Einer aus den Zweien, die von Johanne hörten und Jesu nachfolgten, war Andreas, der Bruder Simonis Petri. Derselbige findet am ersten seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden (welches ist verdolmetscht der Gesalbte) und führte ihn zu Jesu. Da ihn Jesus sah, sprach er: Du bist Simon, Jonas' Sohn; Du sollst Kephas heißen (das wird verdolmetscht: ein Fels).
Was macht doch der Advent für rührige Leute! kaum hat Andreas Jesum erkannt und seine Herrlichkeit gesehen in der armseligen Herberge, da lässt's ihm keine Ruh', er muss es weiter sagen, läuft zu seinem Bruder Simon und nennt Jesum gleich beim rechten Namen: ein gesalbter König! lässt auch nicht ab, er muss ihn gleich mitnehmen und zu Jesu hinführen, und nun erfolgt auch Simonis Berufung mit dem Worte: Du sollst Kephas heißen! Wie mag Andreas Bruderherz sich da wohl gefreut haben! und wie mag's dem Fischer Simon vom See Genezareth zu Mute geworden bei solcher Namengebung! - Das Alles ist für uns Mahnung und voll Tröstung. Zuerst, Lieber, sollst Du Dir die Frage gefallen lassen: hat der Advent Dich auch rührig gemacht im Dienste des Herrn? wenn es Abend wird und wieder ein Erdentag zu Ende ist: was hast Du denn getan? für Ihn getan? - ist da irgend Etwas, das sich vergleichen ließe Dem, was Andreas tat? es gibt sehr Viele, die auch Deine Brüder sind, denen es verkündigt werden muss: hier ist Er, der Gesalbte des Herrn! sie müssen zu Jesu gebracht werden, dass Er sie sehe, berufe, errette! dahin gehört also Alles, was sich befasst unter das heilige Werk der Mission. Ist es nicht zum Erschrecken, wie träge und kalt, unlustig und gleichgültig wir sind? - Das ist eine ernste Mahnung! Aber auch eine Tröstung ist hier vorhanden! Du darfst Etwas tun für Deinen gesalbten König, liebe Seele! für Den, der so viel für Dich getan! kennst Du nicht den Seufzer: Wie soll ich dem Herrn die Wohltat vergelten, die Er an mir tut? ist es Dir noch nie warm, ja glühend im Herzen geworden, Ihn nicht bloß mit Worten und Gefühlen, sondern mit der Tat und im Werke wieder zu lieben, nachdem Er Dich zuerst geliebt!? nun, Dein König braucht Dich, Dein Dienst soll Ihm gefallen! verkündige Sein Kommen, Seinen Namen, Seine Herrlichkeit Deinen Brüdern mit Wort und Wandel. gehört in den heiligen und seligen Advent! (Nikolaus Fries)
Einer aus den Zweien, die von Johannes hörten und Jesu nachfolgten, war Andreas, der Bruder Simonis Petri. Derselbige findet am ersten seinen Bruder Simon, und spricht zu ihm: Wir haben den Messiam gefunden (welches ist verdolmetscht: der Gesalbte), und führte ihn zu Jesu.
Eine zweite Art, den Herrn zu finden. Man hat nicht immer einen Prediger zur Hand, und nicht alle Bekehrungen kommen vom Kirchengehen. Simon, der Bruder des Andreas, kommt mit Jesu auf eine andere Weise zusammen als jene beiden Johannesjünger. Andreas bezeugt seinem Bruder Simon: Wir haben den Messiam gefunden; und führte ihn zu Jesu. Es kann also ein schlichter Bruder sein, ohne Mantel und Kragen, der uns mit dem Heiland bekannt macht. Ein einfacher Handwerksmann, durch ein hingeworfenes Wort, kann oft mehr wirken als zehn Pfarrer auf der Kanzel. Die Prediger haben nicht das Monopol des Glaubens; der einfachste Laie kann ein Prediger der Gerechtigkeit werden, wenn er selber von Jesu durchdrungen ist. Hat es nur seine Richtigkeit mit dem Zeugnis: Wir haben den Messiam gefunden, so kann dieses einfache Zeugnis dem Herrn schon mehr als eine Seele gewinnen. Es ist etwas Wunderbares um die Kraft der Wahrheit. Wer entschieden von Christo Zeugnis ablegt, wirkt immer, pro und contra. Den Einen ist er ein Geruch des Lebens zum Leben, den Andern, die sich erbittern, ein Geruch des Todes zum Tode. Simon ließ sich durch seinen Bruder zu Jesu führen. Auch Simon war frei, wie die beiden Johannesjünger, aber er gehorchte dem Zug, der in ihm geweckt worden war, und lernte so ebenfalls Jesum kennen. Der Glaube hat etwas Magnetisches; wer angezogen worden ist, zieht wieder an. Der Herr sagt selber später zu Simon: Wenn du dermaleinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. Man schreit viel in der Welt über Proselytismus. Wir sollen allerdings nicht übers Meer laufen, wie die Pharisäer, oder die Jesuiten, um einen Proselyten von ihrem Schlag zu erschnappen; aber wer ruhig neben seinem Nachbar sitzen kann, ohne ihm ein entscheidendes Wort zu sagen, sobald sich dazu eine Gelegenheit zeigt, der ist auch kein Christ. Gott behüte uns eben so vor der falschen Toleranz, als vor der toten Orthodoxie! (Friedrich Lobstein)
Einer aus den zwei, die von Johanne hörten, und Jesu nachfolgten, war Andreas, der Bruder Simonis Petri. Derselbige findet am Ersten seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden (welches ist verdolmetschet, der Gesalbte). Und führte ihn zu Jesu. Da ihn Jesus sah, sprach Er: Du bist Simon, Jonas Sohn; du sollst Kephas heißen. (Das wird verdolmetschet ein Fels.)
Andreas führt seinen Bruder Petrus zum Herrn. Und wodurch fesselt der Herr den feurigen Jünger, der sich selbst noch so wenig kennt, und doch in all seinen Gaben und Gebrechen so gründlich von Ihm erkannt wird? „Du sollst Kephas heißen“, der Felsen-Mann! Der neue Name ist der Ausdruck der inneren Charakter-Eigentümlichkeit des Apostels, wie sie sein wird, wenn sie von der Kraft der göttlichen Gnade wird geheiligt und verklärt sein. Mut und Festigkeit, Verbindung von Tatkraft und mächtigem, begeistertem Aufschwung des Gemüts, das Alles liegt dem Keime nach in ihm; in der noch unwiedergebornen Natürlichkeit aber offenbaren sich diese Richtungen noch als ungemessenes Selbstvertrauen und als vorschneller, oft fleischlicher Eifer; in diesem Einen Namen: „ein Felsen-Mann“, liegt der ganze Weg angedeutet, den die Gnade ihn führen wird, um die unlauteren Schlacken der natürlichen Selbstsucht aus ihm wegzuläutern, und das reine Bild des neuen Menschen in seiner von Gott ihm zugewiesenen Eigentümlichkeit auszuprägen. Der christliche Glaube will keine Besonderheit der menschlichen Natur aufheben, er will die Triebe nicht ertöten, die durch Temperament, leibliche und geistige Natur-Anlage bedingte Eigentümlichkeit des Menschen nicht verwischen, sondern jeden Trieb, jede Kraft, jede Gabe will er heiligen und verklären, indem er dieselbigen den Zwecken des Reiches Gottes dienstbar macht. Wenn schon in dem großen Haushalt der Natur Nichts zwecklos ist, so noch viel weniger in der kleinen Welt des menschlichen Herzens; da soll Alles, was Gott in den Menschen legte, zu seiner vollen Entwicklung, und dadurch zu seiner gesegneten Verwendung und Verwertung kommen, und Petri und Pauli Beispiel zeigen uns deutlich, wie von da an, wo der Mensch in den Dienst des Herrn eintritt, selbst seine größten Sünden und Gebrechen sich zu den herrlichsten Tugenden umwandeln, wenn die Kraft und Beharrlichkeit, die in verkehrter Richtung das Laster erzeugten, in dem Dienste der Gnade zu den großen Zwecken des Reiches Gottes sich verwenden lassen. So wandelbar, so scheinbar charakterlos uns Petrus oft in seinem verkehrten, an Widersprüchen aller Art so reichen Wesen entgegentritt, so ist er doch gerade bestimmt, die ersten Grundlagen zu der neuen Kirche des Herrn zu legen, ihre erste Leitung in die Hand zu nehmen, und als eine ihrer tragenden Säulen dazustehen (vgl. Matth. 16, 18 mit Gal. 2, 9.). Alle seine Führungen aber, alle besonderen Gnadenstunden, deren der Herr ihn würdigte (Matth. 16, 17), alle tiefen Gebrechen, deren Folgen ihn demütigten (vgl. Matth. 16, 23; 26, 75); alle tiefen Leiden, die der Herr ihm bestimmte (Joh. 21, 18 f.), alle wunderbaren Durchhülfen, die er erfuhr (vgl. Apgesch. 12, 3-17), sollten nur dazu dienen, ihn für diese seine Zukunft vorzubereiten (vgl. Luk. 22, 31. 32 mit Joh. 21, 15-17). Jedes einzelne Menschenleben hat Einen bestimmten Gottes-Gedanken zum Inhalt, und des Menschen doppelte Aufgabe ist, ihn immer genauer zu erkennen, und ihn immer treuer zu verwirklichen. Darum beginnt auch alles Glaubensleben mit Selbst-Erkenntnis, und wenn diese zunächst dem Menschen seine Sünde zeigt, so doch auch zugleich die besonderen Zwecke, zu denen Gott der Herr ihn verwenden will; die Sünde war die Schranke, die ihm das Ziel verdeckte, das Hindernis, das ihm zur Erreichung seines Zieles im Wege stand; mit der Erkenntnis des Hindernisses beginnt dann auch zugleich die Aufgabe, es wegzuräumen, und dabei hilft ihm die Gnade durch die besonderen Lebensführungen in Freud' und Leid, die ihm dadurch zu weisenden Gottes-Gedanken werden, und ihm zeigen, wie er die von Gott geordneten Verhältnisse hinnehmen soll, dass durch sie die Absichten der ewigen Liebe erfüllt werden. Und nun, liebe Seele, denke nach: was hat der Herr mit dir vor? Welches ist der Gottes-Gedanke, der deinem Leben zum Grunde liegt? Sinne, dass du ihn immer tiefer ergründest; ringe danach, dass du ihn immer herrlicher verwirklichen mögest! (Julius Müllensiefen)