Philipper 1,6

Andachten

„Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.“
Eine große selige Gewissheit spricht dieses Wort aus, die so recht dazu angetan ist, die Unholde trüber Stimmungen zu vertreiben, die nach einem Tage voll Enttäuschungen einen Abend voll Befürchtungen schufen. Meine eigene geistliche Entwicklung hat Risse und Sprünge; wird's harmonisch ausklingen, was Gottes wunderbare Gnade in mir begonnen hat? Ich bete für so manche herzbeklemmende Sorge; wie wird's mit dem allem? Da muss vor 1900 Jahren der alte Apostel mit Ketten an den Füßen diese Zeilen in Rom niederschreiben, damit von seiner Heldenüberzeugung ein Strom von Gewissheit über mich armseligen Gefühlsmenschen sich ergieße! Jesus ist der Werkmeister; er wird keine heilige Seelenarbeit halb lassen. Der Ablieferungstermin ist der am Tage seiner herrlichen Wiederkunft. Bis dahin hat er Zeit und Möglichkeit, sein Werk gut zu machen; jeder Schaden, der durch unsere Schuld - die Schuld des spröden Materials - entstanden, wird durch die große Kunst des Meisters ausgeglichen und überwunden! Ich will die Augen schließen und die Hände falten und mir das Vertrauen erbitten zu seinem seligen Vollführen.

Herr Jesus, du weißt, wie es mir zumute ist und was du vorhast. Schenk mir einen hellen Schein von der herrlichen Vollendung her, der mein Herz still und froh macht. Ich vertraue dir, Herr Jesus. Ich freue mich auf dich! Amen. (Samuel Keller)


Der in euch angefangen hat das gute Werk, Der wird es auch vollführen bis auf den Tag Jesu Christi.
Es gibt ein Werk Gottes, welches in dem Menschen, der erschaffen und erlöst ist, einmal seinen Anfang nimmt. Gott fängt nämlich in der Seele an zu wirken, und dringt mit Seiner Wirkung in die Tiefe derselben, welche Anderen unergründlich ist, hinein: von da aus bricht sie auch auswärts hervor, und der ganze Mensch wird verändert. Gott fängt an zu wirken, ehe der Mensch Ihn sucht und bittet. Wenn aber Gott angefangen hat, so kann der Mensch Ihn auch bitten und suchen. Er kann im Wort Gottes mit einigem Licht forschen, er kann beten, enthaltsam sein und Gutes tun, und wenn er dieses treulich tut, so haben die Wirkungen Gottes ihren Fortgang, und der Mensch empfindet und empfängt täglich etwas neues, wobei er wieder eine neue Treue zu beweisen hat. Weil aber Gott zwar mit der überschwänglichen Größe Seiner Kraft wirkt, dabei aber sachte verfährt, und den Bewegungen des menschlichen Willens Raum lässt, so kann der Mensch Ihm auch widerstreben, Ap. Gesch. 7,51. Gleichwie nämlich ein Mann, der ein Kind nicht schleppen, sondern führen will, geschehen lässt, dass das störrige Kind sich aus seiner starken Hand loswinde: also lässt Gott geschehen, dass der halsstarrige Mensch der überschwänglichen Größe Seiner Kraft widerstrebe, oder sich derselben entziehe, weil Er sie nicht auf eine gewaltsame Weise anwendet, sondern mit dem Menschen als einem vernünftigen und freiwilligen Geschöpf umgehen will. Wehe aber demjenigen, der sich Gottes Wirkung entzieht; denn S ein Werk ist ein gutes Werk.

Gott aber, der es anfängt, will es auch vollführen. Will Er’s aber vollführen, so will Er’s auch fortsetzen. Indem er’s aber fortsetzt, wirkt Er so mannigfaltig, so behänd, so wunderbar, dass man’s nicht beschreiben kann. Überhaupt kann man sagen, dass Er töte und lebendig mache, in die Hölle führe und wieder herausführe, dass Er betrübe und tröste, zerstöre und aufbaue, dass Er aus der Finsternis das Licht mache, und Seine Kraft in der Schwachheit mächtig sei, dass Er den Menschen unterweise, zu Sich ziehe, und mit Sich vereinige, dass Er seine Seele immer völliger einnehme, mit Sich selber erfülle, und darin lebe, usw. Wenn aber nun das Werk Gottes, welches unzählige Empfindungen und Erfahrungen in der Seele schafft, und sie auch zu unzähligen Proben der Anbetung und Treue sänftiglich antreibt, auf diese Weise seinen Fortgang hat, so wird es endlich auch vollführt oder vollendet bis auf den Tag Jesu Christi. Dieser Tag ist also der von Gott festgesetzte Termin dieser Vollendung. Vorher gibt es zwar Geister der vollendeten Gerechten: aber in Absicht auf den ganzen Menschen, wie auch auf den Gnadenlohn und das himmlische Erbe wird das Werk Gottes bis auf diesen Tag vollendet. Obschon die Seele eines Gerechten, wenn sie vom Leib geschieden ist, von der Sünde völlig frei sein kann, so wird doch der ganze Mensch nicht bälder als am Tag Jesu Christi der vollkommenen Herrlichkeit, die ihm Gott bereitet hat, teilhaftig werden. (Magnus Friedrich Roos)


Ich bin desselben in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.
Ein Anfang war geschehen, als Paulus in Philippi war und Gott der Lydia das Herz auftat, dass die Botschaft Jesu sie erfasste, und als der Kerkermeister mit raschem Entschluss von Paulus die Taufe begehrte und empfing und als sich die anderen, die die Gemeinde bildeten, im Glauben miteinander verbanden. Paulus nennt das einen guten Anfang; denn hier war Gott der Wirkende und das, was geschah, waren die Wunderwerke seiner Gnade. Aber mehr als ein Anfang war das, was die Gemeinde besaß, noch nicht und jeder Anfang zwingt uns, nach dem Fortgang zu fragen und auf die Vollendung zu sehen. Mehr als ein Anfang ist auch mein Leben nicht und ebenso wenig das der Christenheit. Wir können nicht das bleiben, was wir sind, nicht satt und beruhigt bloß rückwärts sehen und nur bewahren wollen, was vorhanden ist. Wir haben überreichen Grund zum Dank, dass dieser Anfang ein gutes Werk ist, ein von Gott gewirktes Werk, durch Gottes Wort geschaffen und mit Gottes Gnade gefüllt. Aber Gott steht nicht bei dem still, was unsere Gegenwart uns zeigt. Soll ich nun mit Bangen auf die Vollendung sehen? angstvoll klagen: „nur“ ein Anfang? Höre auf Paulus. Wenn er zu uns spricht, lernen wir glauben. Der, sagt er, der das gute Werk begonnen hat, wird es auch vollenden. Diese seine freudige Zuversicht ist Glaube. Denn er stützt sie nicht auf das, was der Mensch leistet, sondern gründet sie auf Gott. Weil er der Anfänger ist, bleibet der Vollender nicht aus. Denn Gott ist beides, Anfänger und Vollender. Das ist er nicht wegen unserer Treue, sondern wegen seiner Treue, nicht wegen unserer sieghaften Tapferkeit, sondern wegen der Festigkeit seiner Gnade. Nicht nur im Blick auf unser eigenes Leben, sondern auch für unsere Arbeit ist das eine herrliche, antreibende und stärkende Erkenntnis, dass alles, was begonnen wird, zur Vollendung kommt, nämlich alles, was Gott durch uns beginnt. Was meine Hände schaffen, zerfällt. Nicht meine Erzeugnisse haben Platz in Gottes ewiger Welt. Wir müssen vielmehr jederzeit bereit sein, mit dem, was wir begannen, aufzuhören und wieder abzubrechen, was wir bauten. Das aber, was Gott gemacht hat, bleibt nicht in Unfertigkeit stecken und ergibt nicht Ruinen. Er vollendet, was er begonnen hat.
Du, Herr, bist Erster und Letzter, Anfänger und Vollender, A und O. Als den treuen bete ich dich an, der du derselbe bist gestern und heute und in Ewigkeit. Amen. (Adolf Schlatter)


Ich bin desselbigen in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.
Ein Gebet, das nicht im Glauben und nicht in gläubiger Zuversicht geschieht, kann überhaupt nicht erhört werden. Das wissen wir aus dem Wort unsers Gottes. Das gilt auch von unsern Fürbitten. Seht den Apostel Paulus an! Er kennt die Schäden und Übelstände, die in der Gemeinde zu Philippi sich fanden. Er kennt die Gefahren, die auch diese Gemeinde bedrohten. Dennoch aber geschieht seine Fürbitte in gläubiger Zuversicht. Er sagt: „Ich bin desselbigen in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.“ Er verlässt sich dabei nicht auf seine Arbeit an der Gemeinde, nicht auf seine Treue, die er ihnen bewiesen hat und noch ferner beweisen will. Er verlässt sich auch nicht auf den guten Willen seiner Gemeinde. Aber er verlässt sich auf die Gnade und Treue seines Gottes. Gott hat das gute Werk in den Philippern angefangen, Gott wird es auch fortsetzen und vollenden bis an den Tag Jesu Christi. Das ist sein Trost und seine Freude, das ist seine Hoffnung und seine Zuversicht.

Auch unsere Fürbitte muss in gläubiger Zuversicht geschehen. Wir müssen uns freilich hüten, dass wir diese unsere Hoffnung und Zuversicht nicht auf Sand bauen. Wir wollen also nicht auf unsere Arbeit. an den Seelen unserer Lieben, wir wollen nicht auf unsere Mahnungen und Warnungen, nicht auf die Zucht und das Wort unserer Liebe uns verlassen. Wir wollen auch nicht auf ihren guten Willen oder auf ihr gutes Herz, wie man so oft zu sagen pflegt, uns verlassen. Wir wollen uns einzig und allein auf die Gnade und Treue des allmächtigen und barmherzigen Gottes verlassen. Haben wir hier oder da etwas Gutes an ihnen mit dankbaren Augen entdeckt: das ist das gute Werk, das der Herr in ihnen angefangen hat. Wir wollen ihm vertrauen, dass er es auch zum guten und seligen Ende hinausführe. Und wenn wir nichts, gar nichts Gutes an ihnen sehen und entdecken können, so wollen wir um deswillen doch nicht verzagen. Sie sind ja getauft auf den Namen des dreieinigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Sie sind in seinem Wort und Evangelio unterwiesen. Damit hat der Herr das gute Werk in ihnen angefangen. Er hat dadurch seinen gnädigen Willen bezeugt, dass auch ihnen geholfen werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen sollen. Er hat in Glück und Unglück, in Leiden und in Freuden an ihrem Herzen angeklopft. Das ist das gute Werk, das er in ihnen angefangen hat. Er hat dadurch seinen gnädigen Willen bezeugt, dass er sie suchen und selig machen will. Und wenn sie sein Wort und seine Gnade leichtsinnig und hartnäckig verachten, so wollen wir auch denn noch nicht verzagen. Dass wir noch bei ihnen sind, dass wir noch mit ihnen umgehen, dass wir sie noch mahnen, warnen, lehren und strafen, dass wir noch für sie beten können: ist das nicht auch ein gutes Werk, das der Herr an ihnen angefangen hat? Ist es nicht auch ein Zeichen und Zeugnis, dass der treue Gott durch uns an ihrem Heil und ihrer Seligkeit arbeiten will? Darum, so wollen wir in gläubiger Zuversicht für sie bitten, damit unsere Fürbitte der rechte Glaubensgrund nicht fehle. (Friedrich Ziethe.)

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