O welch eine Tiefe des Reichtums Gottes.
Von Gottes tiefem Reichtum, der für jede Not die Hilfe, für jedes Bedürfnis die Erfüllung und für jeden Fall die Heilung hat und sich nie erschöpft, hat Paulus deshalb gesprochen, weil für seinen weissagenden Blick am Juden und am Heiden dieselbe Gnade offenbar werden wird. Gottes Erbarmen ist nicht dadurch zu Ende, dass er es dem Heiden gibt, und erschöpft sich ebenso wenig dadurch, dass er es dem Juden gewährt. Vielmehr ist Er für alle, die Ihn anrufen, reich. Das gibt die Geschichte der Menschheit und der Geschichte jeden einzelnen die aufsteigende Bewegung, die niemals enden kann. Denn Gottes Geben macht ihn nicht arm und den Schatz, den Seine Güte verwaltet, wird durch keine Offenbarung seiner Gnade leer. Ich habe viel empfangen und werde noch viel mehr empfangen. In dem, was die Christenheit erlebt hat, wird große göttliche Güte offenbar; sie hat aber noch viel Größeres vor sich. Unser irdisches Leben beschenkt uns reich und es ist ein köstliches Ding, dem Herrn für das zu danken, was uns im Maß unseres irdischen Lebens zuteil wird. Allein mit dem, was in diese Zeit hineingehört, ist nicht das Ende des göttlichen Vermögens erreicht. Was drüben liegt jenseits der Grenzen dieser Welt, das öffnet uns den Reichtum Gottes in neuer Weise und schenkt uns einen neuen Blick in Seine Fülle. Hier fließt der Quell, aus dem froher Mut zu schöpfen ist. Es wäre eine drückende Lage, wenn sich unser Leben abwärts neigte und mit dem Fortgang der Zeit ärmer werden müsste. Das muss aber nicht unser Schicksal sein. Gottes Reichtum hat eine Tiefe, die wir noch längst nicht ergründet haben. Darum warten neue Gaben auf uns.
Nun mache ich mein Herz munter, Dich, Vater, zu loben und lasse die Strahlen Deiner Gnade in mich hineinleuchten, dass keine Ecke in mir dunkel bleibe. Ich habe das Ende Deines Reichtums noch nicht geschaut und werde es in Ewigkeit nicht schauen. Wir werden alle Gnade um Gnade nehmen aus Deiner Fülle, die kein Ende hat. Amen. (Adolf Schlatter)
O welch eine Tiefe des Reichtums, beides der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt! Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten? Denn von ihm und durch ihn und in ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.\\ „Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte“! „Trübsal und Angst über alle Seelen, die da Böses tun“, so heißt der Spruch, der den Gottlosen ihr Teil zuweist, und so oft dieser Spruch vollzogen wird, sehen wir Gottes Finger und begreifen sein Gericht. Wie oft aber geschieht es, dass es dem Gottlosen wohl geht, dass er zu grauen Haaren kommt und hat nicht geerntet, was er gesät hat, sondern alles, was er angefangen, ist ihm wohlgeraten, während einen Menschen, der viel besser war, ein einziger Fall, eine unbewachte, gottverlassene Stunde in eine unübersehbare Folge von Jammer und Elend stürzte. Wie kommt es, dass der Vater ungestraft aus dieser Welt geht, während die Gerichte, die den Sünden des Vaters gelten, über die wohlgeratenen Kinder hereinbrechen? Wie kommt es, dass der Herr den einen Sünder bald niederschlägt, dem andern aber lange Zeit gönnt und durch Güte und Langmut ihn zur Buße leitet? Wie kommt es, dass oft ein Mensch, so lange er der Sünde diente, nichts von bösen Tagen wusste, dass hingegen mit seiner Bekehrung das Kreuz sich einstellte, und, als die Sünde ihm vergeben war, unerbittlich die Strafe an ihm vollzogen ward?
Wie unbegreiflich das Walten Gottes an den Gottlosen ist, ebenso unbegreiflich ist aber auch sein Walten an den Frommen. „Wie unerforschlich,“ ruft der Apostel „sind seine Wege!“ Welche Erfahrungen müssen die machen, welche sich von ihm führen lassen: „Preis und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun“, so lautet die Verheißung, die denen ihr teil zuweist, welche ihn lieben. Und wenn nun die Seinigen dastehen wie die Bäume gepflanzt an den Wasserbächen, in heißen Tagen voll Kraft und Saft, mit reichen Früchten, mit fühlendem Schatten erfreuend, so wundern wir uns nicht so ist's in der Ordnung. Wie aber, wenn er dem, welcher an seiner Hand und auf seinem Wege gute und fröhliche Tage hofft, ein Kreuz auflegt und es ihn tragen lässt bis an sein Grab? Wenn er, statt mit Preis und Ehre ihn zu krönen, ihn das Gewand der Schmach tragen lässt, dass seine Freunde sich von ihm kehren und seine Feinde seiner spotten? Wenn er, statt ihm die Seele mit Frieden zu füllen, so es über ihm stürmt und sein Weg nahe am Abgrund geht und der Fuß jeden Augenblick gleiten will, ihn nicht einmal seine Gegenwart empfinden, ihn vergeblich nach Trost seufzen und nach einem Licht ausschauen lässt, wenn er zugibt, dass beides, der Weg und des Weges Ziel sich in Nacht hüllt, ja wenn der Weg abläuft, ehe das Ziel erreicht scheint wie dann?
Da stehen wir vor einer Tiefe, die uns beides, seine Gerichte und seine Wege verbirgt; aber schlecht würde es uns anstehen, wenn wir da anfangen wollten zu grübeln, zu murren und zu tadeln und uns heran wagen wollten mit unserm: „Warum?“
„Wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ Auch wo in die Tiefe Gottes Gerichte und Gottes Wege sich verbergen, wissen wir doch Gottes Gerichte und Gottes Wege vorhanden, wir meistern ihn nicht, sondern sprechen mit heiliger Ehrfurcht: „Auch im Meer hat er seinen Weg und seinen Pfad in tiefen Wassern“.
Wenn nun schon das Walten unsers Gottes unserm Auge unerforschlich und unserm Verstande unbegreiflich ist, wie sollte sein Wesen uns begreiflich und erforschlich sein? Und wo wir etwa in der Offenbarung, die er uns darüber gegeben, auf Dunkelheit stoßen, dürften wir Ärgernis nehmen und kopfschüttelnd seine Offenbarung verwerfen? Nein, mag immerhin auch das, was die Schrift uns von ihm sagt, wie eine große Tiefe vor uns liegen, in welche der Blick uns versagt ist - wir bewundern diese Tiefe und sehen auch in dem, was nur stückweise uns gegeben ist, die göttlichen herrlichen Wahrheiten und stehen davor in heiliger Ehrfurcht. (Caspari.)