Sie befinden sich hier: Andachtsbibel » Altes Testament » Hiob » Hiob 16,2
Zuletzt angesehen: Jesaja 4,3 Hiob 16,2

Hiob 16,2

Hiob 16,2

Andachten

“Ihr seid allzumal leidige Tröster.“
„Leidige Tröster“ - sind sie auch dir wohl einmal auf deinem Dornenpfade begegnet, mein leidender Bruder - oder gehörst vielleicht du, dem dies Blatt in die Hände kommt, selbst zu ihrem Geschlecht? Es wäre gar nicht zum Verwundern, denn kein Geschlecht ist so alt wie dieses und ist in so viel Verzweigungen über Gottes weite Welt verbreitet. Eliphas mit seiner beschränkten Weisheit und prahlerischen Beredsamkeit - Bildad mit seiner unzarten Gefühllosigkeit und Härte - Zophar mit seiner ungestümen Heftigkeit und seinem Dünkel - man trifft sie in allerlei Gestalt; leidige Tröster alle miteinander, die deine Wunden weder heilen, noch ihnen Linderung verschaffen, sie vielmehr heftiger schmerzen lassen woran sie erkennen?

Ebenso wie die Tröster Hiobs - nehmen wir die Dichtung einen Augenblick für Geschichte - sind es keine Fremden, die uns nichts angehen; keine Feinde, die es schlimm meinen, sondern Freunde sind es, die kommen „ein jeglicher aus seinem Ort, um Hiob zu klagen und zu trösten“. Freunde, freilich im weiteren Sinne, aber herzlose Freunde. Sie kommen, wie's sich guten Bekannten und Nachbarn geziemt, um dir ihre Teilnahme auszudrücken, wenn die böse Zeit über dich hereingebrochen ist, wie sie dies in gleichem Falle auch von dir erwarten würden, und haben einen Schatz von Worten mitgebracht denen nichts fehlt als das Herz, und ihr ungebetener Besuch wird dir schon dadurch zu einer neuen Art von Versuchung. Freunde sind es, ja, das zeigten sie schon durch ihr Kommen - aber ungeschickte. Sie suchen auf ihre Weise deine Betrübnis zu lindern, aber sie begehen Missgriff über Missgriff und gießen Essig auf deine Wunden statt Balsam. Was sie dir zu geben haben, sind Redensarten, schön gesetzte, oft gehörte die du selbst vielleicht noch schöner aussprechen könntest als sie aber eben darum nichts weiter als Wortklang, worin du alles andre eher und mehr hörst als das Herz! Kein Wunder; bleiben sie auch nicht stumm, sie sind und bleiben unmündig, unfähig, was ihr geistliches Verständnis angeht, etwas, sei es nun von den Wegen, die Gott dich führt, sei es von den schmerzlichen Leiden deines Herzens zu ergründen und zu verstehen. Darum kommen sie stets mit Allgemeinheiten, die jedoch kaum zu deiner Lage passen; mit einem Bibelspruche, aber einem solchen, den du nicht auf dich beziehen kannst; mit einem Liedervers, aber einem, der deinem Gedächtnis entschwunden ist. Es ist nicht anders möglich, endlich muss sich's zeigen, dass sie unvermögend sind, auch nur einen einzigen Strahl himmlischen Trostes in dein trostloses Herz fallen zu lassen. Sie sind ja - es ist wahr - sehr rein in der Lehre, sehr logisch in ihren Gründen, auch sehr freimütig, dich zu strafen, wenn sie nur etwas in den Seufzern deines Herzens, zwischen den Zeilen deines Briefes zu finden glaubten, was doch nach ihrer Meinung sich für deine Lippen nicht passte. Aber, aber, was geben solche Tröster; was nehmen sie dir von deinem Drucke, was bringen sie am Ende zuwege? Armer, armer Hiob! Bei einem solchen Schas solcher Freunde! Und von dieser Seite hattest du vielleicht Verständnis erwartet auf deinen mitleiderweckenden Schrei: Erbarmt euch meiner, o meine Freunde, denn Gottes Hand hat mich berührt!

Leidige Tröster - wie ihnen begegnen? Möge der größte Kreuzträger des Altertums es euch sagen aus dem Schatze seiner Leidenserfahrung: ertrage ihr Kommen! Auch dir werden sie nicht ausbleiben, wenn sie hören von dem Unglück, das über dich gekommen ist“. Auch das gehört dazu, meine betrübten Brüder und Schwestern: zum Trauerkleid und den Tränen der Besuch der Freunde; an jedes Bethanien des Schmerzes grenzt ein Jerusalem mit seinen teilnahmsvollen Juden. Ihr lebt nun einmal in der Welt, in diesem oder jenem Stande, in diesem oder jenem Kreise; ihr müsst auch da hindurch; blieben sie ganz fort, es würde ja auch nicht gut sein; es sind doch in gewisser Weise eure Freunde: Freunde des besten Freundes; sie wollen euch auf ihre Weise trösten, wenn ihr Trost auch nur ein leidiger Trost ist. Ertragt ihren Unverstand, ohne euch auf einen Wortstreit einzulassen; kein fruchtloserer Wortstreit als mit einem, der deutlich zeigt, dass ihm jedes Organ fehlt, um das Geheimnis unseres tiefsten Schmerzes zu verstehen. Vergebt ihnen ihre Härte, wenn sie eine Wunde wiederum bluten machen, die sie hätten schonen können und müssen! wie ja auch Hiob gleich bereit war, seinen so sehr verständigen und doch so ungerechten Freunden zu vergeben. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Scheltwort mit Scheltwort; und endlich: erwartet alles allein von dem besseren Tröster. Der gequälte Hiob findet keinen Trost, bevor er nicht in Wahrheit hat verstehen lernen, was es heißt: sein Vertrauen von allen Geschöpfen abziehen und allein auf Gott setzen. Wann werden wir doch endlich einmal unsre letzte Täuschung über die Welt, die Menschen, die Frommen fahren lassen? Es gibt schließlich nur Einen, der uns nie die Veranlassung geben wird, ihn einen „leidigen Tröster“ zu nennen. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)

Predigten

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Speichern von Cookies auf Ihrem Computer zu. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzbestimmungen gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
at/18/hiob_16_2.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain