1. Mose 5,29
Andachten
Dieser wird uns trösten.
Ebenso alt wie die Sünde ist der Schmerz; sollte die Täuschung wohl so viel jünger sein, als der Schmerz? Wie schnell sie in einem gebeugten Herzen erwachte, wie laut und fröhlich sie sich kundgab, aber auch wie sie unausbleiblich der schmerzlichsten Enttäuschung weichen musste, das steht hier deutlich in der alten Urkunde wie zwischen den Zeilen zu lesen. „Dieser wird uns trösten“, ruft der 182jährige Lamech aus, als er seinen neugeborenen Sohn ans Herz drückt, und nennt seinen Namen Noah, Ruhe, Trost, weil er hofft, dass mit ihm endlich der Segen zurückkehren werde, da ja das Erdreich schon lange unter dem Fluche geseufzt hatte. Der Kurzsichtige, der sich nicht einmal träumen lässt von all dem Jammer, den das Kind, auf das er seine Hoffnung gesetzt, schauen wird, der von dem schwachen Geschöpf erwartet, was der allmächtige Schöpfer allein geben kann! Wie, mein betrübter Lamech! Soll dich dieser trösten, er, der selbst mehr Trost nötig haben wird, als all seine Väter zusammen? Er, der bald die fluchbeladene Welt durch sein Wort und Werk verurteilen muss, und sie endlich mit seinen eignen Augen untergehen sieht? Armer Vater, einen Mangel hat Deine frohe Erwartung: Sie kommt Jahrhunderte zu früh. Der Fluch muss noch wachsen, bevor er für immer weichen kann; und der, der ihn endlich abwenden und das verlorene Paradies den Menschenkindern zurückgeben wird, wahrlich, der muss ein ganz anderer sein als dies nichtige Menschenkind, das du mit solch lieblichem, aber so zutreffendem Namen begrüßt hast!
„Dieser wird uns trösten.“ In wie mancherlei Form ist später dieses Wort nicht über menschliche Lippen gekommen, um, wer weiß wie bald nachher, mit schmerzlichem Lächeln wiederholt und - widerrufen zu werden! Im Auge der Mutter war's zu lesen beim Anblick des Säuglings, dessen Geburt wie sie im Stillen hoffte, etwas lang Entbehrtes ausfüllen, einen schmerzlichen Schlag wieder gut machen sollte. Aus Männerherzen sprach es laut, wenn endlich nach langer Sorgennacht der Morgen aufging, der einen neuen Tag irdischen Heiles zu verkünden schien. Der Mensch wird alt, aber in stets verjüngter Gestalt steigen seine Hoffnungen wieder auf; und auch der Christ, der schon längst weiß, dass der wahre Trost hienieden nicht zu finden ist, auch der kann's nicht lassen, ihn immer aufs Neue von der alten Erde zu erwarten. Und das dauert so lange, bis wir Ungelehrigen endlich einmal für alle Zeit lernen, den Quell des Trostes nicht länger zwischen Disteln und Dornen, sondern hoch, weit darüber hinaus zu suchen. „Dieser wird uns trösten.“ Einer allein ist's, bei dem man untrüglichen Grund zu solcher Erwartung hat, und gottlob, der Eine blieb uns nicht unbekannt, Ach, möchten nur alle ihn kennen lernen und suchen! Muss man dann auch seine Hoffnungen zu Grabe tragen, das Grab ist doch weniger dunkel, wenn es die Wiege einer neuen Hoffnung wird, die weit über dieses Leben hinausreicht. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)