1. Mose 28,10
Andachten
Aber Jakob zog aus von Bersaba und reiste gen Haran. Und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an demselbigen Ort schlafen.
Ganz allein in der weiten, weiten Gegend, an einem namenlosen Ort; keine Stadt, kein Turm, kein Haus und Hof zu sehen, soweit das Auge reicht. Die Sonne ist untergegangen, die Nacht lagert auf der Erde, und nicht einmal ein schützendes Baum-Dach, oder eine bergende Felskluft. Nur der freie Himmel mit seinen Sternen und unter dem müden Haupt ein Stein. Auf solchem Lager mag vielleicht die müde Jugend einschlafen, aber der Schlaf ist kein fester, kein traumloser. Namentlich hier nicht; denn neben dem Stein hockt ein Mahner, der flüstert ins schlafende Ohr von den geschehenen Dingen und von den begangenen Sünden. „Deinen blinden Vater hast Du betrogen! Deinem Bruder hast du den Segen listig entwendet!“ so flüstert der Mahner. Da schläft man nicht fest und traumlos. - Ja die großen Heiligen des Alten Bundes sind wahrlich nicht als solche auf die Welt gekommen, sondern haben ihr gut Teil mit beigetragen zu der großen Schuld ihres Geschlechts, und ihre Namen stehen auch mit im großen Schuldbuch des gerechten Gottes; sie haben auch ihren schweren Kampf bestehen müssen mit Fleisch und Blut, und mit dem eigenwilligen, bösen Herzen; denn sie sind ja keineswegs ausgenommen von dem, was 1 Mose 8 geschrieben steht vom bösen Dichten und Trachten des Menschenherzens von Jugend auf. Aber die Gnade ist doch übermächtig gewesen, und weil die Sünder eifrig nach Gnade verlangt haben und mit Gott gerungen, bis sie sich gründlich bekehrten, so sind sie doch noch ausbündige Heilige geworden und auserwählte Freunde Gottes. Damit es fest dabei bleibe: „Vor Dir Niemand sich rühmen kann, es muss Dich preisen Jedermann und Deiner Gnade leben!“ es gilt eben nichts Anderes bei unserem Gott, als freie Gnade und Gunst die Sünde zu vergeben. Stehst Du auf diesem Grunde? - Denke ja nicht besser von Dir selber, als von diesem Schläfer, der sein Haupt auf den Stein gelegt. Gott gebe, dass du neben Deinem weichen Kopfkissen auch den Mahner hättest und seine Stimme hörtest, und um Gnade betteltest! (Nikolaus Fries)
Und Jakob zog aus von Ber-Saba und reiste gen Haran, und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Häupten, und legte sich an demselbigen Orte schlafen. Und ihn träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder; und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, Abrahams, deines Vaters Gott und Isaaks Gott; das Land darauf du liegst, will ich dir und deinem Samen geben; und dein Same soll werden, wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen den Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag; und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe! Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehest, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.
Kennst du solche Gnadenstunde, in der man die Himmelsleiter sehen kann? Wann schlägt sie denn? Wenn's will Abend werden! Abend auf deinem Pilgerweg in bangem Grauen der Angst und in mancherlei Trübsal; Abend in deiner Seele, weil rechts die Sünden so hoch und schwer, wie finstere Schatten sich zwischen dich und deinen Gott lagern, und links die Ewigkeit droht mit ihrem Todesschrecken. Wenn an solchem düstern Abend die Seele anfängt aus der Tiefe zu weinen vor ihrem Gott, zu weinen nach einem Gnadenblick, nach einer Erquickung für den zerschlagenen und gedemütigten Geist, dann schlägt bald eine Gnadenstunde; der Herr wird nicht säumen, sich dir zu offenbaren: Du wirst die Himmelsleiter sehen, wohl nicht, wie Jakob, im Traum, nein wachend, nüchtern, im Evangelium, in der Geschichte von dem allerhöchsten Sohn, der vom Thron für uns gestiegen ist in den Sündertod, aus dem Sündertod wieder hinauf auf den Thron und hat nun für dich den Himmel aufgetan und sein und des Vaters Herz voll Erbarmen, und hat aus seinem Herzen in das deine einen freien Verkehr hergestellt, eine Himmelsleiter mit Himmelskräften bedient, eine Verbindung von Auge zu Auge, von Mund zu Mund, von Herz zu Herz, dass alles Sündersehnen von dir zu ihm und alles Heilandserbarmen von ihm zu dir beständig frei und augenblicklich überströmen kann. Wenn du also einmal weißt und schwören kannst: Mein Jesus ist mir nahe: Er ist bei mir, siehe in diesem Augenblick hast du die Himmelsleiter gesehen.
Wie tritt er denn aber dem weinenden geängsteten Sünder nahe?
Erstens in seiner Barmherzigkeit, die sich aus freier Gnadenwahl erbarmt, von Alters her, nicht nur von den Vätern her, sondern von dem Vatererbarmen her, das den Sohn ins Sterben gab, von dem Blut des Sohnes her, das längst für dich geflossen ist, in der Barmherzigkeit, die um dieses Blutes willen deine Sünde und Missetat so herzlich gern vergibt und, eben weil es ein freies Erbarmen ist, von dir nichts anderes verlangt, als dass du solches freies Erbarmen brauchst und danach dürstest und
Zweitens: ist er dir mit dem Erbarmen, das deine Schuld getilgt, nahe getreten, so tritt er dir auch nahe mit seiner Hilfe in dem Jammer, in den dich die Sünde auch zeitlich gebracht; in aller Gefahr und Angst deiner weiteren Pilgerschaft will er dir nahe sein als Helfer und Erretter; und in aller Gefahr deiner Seele von innen und außen will er dir nahe sein als Durchbrecher, Sieger, Vollender. O sieh, wer als begnadigter Sünder zu seinen Füßen liegt, der kann manch großes, unbegreiflich großes Wort der Verheißung hören, von dem, was aus uns elenden Kreaturen noch werden kann und soll, dass an uns der Herr noch seine Lust sehen soll. Wie kann er doch mit dem eben erst neu zu Gnaden angenommenen und noch so ungegründeten Kinde solches reden, so großartige, weit hinaus gehende Hoffnungen erregen? O verstehst du ihn nicht? In den Stunden geht sein Blick für dich auf die Ewigkeit; auch dein Blick soll darum dahin gehen; und du wirst den Blick für die kommenden Anfechtungen brauchen! Und wird er's denn können an dir hinausführen? Wirst du es danach machen? Nein, du nicht, aber er, denn er wird dich nicht lassen mit seiner wohltuenden, segnenden, heilenden, aber auch mit seiner schlagenden, schneidenden, verwundenden Hand, bis er dir tun kann alles, was er dir geredet hat, bis er dir kann halten seinen teuren Eid, dass du noch sollst werden seine ganze Freude.
Das sind Gnadenstunden, in denen der Heiland einer sündigen Seele so nahe kommt mit seinem vergebenden Erbarmen, mit seiner herrlichen Verheißung ewiger Treue. (Theobald Wunderling)