1. Mose 42,21
Andachten
Das haben wir an unserem Bruder verschuldet, dass wir sahen die Augst seiner Seele, da er uns anflehte, und wir wollten ihn nicht erhören. Darum kommt nun diese Trübsal über uns.
Das sind die Worte der Söhne Jakobs, als sie in Ägypten vor ihrem Bruder Joseph standen, den sie in seiner Erhöhung zum zweiten Mann im Lande nicht erkannten, und welcher einen von ihnen ins Gefängnis legen wollte, bis sie ihren jüngsten Bruder Benjamin auch mitgebracht hätten. Joseph ist aber in seiner Erniedrigung, wie er aus Neid um einen Sklavenpreis von seinen Brüdern verkauft wurde und in Knechtschaft geriet, und in seiner darauf folgenden Erhöhung, welche von seinen Brüdern nicht vorhergesehen und nicht beabsichtigt, aber doch ein Ergebnis seiner vorgängigen Erniedrigung war, und zum Heile der Brüder wie vielen andern Volkes ausschlug, eine Vorbildung Christi, welcher auch von seinen Brüdern verkauft und in tiefes Leid gebracht, dadurch seinen Brüdern und allem Volk ein Anlass zur Errettung aus eigener Not geworden ist. Aber freilich nur denen aus seinen Brüdern, welche wie jene an ihre Brust schlagen, und beim Anblick des Leidens Jesu, bekennen: „das haben wir an unserem Bruder verschuldet.“ Denn auch in unserem Herzen findet sich Neid und Geiz, durch welche Jesus in sein tiefes Leid gebracht worden ist, und auch unsere persönlichen Sünden haben samt denen der ganzen Welt die Last ausgemacht, welche das Lamm Gottes zu tragen hatte. Wem es aber durchs Herz geht, wenn er hören muss: dieselben Sünden, die du hast, haben Jesum ans Kreuz gebracht, deine Sünden haben Ihn getötet, und wer, wie die Hohenpriester, als sie von Stephanus solche Worte hören mussten, darüber die Zähne zusammenbeißt, der wird auch wie jene keinen Anteil an dem Heile haben, welches durch die tiefste Erniedrigung Jesu allen Völkern erworben ist, welches aber nur denen zu Gute kommt, die sich von ihrem Gewissen überführen lassen, dass sie mit den Peinigern Jesu gleiche Schuld haben. Doch auch sie, die beharrlich Unbußfertigen und Selbstgerechten, werden ja einmal so sprechen, wie die Brüder Josephs, ja wörtlich: das haben wir an unserem Bruder verschuldet, dass wir sahen die Angst seiner Seele, da er uns flehte, und wir wollten ihn nicht erhören. Darum kommt nun diese Trübsal über uns. Nämlich wenn sie selbst in der ewigen Trübsal sein werden, und sich dann nicht mehr verhehlen können, sie seien da hineingekommen, weil sie das Flehen Jesu in diesem zeitlichen Leben sich zu bekehren, ja die Angst seiner Seele um ihr eignes Heil gesehen und verachtet haben und lieber in ihren Sünden geblieben sind, als dass sie der Stimme des verachteten Nazareners gehorcht hätten. O Leid ohne Ende, o Reue der Verzweiflung, welche dann die ergreifen wird, welche auch hätten selig werden können, wenn sie auf Erden durch das Leiden Jesu sich hätten zur Buße, zur Selbstbetrübung führen lassen! Drüben kommt die Rene zum Tode; hier ist die Reue zum Leben, die Reue, die Niemand gereut. (Anton Camillo Bertoldy)