Ihr habt mich nicht erwählt, sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, auf dass, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, dass Ers euch gebe.
Da erkläret Er selbst, wie Er will verstanden haben, dass Er gesagt hat: Ich heiße euch hinfort nicht Knechte, sondern meine Freunde. Diese Freundschaft, spricht Er, dass ich euch meine Freunde heiße, habt ihr nicht von euch selbst, sondern daher, dass ich euch zuvor erwählt habe zu Freunden durch mein Leiden und Sterben, und erkenne euch für meine Freunde; darum dürfet ihr nicht rühmen, als hattet ihrs um mich verdient und wäret es wohl wert. Summa, durch mein Erwählen und Annehmen heißt ihr Freunde, die ihr sonst von Art nichts Anders, denn eitel Feinde wäret, die weder von mir, noch von Gott Nichts wüssten, nun aber Freunde seid, allein daher, dass ich euch so lieb gewonnen und so treulich gemeint, dass ich euch erlöst und ins ewige Leben gesetzt habe. Und sollt auch dadurch Freunde bleiben und meiner Freundschaft ewig genießen, allein, dass ihrs also beweist, dass ich euch nicht vergeblich gemeint habe. Also wiederholet Er und deutet, was diese Freundschaft sei; denn in der Welt gehts nicht also, sondern da heißt Einer den Andern seinen Freund, dazu er sich Gutes versieht und Gutes von ihm zu empfangen gewartet, nicht der, so Nichts verdient, Nichts geben, helfen, oder wohltun kann. Hier aber heißen diese Freunde, die Ihm nie Nichts zu gute getan, ja nie erkennt haben, sondern die armen, elenden Sünder, ja Gottes Feinde, deren Sünden und Tod Er auf seinen Hals nimmt. Weiter spricht Er: Und ich habe euch gesetzt, dass ihr hingeht und viel Früchte bringt. Da wiederholet Er, das Er droben (V. 14) gesagt hat: Ihr seid meine Freunde, das ist, die Leute, so von mir erwählt sind und von mir alles Gute empfanget. Aber nicht hat es die Meinung, dass ihr darum gar Nichts tun sollt, oder leben, wie es euch gelüstet. Wohl ist wahr, dass ihr Vergebung der Sünden und ewiges Leben für euch erlangt, das habt ihr Alles durch mich. Weil ihrs aber habt, sollt ihr gleichwohl solches äußerlich- zeigen und zeugen durch die Liebe gegen den Nächsten, auf dass euer Leben ein Wahrzeichen sei, dass ihr an mich glaubt. So ihr das tut, so ist die Freundschaft recht und wohl angelegt, dass ich nicht vergeblich für euch mein Blut vergossen habe, wo nicht, so wisset, dass ihr mein Blut und Wohltat nicht recht empfangen habt. Denn dazu habe ich euch erwählt und solches alles an euch gewandt, dass ihr viel Früchte bringt und also lebt, dass man sehe, dass ihr recht meine Jünger seid. Nicht dürft ihrs dazu, dass ihr dadurch Sünde tilget; denn das ist euch zu hoch und gehört allein meiner Erwählung und Freundschaft; sondern dazu sollt ihrs tun, erstlich, dass Gott dadurch geehrt und gepriesen werde und euren Gehorsam erzeiget, danach dem Nächsten zu Gute und Besserung, damit man sehe, dass ihr recht glaubt und zu Christo gehört. Das wird geschehen aus den Früchten, so sie heraus brechen, dass man sieht, du seist ein freundlicher, wohltätiger, geduldiger Mensch, der Niemand Leid, noch Schaden tut.
Siehe, das ist nun die große Herrlichkeit, so die Christen durch Christum haben: Erstlich, dass Er sie durch sein Wort berufen und erwählt hat, dass sie sollen seine lieben Reben sein und Alles haben, was Er erworben hat, Sieg und Herrschaft wider Sünde, Tod und des Teufels Gewalt. Zum andern, dass wir auch sollen als seine Diener sein Reich helfen ausbreiten, viel Gutes schaffen und tun, welches Er heißt: viel Früchte bringen und solche Früchte, die da ewig sollen bleiben und vor Gott bestehen, ob sie wohl vom Teufel angefochten und von der Welt gelästert und verfolgt werden. Zum dritten setzet Er nun noch Eins dazu und spricht: Auf dass, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, dass Ers euch gebe. Das ist auch ein Stück, ja die Kraft und Folge seiner Erwählung. Denn die Gnade haben wir in Christo, dass nicht allein wir durch Ihn Gottes Freunde werden und Ihn zum Vater überkommen, sondern auch dazu erwählt sind, dass wir mögen von Ihm bitten, was wir bedürfen und gewiss sein sollen, dass es soll uns gegeben werden. (Martin Luther)
Ihr habt mich nicht erwählt, sondern ich habe euch erwählt.
Der Apostel nennt die Kolosser in unsrer Epistel „Auserwählte Gottes.“ Also nicht nur sollen wir zum Frieden berufen sein, sondern wir sollen auch Auserwählte Gottes sein. Denn er erwählt uns, wir würden sonst das Verderben erwählen. Weil er uns aber zu der Zahl seiner Auserwählten hinbringen will, darum wollen wir ihm dankbar sein. „Ich habe euch erwählt.“ Woher sind die Christen auserwählt? Antwort: Aus der Welt sind sie heraus genommen. Sag, lieber Mensch, bist du erwählt? Berufen sind Viele, auserwählt sind Wenige. Bist du's? Manch Einer hat schon eine brennende Liebe zu Jesu empfunden, und das Wasser der Weltlust hat die heilige Glut wieder ausgelöscht. Mancher hat schon gekämpft und ist des Ringens müde geworden. Aus der Welt heraus soll das Herz gerissen werden, selbst, wenn wir mitten in der Unruhe der Welt bleiben. Weltsorge, weltartiges Christentum, das keine Begeisterung und keine Hingabe kennt, das muss dahinten bleiben. Der Auserwählte spricht: „Welt, ich will dich gerne lassen.“
Und „Auserwählte Gottes“ sollen wir sein. „Ich habe euch erwählt,“ sagt der Heiland. Er greift mit seiner Gnadenhand in unser Leben hinein, er reißt uns aus dem Verderben, wie man einen Brand aus dem Feuer reißt, wie man einen Ertrinkenden aus dem Wasser rettet. Er greift hinein mit seiner durchgrabenen Hand: „Dies Herz muss ich haben.“ Er muss dich haben, lieber Christenmensch, er kann dich nicht loslassen. Lass dich auswählen von Gott! Und für Gott sollst du auserwählt sein. Ein Freund Gottes sollst du sein.
Es ist ein herrlich Ding, ein Freund Gottes zu sein. Ihm nahe stehen, in sein Herz hinein schauen dürfen, an seinen Lippen hangen und an seiner Brust Erquickung finden gibt's Lieberes? Für Gott sind wir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es in ihm ruht. Ihm gehört unsre Kraft, ihm unsre Zeit, ihm unser Denken, ihm unser Tun, ihm unser Alles. Dann können wir uns mit Leib und Seel erfreuen an dem lebendigen Gott. Zu solcher Freude sollst auch du erwählt werden. Darum sei dankbar!
Lasst uns beten: Gnädiger und liebreicher Heiland! Dein Erbarmen ist es, das uns zur Seligkeit auserwählt. Wenn Du nicht Menschengestalt angenommen hättest und wärest in den Tod gegangen, dann hätten wir niemals das ewige Leben finden können. Lass uns doch Deine Hand fest halten in treuem Glauben, dass wir nicht wieder zurückfallen in die Lust der Welt, die uns nur das Verderben bringt. Hier haben wir doch keinen bleibenden Frieden. segne uns an Seel und Leib, schirme uns diesen ganzen Tag, dass uns nie aus dem Sinn komme, wie wir zu Dir allein gehören und bei Dir allein volle Freude finden. Wenn die Sünde wiederkommen und uns aus Deiner Hand reißen will, dann schließe uns an Deine Brust und halte uns, dass wir nicht verloren gehen. Amen. (Wilhelm Hunzinger)