Wunder“ So lautet die sechste. In ihr fallen noch einmal sämtliche vorhergegangenen Seufzer wie in einem Brennpunkt zusammen. - „Wunder!“ Ja, wir bekennen, selbst auf die Gefahr hin, der Glaubensschwäche geziehen zu werden, dass uns nach Wundern, nach augenfälligeren Selbstoffenbarungen unseres Hauptes, nach unverkennbareren Betätigungen seiner Macht, nach unzweideutigeren Erweisungen, dass er am Ruder des Weltschiffs sitze, herzlich verlange. Es will uns bedünken, als sei es Zeit, dass die Lästermäuler gestopft, die Bilderstürmer entwaffnet, die Spötter beschämt werden, und darum rufen wir: „Zeuch deine Stärke an, du Arm des Herrn; brich dein Schweigen, allmächtiger Ehrenkönig! Verneue unsre Tage wie vor Alters und lass wieder Blitze, Donner und Stimmen von deinem Stuhle gehen!“
3.
Seht, Brüder, das sind die Seufzer, womit wir heut zu Tage den Advent beginnen. Dass die Anliegen und Wünsche, die das Herz der Gemeinde Christi tiefinnerlichst bewegen. „Ja,“ sprechen wir, „so soll es wahr und gewiss sein;“ und nicht wir sagen so allein; siehe, auch das Amen des Allmächtigen ist zu Händen. Es bedarf nicht, dass es erst noch vom Himmel falle. Wir haben's schon. In seinem Worte ruht es, sechsfach; ein besonderes Amen zu jeder unsrer Bitten.
Wir beten: „Gürte dein Schwert an deine Seite, du Held;“ da spricht im Heiligen Geiste Johannes, auf Tage zielend, denen wir wenigstens nahe stehen: „Und ich sah den Himmel aufgetan, und siehe ein weißes Pferd, und der darauf saß, heißt: Treu und Wahrhaftig, und richtet und streitet mit Gerechtigkeit.
Und seine Augen sind wie Feuerflammen, und auf seinem Haupte viele Kronen. Und ihm folgten nach die Heere im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer und reiner Leinwand. Und aus seinem Munde ging ein scharf Schwert, damit er die Völker schlüge, und hatte einen Namen geschrieben auf sein Kleid, und auf seine Hüfte: „König aller Könige, Herr aller Herren!“ - Solches sah Johannes der Seher Gottes, und dies ist das Amen auf unsre erste Bitte.
Wir beten: „Schmücke dich schön, du Schönster der Menschenkinder!“ Und auf diese Bitte findet ihr das Amen bei Jesajas. „Ja,“ ruft er, „man wird sehen die Herrlichkeit des Herrn und den Schmuck unsres Gottes.“ - „Wer ist der, der von Edom kommt, und so geschmückt ist in seinen Kleidern, und einhertritt in seiner großen Kraft?“ Sacharia stimmt ein: „Den Tempel des Herrn wird er bauen, und den Schmuck tragen, und sitzen und herrschen auf seinem Thron.“ Ebenso Micha: „Ja, er wird herrlich werden zu seiner Zeit, soweit die Welt ist.“ Ebenso Paulus: „Herrlich wird der Herr erscheinen mit seinen Heiligen, und wunderbar in allen Gläubigen.“
Wir beten: „Zeuch mit Gelingen einher,“ und vernehmen als Amen nicht allein die fröhliche Kunde, „der Herr werde die Seile seiner heiligen Hütte von einem Ende der Erde bis zum andern spannen,“ sondern hören gar aus naher Zukunft eine truglose Stimme jauchzen: „Hallelujah, nun sind die Reiche dieser Welt unsers Gottes und seines Christus worden!“ Wir seufzen: „Halte dein Wort; zeuch einher der Wahrheit zu gut;“ und Habakuk gibt Antwort im Namen Gottes: „Und ob die Verheißung verzeucht, so harre ihrer, sie wird gewisslich kommen, und nicht verziehen;“ und der Herr selbst besiegelt's: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Wir schreien aus der Tiefe: „Behalte die Elenden bei Recht!“ Da beteuert uns der zweiundsiebenzigste Psalm: Er wird Recht schaffen den Elenden im Volk, und den Armen helfen, und die Unterdrücker zerschmeißen!“ Wir beten endlich: „Deine Rechte lehre dich Wunder tun;“ und empfangen aus seinem eigenen Munde den Bescheid: „Ja, ich will sie Wunder sehen lassen, wie zur Zeit, da sie aus Ägypten zogen;“ und abermals: „Der Herr wird Wunder tun oben am Himmel und unten auf Erden.“
Was wollen wir mehr? Nicht Hur und Aaron, sondern Er selbst stützt uns die Arme, indem wir unser Adventsgebet zu seinem Throne bringen. Stellen wir's denn täglich mit freudigem Mute vor sein heiliges Angesicht hin, und ruhen nicht, bis Sein Amen tatsächlich ins Leben trat, und alle Welt bei seinem lebenskräftigen: „Hier bin ich!“ die Kniee beuge und jede Zunge bekennen müsse, dass Er der Herr sei zur Ehre des Vaters. Amen.