“… durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte“
Du brauchst nicht sagen: Jede andere Trübsal wollte ich ertragen, nur diese nicht. Hätte Gott dich da geschlagen, wo du weniger empfindlich bist, so würdest du deinen Götzen nie entdeckt, noch von dir getan haben. Sage nicht: wüsste ich, dass Gott mich aus dieser Trübsal erlösen wird, so wollte ich sie schon tragen. Hat er denn nicht versprochen, dass sie zu deinem Besten dienen soll? Ist es nicht genug, dass du sicher bist, durch den Tod von ihr befreit zu werden? Sage nicht: würde mich meine Trübsal nur nicht zur Erfüllung meiner Pflicht unfähig machen, so wollte ich sie schon ertragen! Sie macht dich nicht unfähig zur Erfüllung derjenigen Pflicht, welche zu deinem eigenen Besten dient, sondern sie hilft dir aufs Mächtigste dazu, darauf kannst du dich verlassen. Was aber die Pflichten gegen andere anbelangt, so ist das, wozu dich Gott unfähig macht, keine Pflicht mehr für dich.
Vielleicht möchtest du sagen: gerade die Gläubigen sind meine Widersacher; wären es Ungläubige, so könnte ich es leicht ertragen. Welches auch das Werkzeug sein mag, von Gott kommt die Trübsal und in dir selber liegt die letzte Ursache; und ist es dabei nicht besser, mehr auf Gott und dich selbst zu sehen? Wusstest du nicht, dass auch die besten Menschen noch Sünder sind? Sprich nicht: hätte ich nur den Trost, wovon du sagst, dass Gott ihn für Leidenszeiten aufbewahre, so wollte ich Alles ruhiger ertragen, aber davon empfinde ich nichts. Je mehr du um der Gerechtigkeit willen leidest, desto mehr darfst du von diesem Trost erwarten, je mehr du aber um deiner eigenen Übertat leidest, desto länger wird es anstehen - bis du jene Süßigkeit schmeckst. Hast du nicht den Trost, wonach du dich sehnst, vernachlässigt oder bist ihm widerstanden? Hast du auch deine Trübsal recht in dir verarbeitet und dich zum Trost geschickt gemacht? Nicht das Leiden an sich ist es, was dich dazu fähig macht, sondern die Frucht und Wirkung des Leidens auf dein Herz. (Richard Baxter)
“Durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer und doch wahrhaftig.“
Damit wir auf dem schmalen Felsengrat nicht rechts oder links abgleiten, werden uns Gewichte angehängt, die nur bei ganz geradem Gang in der Mitte sich die Balance halten; sobald wir uns nur ein wenig nach einer Seite neigen, bekommt das eine Gewicht zu viel Schwerkraft, und wir merken die Gefahr. Solche Gewichtspaare zählt hier der Apostel auf. Bald ist es Ehre, die uns schaden könnte; ihr wird nur durch ein entsprechendes Maß von Schande und Demütigung die Waage gehalten. Böse Gerüchte könnten die uns notwendige Achtung bei den Mitmenschen endgültig untergraben, wenn nicht gute Gerüchte diese Wirkung aufhöben. Während uns die einen für Verführer halten, treten andere Zeugen für unsere Wahrhaftigkeit auf. Misse diesen Gewichten nicht eine übermäßige Bedeutung zu; es sind nur begleitende Umstände, während die Fortbewegung zum Ziel die Hauptsache bleibt. Der Reiter muss vorwärts, ob Hunde ihn knurrend anbellen oder freundlich mit dem Schwanz wedeln. Das Schiff schwankt oder schaukelt im stillen Hafen nicht, oder wenn es an der Brücke festgemacht ist, sondern während es auf bewegter See vorwärtsfährt. Lass dich nicht bange machen, aber auch nicht in Sicherheit wiegen: wir müssen hindurch!
Darum bitte ich dich, mein Heiland, fördere die Schnelligkeit in der Richtung auf das andere Ufer. Mag es rechts und links aussehen, wie es will, ich bleibe ja nicht hier, sondern strebe dem ewigen Ziele zu. Hilf mir voran! Amen. (Samuel Keller)
Durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte; als die Verführer, und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe: wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts inne haben, und doch alles haben.
Wer nicht mit der Welt gehen will, der muss sich ihr Urteil gefallen lassen, das bald in Unwissenheit, bald in Bosheit gefällt wird. Die Ehre und die guten Gerüchte machen ihn nicht besser, und die Schande und die bösen Gerüchte machen ihn nicht schlechter, als er ist; und dass der faule Friede gestört wird, dass die Welt sich in zwei Teile spaltet, von denen der eine lobt, was der andere tadelt, gerade darin offenbart sich die Kraft Gottes. Darum kann uns auch das eine ebenso wenig hochmütig und eitel, als das andere kleinmütig und verzagt machen. Sie haben unsern HErrn verklagt, verachtet, geschlagen und endlich an ein Holz gehängt, und dennoch hat Er die Welt überwunden und Sich als der siegreiche König auf den Thron der Herrlichkeit gesetzt. Es kann uns nicht wundern, wenn es uns in Seiner Nachfolge auch also ergeht. Aber haben wir teil an Seinem Leiden, so haben wir auch teil an Seinem Siege und an der Ehre, Seine Mithelfer zu sein; und alle Drangsale haben nur dazu gedient, die Kraft Christi in Seinen Zeugen offenbar zu machen. Darum, wer die Gnade nicht vergeblich empfangen hat, der hat das Recht, durch alle Feindschaft der Welt hindurch zu gehen mit reinem Gewissen, mit festem Herzen, mit getrostem Mute, Gott offenbar und der Welt ein Zeugnis, dass unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwindet. Er bleibt fröhlich in aller Traurigkeit, er ist arm und macht doch viele reich, er hat nichts und hat doch alles.
Lieber HErr JEsu Christe, wie unaussprechlich reich macht uns Deine Gnade, dass wir alle Schmach der Welt nicht achten und nach dem Lobe der Welt nicht fragen! Dass Du unser bist und wir Dein sind, das ist uns genug, um allezeit froh zu sein. Mag die Welt uns nicht kennen, wenn wir nur Dir bekannt sind; mag sie unsere Feindin sein, wenn wir nur mit Dir Frieden haben; mögen wir nichts haben in der Welt, wenn wir nur Dich haben! Ja Du bist unser Reichtum, unser Friede, unsere Freude, unsere Ruhe und unsere Ehre. Habe Dank, dass Du Dich von uns hast finden lassen, und erhalte uns in Deiner Gnade, bis wir einst zu der ewigen Freude eingehen. Amen. (Hermann Haccius)