Sorgt nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.
Was ist die Sorge anders, als dass der Mensch den verloren hat, der sein Schutz und seine Zuflucht ist? Nun muss er allein und einsam stehen gegenüber den dunklen Weltmächten, er in seiner Ohnmacht. Nun muss ihm ja wohl in der Welt angst werden; er hat ja Keinen, an den er sich halten könnte. Wo aber der Herr nahe ist, da muss alle Sorge weichen. Denn in ihm haben wir den, in dem wir die Welt überwinden. Und darum weil der Herr uns nun wieder nahe kommt, darum sorgt nichts! Und wenn ihr das ganze Jahr sorgtet, o an diesem Fest, da werft sie einmal ab, alle Sorge! Sorgt nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitte in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Sorgt nichts, sondern betet. Wenn ihr Sorgen habt, verwandelt sie in Bitten! Schüttet euer Herz vor ihm aus, klagt ihm alle Not! Alle eure Sorgen werft auf ihn, er sorgt für euch. Gottes Sache ist's, Sorgen zu wenden, eure Sache, sie ihm anzubefehlen. Tut ihr das Eure, so wird er das Seine tun. „Weg hat er allerwegen, an Mitteln fehlt's ihm nicht.“ Und wenn das Herz euch noch so schwer wäre, sagt's ihm, klagt's ihm, und das Herz wird allemal frei werden, und still und getrost. Und wenn das noch nicht hilft, dann versucht das andere Mittel, dann danket! Großer Segen des Dankens, dass die Sorge vor ihm weicht. Wer noch danken kann, der sorgt nicht. Weil wir so undankbar sind, darum sind wir so sorgenvoll. O so lasst uns wider die Sorge, die traurige, finstre Macht, anlegen die doppelt heilige Rüstung, in der einen Hand das Gebet, in der andern den Dank. Sorgt nichts, sondern betet. Sorgt nichts, sondern dankt. (Adolf Clemen)
Du kannst nicht für den Anderen beten, ohne in der Liebe zu ihm reicher und stärker zu werden. Du kannst nicht sein Wohl und Wehe betend vor Gott tragen, ohne selber all das Deine für sein Wohl und Wehe zu tun. Bete für die Deinen, und wenn es ihnen selber auch keinen Segen brächte, den Segen bringt es unfehlbar, dass du selbst dadurch besser gegen sie wirst. Es ist ja nicht möglich, dass du die am Tage verachten und versäumen könntest, für die du am Morgen herzlich gebetet hast. Nun wohlan, so lasst uns ernster für einander beten. Was ist es doch, was uns die Fürbitte so erschwert? Es ist die Kälte und Selbstsucht unseres Herzens, Streit und Zwietracht, Neid und Unversöhnlichkeit. Davon kann nur Einer befreien, Jesus Christus, unser ewiger Erlöser. Er allein ist auch hier unsere Hilfe. Zu ihm lasst uns gehen. Ihn lasst uns ergreifen im Glauben, dass er uns von unserer Sünde und Schuld erlöse und mit seiner ewigen Liebe entzünde unsere Liebe. Wenn wir von uns selbst nicht recht beten können für einander, wir können es in seinem, in Jesu Namen. In der Kraft seines Kreuzes, in der Kraft seiner Fürbitte. Er ist ja unser Fürsprecher beim Vater, er vertritt uns, er bittet für uns. Das ist unser bester Trost, dass seine mächtige Fürbitte beim Vater uns selbst trägt, dass sie unsere schwachen Bitten für die Unseren angenehm macht vor Gott. In seinem Namen bringen wir getrost und freudig alle Anliegen unserer Liebe vor Gott. Durch sein fürbittendes Herz geht der sichere Weg zum großen Vaterherzen des ewigen Gottes für dich und alle Menschen. Herr Jesu, bitte du für uns am Thron des Vaters. Lehre uns selber recht bitten für die, die du uns gegeben hast, und lege deine Fürbitte zu unserer Fürbitte, dass sie Erhörung finde. Amen. (Adolf Clemen)
Manche Jünger Jesu bereiten sich viele Sorgen dadurch, dass sie oft leben, als lebte der Heiland nicht mehr. Sie zerarbeiten sich in mancherlei Sorgen, als ob sie in ihrer Schwachheit eine halbe Welt regieren müssten. Ohne den Herrn zu fragen und ehe sie von Ihm Winke und Weisungen erhalten haben, handeln sie. Erst wenn Schwierigkeiten und unliebsame Verwicklungen sich erheben, ja, erst wenn die Sache schief geht, fangen sie an, ihr Anliegen vor den Gnadenthron zu bringen und ernstlich zu beten. Der Herr soll nun dreinsehen und gutmachen, was sie schlecht und verkehrt gemacht haben. O meine Teuren, Beten ist schwer, Sorgen ist leicht! Du darfst dich nur gehen lassen, so liegst du schon tief in den Sorgen drin; willst du aber nicht sorgen, sondern beten, so kostet dich das einen herben Kampf. Ach, wie kleingläubig und hart sind wir doch oft! Lasset uns dem Herrn die Ehre geben! Er soll wahrhaftig unser Gott sein. Wie viele bange Stunden und schlaflose Nächte könnten wir uns ersparen, wenn wir den Herrn sorgen ließen und Ihm nicht voranlaufen wollten. Er wird sich dir als Vater erweisen, und du bleibst ein fröhliches Kind. Und wenn Er dich in der Geduld übt, kommst du doch weiter mit Beten als mit Sorgen. Fehltritte sind bald getan, und die kosten nicht selten viel Geld und verursachen Herzweh. Der Herr macht freilich manches wieder gut, aber schöner und richtiger wäre es doch, wenn wir Ihm gänzlich vertrauten. Ehre Ihn mit kindlichem Glauben, so krönt er dich mit Gnade und wunderbarer Hilfe. ! (Markus Hauser)
Wie eine klebrige Klette hängt sich die Sorge an unsere Seele, und sie ist so zäh, dass wir sie kaum loskriegen. Aber der Apostel nennt ein gutes Mittel, um den bösen Gast wegzubringen. Sie kann es nämlich nicht vertragen, wenn man Gott dankt für das, was er bei ihren früheren Besuchen an uns getan hat. Sie hatte uns alles mögliche davon vorgeredet, wie schlimm es uns gehen werde, und Gott hat es so ganz anders gemacht. Darum bleibt ihr heute das Wort im Halse stecken, wenn wir, statt angstvoll auf sie zu hören, Gott Dank sagen. Dann sind wir sie bald los und haben es anstatt mit ihr nur noch mit Gott zu tun. Wer seine Bitten, anstatt an Menschen zu richten, in den Briefumschlag des Gebets steckt und durch den Eilboten gläubigen Flehens zu Gott schickt, der wird bald solche Antwort bekommen, dass er nichts als danken kann. Wo aber freudiger Dank herrscht, da ist kein Raum für die hässliche Sorge. Und Gotteskinder, die nach dem Vorhergehenden gelernt haben, sich an ihrem Heilande zu freuen, sind keine geduldige Gesellschaft für das Nörgeln und Übertreiben der Sorge. Es bleibt da der Sorge nichts übrig, als das Feld zu räumen. Je schneller man sie los ist, desto wohler ist einem zumute und desto freier ist unser Umgang mit Gott.
Nun, lieber Vater, wir wollen dir alles an dein Herz legen; wir wollen besser bitten und fleißiger danken lernen. Nimm uns dafür und dadurch die Sorge von der Seele. Du bist es wert, dass man dir vertraut. Amen. (Samuel Keller)
Wollen wir hier einmal das Sorgen in ganz besonderem Sinn verstehen: Sorge um das geistliche Wachstum oder die Bekehrung anderer. Was hat mehr Aussicht auf Erfolg: Sorge oder Fürbitte? Sorge macht uns müde und traurig und im Zusammensein mit jenen, die sie uns verursacht, befangen und bedrückt. Fürbitte erleichtert uns selbst das Herz und stimmt uns freudig und macht uns für den Verkehr mit jenen vertrauensvoll und entgegenkommend. Sollten wir, die wir so echt für sie gebetet haben, nicht selbst an unser Gebet glauben? Damit glauben wir aber auch an das Gute in den Menschen, für die wir beteten, sonst wäre ja alle Hoffnung erloschen! Beten für sie können wir nicht, ohne sie lieb zu haben und ihnen mit priesterlichem Herzen zu nahen. Man kommt aber erst recht aus der Sorge um andere Menschen heraus, wenn man treulich für sie gebetet und gefleht hat. Dann wird zu seiner Zeit auch die Danksagung kommen. Sie gehört zu den schönsten Augenblicken auf Erden, wenn sie am Tage der Erhörung unserer Fürbitten aufsteigt. Was wird die Ewigkeit von der Frucht unserer Fürbitte erst offenbaren, und wie viel Freude wird dann über unserem Haupt sein!
Knüpfe du, Herr Jesus, das heilige, unsichtbare Band, damit wir so an andere Herzen gebunden sind, dass wir ohne an sie zu denken, nicht im Gebetskämmerlein sein können. Segne unser Beten und hilf uns besser beten. Amen. (Samuel Keller)
Sorgt nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.
Wie kann denn der Apostel sagen: sorgt nichts? Wie kann man denn die Sorgen los werden? Wie kann man denn hier auf Erden schon ein so seliger Mensch werden, der durch alle seine Nöte, Leiden und Schmerzen ohne Sorgen hindurchgeht? Der heilige Apostel weiß es aus eigener Erfahrung, dass das möglich ist und zwar nicht nur einigen auserwählten Helden des Glaubens, sondern allen, die in Christo Jesu sind und durch ihn den freien Zugang zu seinem und ihrem Vater im Himmel haben. Er gibt ihnen aus eigener Erfahrung das Mittel an, wodurch sie die schwere Last der Sorgen nicht nur los werden, sondern die Sorgen selbst für sich in lauter Segen verwandeln können, und dieser Rat heißt: in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Damit erinnert der Apostel an das selige Verhältnis, in dem wir mit Gott stehen durch unsere Gemeinschaft mit seinem lieben Sohne, dem wir ja mit Leib und Seele für Zeit und Ewigkeit angehören, und in dem und mit dem wir Gottes Eigentum und der Gegenstand des Wohlgefallens und der Liebe Gottes sind. Dieses Verhältnis sollen wir bei allen Sorgen, die, wenn wir mit ihnen allein sind, das Herz so schwer und das Leben so trübe machen, eingedenk sein. Wir sollen dadurch den Mut und die Freudigkeit bekommen, in allen unsern Angelegenheiten nicht etwas zu sehen, was nur uns angehört und angeht, sei es klein oder groß, sondern etwas, woran unser Herr und Gott im Himmel Teil nimmt, von dem es heißt: ich size oder stehe auf, so weißt du es; ich gehe oder liege, so bist du um mich; du kennst meine Gedanken von ferne und siehst auf alle meine Wege; von dessen allertreuester Liebesfürsorge der Herr sagt: nun sind auch alle eure Haare auf dem Haupte gezählt. Alles, was unser Herz beschwert, und was wir Gott im Himmel sagen dürfen, und worüber wir zu ihm seufzen und vor ihm weinen dürfen, das sollen wir nicht in unser Herz verschließen, das sollen wir vor ihm fund werden lassen und zwar nicht als eine hoffnungslose Klage, sondern als eine Bitte des Glaubens, dass Gott im weitesten Sinne des Worts ein Helfer und Vergelter derer ist, die ihn suchen in allen ihren Nöten, und dass er ein Vater ist, der das Schreien derer, die in Jesu Namen zu ihm beten, d. h. die ihn in Christo Jesu als seine Kinder anrufen, nicht kann unerhört lassen. Dasselbe, was hier Paulus sagt, dass man seine Sorgen in Bitten verwandeln soll, und dass man sie als Bitten vor Gott soll kund werden lassen, spricht Petrus in den Worten aus: alle eure Sorgen werft auf den Herrn, denn er sorgt für euch. Indem er sagt: werft sie auf den Herrn, spricht er es aus, dass die Sorgen etwas schwerer sind, schwerer wie ein Stein, weswegen man auch redet von einem Sorgenstein. Es gehört eine Kraft dazu, einen Stein über sich hinauf in die Luft zu werfen und eine Anstrengung unseres Armes, aber wie hoch man ihn in die Luft wirft, er fällt immer wieder herunter. Den Sorgenstein aber soll man so in die Höhe werfen, dass er nicht wieder herunter fällt auf unser Haupt und auf unser Herz, sondern dass er bis in den Himmel getragen wird, ja dass er bis auf das Herz unsers Herrn und unsers Gottes fällt und von da als lauter Gottesgnade, Gottestrost und Gottessegen wieder zu uns herabkommt. Die Kraft aber, die das vermag, ist das Gebet des Glaubens. Das Gebet des Glaubens trägt alles in den Himmel hinein. So werden wir unsere Sorgen los. (Friedrich Mallet.)
Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.
Keine Sorge, aber ganz Gebet. Keine Angst, aber viel freudige Gemeinschaft mit Gott. Tragt eure Wünsche dem Herrn eures Lebens, dem Hüter eurer Seele, vor. Geht zu Ihm mit zwei Teilen Gebet und einem Teil Preis und Lob. Betet nicht voll Zweifel, sondern voll Dank. Bedenkt, dass eure Bitten schon gewährt sind, und dankt deshalb Gott für Seine Gnade. Er gibt euch Gnade, gebt Ihm Dank. Verberget nichts. Gestattet keinem Wunsche, schwärend in eurem Busen zu liegen; „lasst eure Bitten kund werden.“ Lauft nicht zu Menschen. Geht nur zu eurem Gott, dem Vater Jesu, der euch in Ihm liebt.
Dies wird euch Gottes Frieden bringen. Ihr werdet nicht im Stande sein, den Frieden zu verstehen, den ihr genießen werdet. Er wird euch in Seine unendliche Umarmung einschließen. Herzen und Sinne sollen durch Christum Jesum in ein Meer der Ruhe versenkt werden. Es komme Leben oder Tod, Armut, Schmerz, Verleumdung, ihr sollt in Jesu wohnen, hoch über jedem rauen Winde und jeder dunklen Wolke. Wollt ihr nicht diesem teuren Gebot gehorchen?
Ja, Herr, ich glaube Dir; aber, ich bitte Dich, hilf meinem Unglauben. (Charles Haddon Spurgeon)
Sorgt nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.
Was sollte am Neujahrstag die Grundstimmung eines jeden Christen sein? Herzlicher Dank und kindliches Vertrauen; herzlicher Dank für die vielen Gnadenerweisungen Gottes in der Vergangenheit und kindliches Vertrauen auf Gottes Vatertreue für die Zukunft. Mag das alte Jahr in mancher Beziehung schwer gewesen sein, so steht doch Eines fest: es ist für Alle, die in Demut und Dankbarkeit dem Herrn die Ehre geben wollen, ein beredter Zeuge von Gottes Erbarmen gewesen; darum wollen wir ihm unserem treuen Gott auch für die Zukunft vertrauen. Vertrauen ist das Gegenteil vom Sorgen; denn Sorgen, ängstliches Sorgen ist Unglaube. Es ist ein köstliches Vorrecht von Gottes Volk, wenn sein treuer Bundesgott ihm heute zuruft: sorgt nichts! Welch eine herrliche Stärkung ist das für unsern Pilgergang! Wir wissen ja nicht, was uns begegnen wird, und an Versuchungen zum Sorgen wird es nicht fehlen. Wer beten kann, darf diesen Versuchungen nicht unterliegen. Durch Jesu Blut haben wir einen Zugang zum Gnadenthron. Dort ist unser Vater; für alle unsere Anliegen, die kleinen und die großen hat er ein Vaterherz, voll von Vatertreue und Vaterliebe. Er übernimmt es, wie bisher, so auch ferner für uns zu sorgen. Unsere Losung soll sein: ich will nicht für den andern Morgen sorgen. Täglich will ich an dich meinen Gott mich halten, mit Gebet und Flehen. Ich weiß, dass Du Weisheit genug, Macht genug und Liebe die Fülle hast, für mich und alle meine Lieben zu sorgen. So werfe ich alle Sorgen auf Dich und bitte Dich, bewahre mich Tag für Tag, damit ich nie wankend werde in meinem Vertrauen auf Dich, sondern getrost und dankbar meine Straße ziehen möge. Amen. (Elias Schrenk)
Sorget nichts!
Das ist nicht ein Wort für Jedermann und auch nicht für jede Frau. Wer nur von einem Zufall und blinden Geschick weiß, die in der Welt Alles durcheinander werfen, wer sagt: „Wen's trifft, den trifft's, hier so, da so; hier regnet's Gold und da schlägt der Blitz ein; Dieser hat das Glück und die Ehre überher, ferner das Unglück und für den Spott braucht er auch nicht zu sorgen“; - oder wer wohl von einem Gott spricht, aber sich ihn nur so als ein allgemeines über den Köpfen schwebendes Wesen denkt, das kein Ohr und Herz für den Jammer der Menschenkinder hat und nicht Hand und Fuß für sie rührt, - solche können nicht sorglos sein und wenn sie es sind, so sind sie Narren. Es gibt freilich so eine natürliche Sorglosigkeit, da man die Dinge an sich heran kommen lässt. „Kommt Zeit, kommt Rat!“ Aber diese angeborene Sorglosigkeit des Temperaments wandelt sich oft schnell in öde Trostlosigkeit, wenn's einmal hart an den Mann geht. Nein, vernünftiger Weise kann nur Der sorglos sein, der weiß, dass ein Anderer für ihn sorgt. Grade heraus gesagt: Denen nur gilt das „Sorget nichts“, die in Christo das Wörtlein „Vater“ verstanden haben. Denen aber ist's auch nicht nur Erlaubnis sondern auch Befehl.
Was ist denn das eigentlich: Sorgen? Nicht wahr, es ist das innere Grübeln und Grämen, das unruhige Umherfahren der Seele, da man sich quält, ob nicht dieses Übel und jener Verlust, dieses Leiden und jene Demütigung Einen betreffen, oder ob Einem nicht der und der liebe Besitz und Schatz abhanden kommen, die und die Freude, Hoffnung oder Sehnsucht zerstört werden möchten? - Solch ein Sorgen ist sehr natürlich; denn ein Tag predigt dem andern, wie ungewiss aller und jeder Erdenbesitz ist und wie wehrlos wir den Dingen gegenüber stehen, trotz aller unserer Weisheit und Diplomatie, trotz aller unserer feinen Vorkehrungen und Anstalten. Da kommen tausend unberechnete und unberechenbare Posten mit ins Spiel, die unsere ganze Herrlichkeit über den Haufen werfen. Ja, ob wir auch oft die Mittel hätten, in dieser und jener Lage uns selbst zu helfen, so müssen wir nachher oft schmerzlich erkennen, dass wir aus Mangel an Weisheit uns dennoch mehr geschadet wie genützt haben.
Ist's nicht natürlich, dass, bei so bewandten Dingen, die ganze Welt wie ein großes rauschendes Sorgenmeer ist? - Was steckt wohl dahinter, sagt der Jüngling dort, der ein wenig Husten hat; was steckt wohl dahinter? Ach Gott, mein Großvater selig ist auch an der Schwindsucht gestorben! Nun ist er im richtigen Sorgengleis. - Wird mein bis dahin so treuer, häuslicher Mann nicht auch ein Wirtshausmensch werden? sorgt sich jene liebe Frau. O weh, seit der letzten unglückseligen Reichstagswahl ist er schon zweimal über die Zeit ausgeblieben. Und nun macht die liebe Frau ihrem Manne ein Gesicht, als wäre er schon ein Weinsäufer; natürlich ist das die beste Art, um ihn zu dem zu machen, was sie besorgt. - Diese sorglichen Eltern sehen schon an diesem und jenem Zeichen ganz deutlich, dass ihre Söhne unbrauchbare Menschen werden, und diese werden nun mit ewigen Seufzern und Mahnungen traktiert und - verdorben. Hier der Pastor quält sich, ob ihm nicht demnächst seine Stimme versagen, oder sein Predigtstoff ausgehen, ob ihm auch seine Zuhörerschaft treu bleiben werde usw. Ja, diese liebe Jüngerin des Herrn seufzt sorgenvoll: „wer weiß ob ich das herrliche Ziel des ewigen Lebens erreiche, ob ich nicht doch schließlich dem ewigen Tod verfalle, ob nicht doch noch der Weltgeist mich ganz wieder überwinden wird?“ Edle Sorge und doch eitle Sorge; denn alle Sorge ist eitel, ist Unglauben und Hochmut, als ob wir die Regenten wären, die Alles machen müssten, Gott der Herr aber die Hände in den Schoß gelegt hätte. O, wie schlaff und matt nach Leib und Seele macht uns solch ein Sorgenwesen, wie untüchtig zum freudigen Wirken, wie vergeuden wir damit so viel edle Zeit, die doch Ewigkeitswert hat.
„Sorget nichts“, schlechterdings nichts, so ermahnt der Apostel. Das heißt aber nicht: „Tut nichts!“ sondern exakt das Gegenteil: Tut was ihr sollt, tut was ihr könnt, schafft, wirkt, arbeitet, kämpft, seid treu im Kleinen und im Großen, im Innern und im Äußeren, aber sorgt nichts. Wenn unser Heiland uns die lustigen Vögelein als Muster der Sorglosigkeit hinstellt, so wissen wir ja, dass diese Vögel keine Faulenzer sind, nicht auf unsichtbare Hände warten, die ihnen das Futter zutragen und das Nest flicken, sondern dass sie früh und spät mit großem Fleiß, Eifer und Umsicht schaffen und wirken, darauf aber auch, von einem guten Instinkt geleitet, aller Sorgen sich entschlagen. Und wenn wir diese großen Männer Gottes betrachten, die auch in den schwersten Kämpfen und dunkelsten Wegen doch so still, getrost und sorglos sind, so sehen wir an ihrer Stirn das Wort Arbeit und Kampf, Fleiß und Treue geschrieben, sowohl was ihr Werk und Beruf unter den Menschen auf Erden, wie auch was die Ausgestaltung und Heiligung des inneren Lebens betrifft. Den Faulenzern, auch Denen, die in einem faulen Vertrauen auf die Gnade hinleben, ist keine Verheißung gegeben; ihnen muss Gott den Rücken zukehren. Aber den Wahrhaftigen, die in Geduld und Kampf und Arbeit trachten nach dem ewigen Leben, ihnen ist gesagt: Sorget nichts! werft eure Anliegen auf den Herrn, Er sorgt für euch! Sorgt ihr nichts, das ist eures Gottes Sache, traut ihr seinen Verheißungen und seiner Treue. O, das sollten Gottes Kinder doch begreifen, dass es ein unnützes, nichtsnutziges, ungläubiges Ding ist sich mit Sorgen herumzuquälen, und sollten doch von ihrem herrlichen Privilegium, ihre Sorge auf den Herrn zu werfen, besseren Gebrauch machen. Nicht wahr, wir wollen uns glücklich preisen, dass wir etwas Rechtes zu werfen haben, wollen uns aber auch in dieser Kunst des Werfens recht üben, bis wir sie erlernt haben, und immer wieder werfen, wie oft die Sorge auch auf uns zurückfällt, bis sie endlich bei Gott liegen bleibt.
Dem Herrn musst du vertrauen,
Wenn Dir's soll wohl ergehn,
Auf sein Wert musst du schauen,
Wenn dein Werk soll bestehn;
Mit Sorgen und mit Grämen,
Und mit selbsteigner Pein,
Lässt Gott sich gar nichts nehmen,
Es muss erbeten sein. (Otto Funcke)
Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.
Wenn die vorstehenden Schriftworte Geist und Leben bei uns werden, wenn sie in unsere Herzen geprägt unseren Sinn bestimmen und regieren, dann kommt es zu der rechten Stellung allen irdischen Gaben gegenüber, auf die uns das Erntefest hinweist, dann gibt es eine rechte Erntefeier. Die Worte des Apostels weisen ab, was Erntesegen hindert, und heben mahnend hervor, was zur wahren Erntefreude gehört, indem sie Sorgen und Beten in ihrem einander anschließenden Gegensatz uns vor Augen stellen. Also das Sorgen wird untersagt, es liegt darin eine falsche Stellung zu dem irdischen Gut, welche es zu einem gesegneten Gebrauch desselben, zu einem Erntesegen nicht kommen lässt. Die berechtigte Sorge oder Sorgfalt ist damit natürlich nicht ausgeschlossen, die Sorge, die uns die Verhältnisse, die Mittel, die Zwecke, die Aufgaben auch bei irdischen Dingen sorgfältig und besonnen zu überschlagen und in Rechnung zu ziehen und uns unsere Pflichten gemäß solcher Überlegung gewissenhaft zu erfüllen heißt. Bei dem Worte: sorget nichts, handelt es sich um eine von der Sünde hervorgebrachte Herzensbeschaffenheit, es handelt sich um die törichte Sorge, vermöge welcher man sich abquält und abhärmt um das, was nicht vorhanden ist und dessen man doch bedarf, und mit all' der Pein doch nichts erlangt, während man im Glauben an den Vater im Himmel ruhig darauf vertrauen könnte, dass er seine Kinder in keiner Stunde verlassen oder versäumen werde. Es handelt sich um die heidnische Sorge, bei welcher das Herz an der Welt, ihrer Lust und ihren Gütern hängt und nach ihnen begehrt und, weil diese das Begehren und Sehnen nicht stillen können, nimmer zur Ruhe kommt, immer mehr, immer wieder was Neues verlangt, immerdar fragt: was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Es handelt sich um jene, die irdische Lebenszeit vergeudende Sorge, die den Willen des Menschen zwar anspannt zum Jagen nach dem Glück, zum Sammeln und Aufhäufen der irdischen Güter, im Dienst der Selbstsucht, die aber früher oder später die Seele erfahren lässt die furchtbare Wahrheit des Wortes: Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wes wird es sein, das du bereitet hast? Gott gebe, dass das Erntefest uns stärke zum Kampf gegen diese schlechte Sorge und uns auch im Hinblick auf die zeitlichen Güter die Worte in fruchtbare Erinnerung bringe: sondern in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden, das Gebet, das den Gegensatz zur Sorge bildet, gliedert sich demnach in Bitten und Flehen einerseits und Danksagung andererseits. Beides aber hat zur Voraussetzung, dass man durch den Glauben an den Heiland Jesum Christum gerecht, ein Gotteskind geworden ist, welches zu Gott spricht: Abba, lieber Vater. An die Kinder Gottes tritt ja unter mancherlei Anfechtungen, die sie erdulden müssen, auch die Versuchung zum Sorgen und Grämen uns zu selbsteigener Pein heran, wenn es an diesem und jenem fehlt, was zur Leibes Notdurft und Nahrung gehört; aber sie haben das Recht in allen Dingen ihre Bitte kund werden zu lassen, und ihnen gehört die Verheißung: bittet, so werdet ihr nehmen; wenn sie bitten und flehen, so empfangen sie in ihren Nöten zuerst innerlich eine Befestigung der Zuversicht: der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln, und machen dann auch im äußeren Leben die Erfahrung: dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen (Ps. 97, 11). Den Kindern Gottes ist es verliehen, dass sie ihr Herz von der Welt und dem irdischen Gut losreißen können, dass sie ihren Schatz im Himmel, in der Gnade Gottes haben; und was diese Gnade ihnen an zeitlichen Gaben verleiht, damit sind sie zufrieden, daran können sie sich wahrhaft erfreuen, das können sie mit Danksagung empfangen, ohne jenes unstillbare Begehren der von der falschen Sorge beherrschten Seelen. Sofern es uns aber an der Kraft und Freudigkeit zum Bitten fehlt, sowie uns die Fähigkeit zur herzlichen Danksagung für das, was wir haben, mangelt, und sich in Folge dessen auch bei uns in unserem Wirken und Arbeiten jenes selbstsüchtige Trachten nach Glück der Erde und Gut geltend macht, gilt es mit ganzem Ernste danach zu streben im Glauben zu wachsen, die Schähe des Gottesreichs, Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist zu ergreifen und zu bewahren, gilt es in treuem Gebrauch der Gnadenmittel, in fleißiger Übung des Gebets, im Kampf gegen die Selbstsucht, in gewissenhafter Verwendung auch der irdischen Güter im Dienst des Herrn fortzufahren, damit wir unser kostbares Recht als die Kinder Gottes, statt zu sorgen, immerdar erhörlich zu bitten und zu danken, bewahren und auch an den irdischen Dingen Gottes Erntesegen erfahren: trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch solches Alles zufallen. (Thomas Girgensohn)