2. Mose 13,17
Andachten
Da nun Pharao das Volk gelassen hatte, führte sie Gott nicht auf die Straße durch der Philister Land, die am nächsten war; denn Gott gedachte, es möchte das Volk gereuen, wenn sie den Streit sahen, und wieder in Ägypten umkehren. Darum führte er das Volk um auf die Straße durch die Wüste am Schilfmeer.
„Die grade Linie ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten,“ das haben wir schon in unserer Jugend gehört; aber wer ist Jüngling und Mann geworden, ohne es immer wieder zu erfahren, dass der Lauf des Lebens noch lange nicht immer an die grade, sondern vielmehr an die gebogene und krumme Linie erinnert? In der Tat, auf die Gefahr hin, dass jemand uns die spöttische Frage vorlegt, ob denn in unseren Augen die Wege des Herrn nicht grade seien, dürfen wir kühn behaupten, dass auf dem Gebiete der anbetungswürdigen Regierung Gottes grade die ungrade Linie die schönste ist, ja dass sie keine seltene Ausnahme ist, sondern vielmehr feste Regel zu sein scheint in der Vollführung seines Ratschlusses mit den Seinen. Auf einem Umwege führte Gott sein Volk in das Land seiner Bestimmung. Nicht auf dem nächsten Wege, durch der Philister Land kommt Israel nach Kanaan, sondern es muss sich zufrieden geben mit dem langen, langen Zug durch die Wüste am Schilfmeer. seltsame Wahl, möchte man da wohl sagen, und doch - wie vielen ist es früher und später ganz ebenso ergangen? Gewiss, Gott allein kennt den kürzesten Weg, aber darum wählt und geht Er ihn noch lange nicht immer; Er führt uns auf dem besten Wege, wenn der dann auch länger und rauer ist. Was ist, um nicht weiter zurückzugehen, der Aufenthalt des Moses in Midian anders als solch ein scheinbar zweckloser Umweg? Auf einem Umweg über Hebron gelangt David auf den längst verheißenen Thron zu Jerusalem; und der große Davidssohn, warum musste der als Kind von Bethlehem nach Nazareth grade durch Ägypten geführt werden, und warum geht sein Leidenstag von dem Richthause des Pilatus nach Golgatha durch den Palast des Herodes? Auf welche Weise wird zuletzt des Paulus Sehnsucht Rom zu sehen, endlich erfüllt - und Onesimus, der als ein Dieb seinem Herrn entlief, auf welchem Wege kehrte er als Christ zu ihm zurück? Auf einem Umweg, scheinbar zwecklos und willkürlich gewählt, und oft wohl wären wir geneigt von Aufenthalt, Zeitverlust, verlorener Mühe zu reden und doch ….. Auf einem Umwege - das Wort könnte als Überschrift stehen über den Jahrbüchern der Geschichte der Kirche, der Mission, der Welt. Noch mehr; wiederholt sich diese Regel nicht immer wieder auch im geistlichen Leben? Gewiss, von dem Augenblicke an, wo du mit wahrhaftigem Glauben den Heiland angenommen hast, bist du bewahrt vor dem zukünftigen Zorn; aber bist du wirklich, fühlst und zeigst du dich wirklich als ein Erlöster des Herrn? Ach, wie viel Stillstand, Aufenthalt und Rückgang in der kleinen Welt im Innern; wie viel Umwege, die uns immer weiter weg zu führen scheinen von dem Ziele unsrer irdischen und himmlischen Berufung! Wir glaubten näher als je zu sein beim Hafen der Ruhe, und auf einmal sind wir weiter davon als je zuvor, und das Schifflein ist zurückgeschleudert in die brandenden Wogen. Wahrlich, man braucht kein Prophet zu sein, um aus tiefstem Herzensgrund das Wort des Propheten zu wiederholen: „Ich weiß, Herr, dass des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt, und steht in niemandes Macht, wie er wandele oder seinen Gang richte (Jerem. 10,23).“ Auf Umwegen; - Gott handelt mit gutem Grunde so, und er will, dass der Mensch darauf achte, damit sein Glaube nicht aufhöre, auch dann nicht, wenn's uns ganz anders geht, als wir gedacht und geträumt hatten. Der kürzere Weg wäre, wie der Zusammenhang lehrt, in diesem Falle für Israel grade am wenigsten geeignet gewesen; darum wählt Gott den längeren. Gerade weil die ewige Weisheit durchaus nicht mit der Zeit zu rechnen braucht, nimmt sie umso mehr Rücksicht auf unsre tiefsten Bedürfnisse. Die Umwege sind Meisterzüge auf der Karte, die ein höherer Finger uns vorgezeichnet hat; und wer kann es aussprechen, was für unvergessliche Erfahrungen er diesen Umwegen, seiner Seele zu ewigem Segen, zu verdanken hatte. Am Ende erscheinen sie uns doch immer als die besten Wege, und auch - als die nächsten. Und dabei sollten wir noch klagen, widerstreben, vorauslaufen wollen? Weit eher geziemte sich's uns, glaubensvoll zu sprechen:
Du führest, Herr, die Deinen
Nicht immer wie sie's meinen,
Doch stets nach deinem Rat.
Ob ich mich auch betrübe,
Bleibt doch dein Rat voll Liebe;
Das zeigt der Ausgang mit der Tat.
Wenn ich hier Tiefen sehe,
Und es nicht ganz verstehe,
Was du mit mir getan,
Kann ich doch des mich trösten:
Du nimmst mich, mich Erlösten,
Gewiss dereinst zu Ehren an. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)