Lukas 22,61

Andachten

Und der HErr wandte sich und sah Petrum an.
Wie ergreifend steht hier der Heiland vor uns! Umtobt von teuflischem Hass der Obersten, bedeckt mit Schlägen, Hohn und Speichel, hat Er nur Gedanken an seinen armen, geliebten Petrus und dessen Gefahr. Mitten im Sturm dreht Er sich um, demselben einen Retterblick voll Wehmut und Erbarmen zu schenken! Er kennt das entsetzliche Wort des Gefallenen: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Wahrlich ein großer, herrlicher, erbarmungsreicher HErr! Er ist größer als unser Herz und kann uns noch retten, wo uns unser Herz verdammt! (Carl Wagner-Groben.)


Als Petrus den Herrn verleugnet hatte, wandte sich Jesus und sah ihn an. Luk. 22,61. Der Blick ging ihm zu Herzen. Wisse, dass der Herr, welcher bei uns ist alle Tage, auch dich in allem deinen Tun und Lassen ansieht. Das ist sehr tröstlich, aber auch sehr beugend. Welche unangenehme Überraschung, welche tiefe Beschämung, welche peinliche Verlegenheit hat schon mancher empfunden, wenn er allein zu sein glaubte und plötzlich inne ward, dass ein Anderer ihn gesehen? Und wenn du nun immer denkst: „Der Herr sieht mich an!“ welch einen Einfluss muss das auf dein Tun und Lassen haben! Darum hast du deinen Herrn verleugnet, wie Petrus, so bedenke, dass seine Augen dich ansehen, wie ihn, dass er musste hinausgehen und bitterlich weinen. Und willst du nicht mitweinen? Hat er das um dich verdient, dass du aus Menschenfurcht dich stellst, als kennst du ihn nicht, als ginge er dich nichts an? - Es mangelt dir auch oft die Liebe. Aber wo du Herz und Mund und Hand vor dem Bruder verschließt, und kalt und fremd gegen ihn bist: bedenke, der sieht dich an, der gesagt hat: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt.“ Und du solltest deine Lieblosigkeit vor ihm dich nicht schämen? Auch hast du deine Stunden, wo du mit deinen Gedanken hoch hinaus fährst, wo du nach Huldigungen und Ehrenbezeugungen der Welt lüstern bist. Aber wenn dich die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit aufbläht, bedenke, die Augen dessen sehen auf dich, der, ob er wohl wusste, dass er vom Vater gekommen war und zum Vater ginge, aufstand und seinen Jüngern die Füße wusch; ja, der aller Ehrenkronen wert, sich mit Dornen krönen ließ. Und du solltest vor seinen Augen deiner Eitelkeit dich nicht schämen? - Du möchtest auch wohl für die Sache des Herrn etwas Großes tun oder leiden, aber die Treue, die Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit in kleinen Dingen, in den täglichen Verkommenheiten deines Standes und Berufes, die unscheinbaren Übungen der Gottseligkeit im häuslichen und bürgerlichen Leben, scheinen dir nicht der Mühe und Sorgfalt wert. Aber wo du in solchen Dingen gleichgültig und nachlässig, oder unmutig und verdrossen bist; bedenke, die Augen dessen sehen auf dich, der gesagt hat: „Wer nicht im Kleinen treu ist, der ist auch nicht im Großen treu!“ Und du solltest deiner Untreue dich nicht schämen? - Du weißt, an wen du glaubst, und liebst deinen Heiland; aber wo du die Ungläubigen und Verächter (die vielleicht nur sind, was du zuvor warst) verachten, verwerfen, spotten und lästern hörst, da beginnt in dir ein Zornfeuer aufzulodern, während der dich ansieht, der einst über Jerusalem seufzte und weinte. Schäme dich und bitte ihn: „Herr Jesu, gib mir auch gegen deine Feinde ein Herz nach deinem Herzen!“ - Siehe, so stelle dich in allen Fällen vor die Augen des Herrn, halte es dir gegenwärtig: „Er sieht mich an, wie ich bin, wie ich denke, rede, handle, leide;“ das wird dich beschämen und dein Herz erweichen, dass es sich umbilden lässt in sein Bild, bis du dereinst sein Ansehen dort wirst ohne Beschämung ertragen können, weil du sein Bild trägst. Amen. (Carl Philipp Johann Spitta)


Und der HErr wandte Sich, und sah Petrum an.
Jesus unser HErr stand damals vor ungerechten Richtern, und wurde fälschlich angeklagt. Er blieb aber bei Sich selbst, da hingegen Petrus indessen im Hof des hohenpriesterlichen Palastes wie außer sich selber war, und Ihn dreimal verleugnete. Der HErr erkannte solches in Seinem Geist, und wandte Sich, und sah Petrum durch ein offenes Fenster oder durch eine offene Türe an. Ach was muss Petrus auf einmal in dem Angesicht Jesu als in einem Buch gelesen haben! Ohne Zweifel dieses: Er ist’s, den ich verleugnet habe, Er weiß, dass ich’s getan habe. Ach, Er ist der Wahrhaftige! Er hat mir’s vorausgesagt; nun ist’s leider geschehen. Nun gibt Er mir mit Seinem ernsthaften Blick einen scharfen Verweis, den ich Untreuer wohl verdient habe. Es ist aber noch Hoffnung für mich vorhanden. Sein Angesicht hat noch Gnade von sich ausstrahlen lassen: und warum hätte Er mich angeblickt, wenn Er mich nicht retten wollte? Dieses Alles war der Eindruck, den Petrus von dem Anblick Jesu bekam, und wenn er dieses Alles nicht so deutlich gedacht hat, so wurden doch alle diese Empfindungen in ihm erweckt. Der Erfolg war, dass er hinaus ging, und bitterlich weinte, aber auch Gnade und Vergebung erlangte, seine Brüder hernach stärken, und auf die Frage: Simon Johanna, hast du mich lieb? antworten konnte: HErr, Du weißt alle Dinge, Du weißt, dass ich Dich lieb habe.

Jetzt sehen wir das Angesicht Jesu nicht mehr, aber Er sieht uns. Wenn Er uns nun ein Licht in unsere Seele kommen lässt, das unsere Verderbnis und Vergehungen uns aufdeckt, und zugleich Hoffnung zur Vergebung erweckt, unsere Härtigkeit schmelzt, uns von einem gefährlichen Zustand zurückzieht, und zum Flehen mit oder ohne Tränen bewegt, so hat Er uns, ob Er uns schon unsichtbar ist, wie den Petrus angesehen. Es gibt auch noch andere Blicke Jesu, welche lauter Erquickung sind; aber bei dem Anblick, dergleichen Petrus bekam, ist Schärfe mit der Barmherzigkeit vermengt. Ach, Er wolle uns oft ansehen, wie wir’s nötig haben; unsere Geistes-Augen sollen Ihn aber auch ansehen, wie Er uns durch das Evangelium vor Augen gemalt ist; und dieses soll fortgehen, bis wir Ihn unmittelbar und in Seinem eigenen Licht sehen werden, wie Er ist, nämlich von Angesicht zu Angesicht.

Das Beispiel Petri zeigt an, dass nicht immer Worte nötig sind, um eine sonst redliche Seele, die sich vergangen hat, zur Erkenntnis ihrer Vergehung und zur Reue zu bringen. Ein einziger Anblick Jesu kann die ganze Seele rege machen und zu sich selber bringen. So wurde Assaph, da er im Heiligtum betete, von seinen gefährlichen Gedanken, wozu ihn seine tägliche Plage und das Glück der Gottlosen verleitet hatten, ohne Jemands Beihilfe zurückgeführt Ps. 73,17. So schlug auch den David sein Herz Sam. 24,10., ohne dass ihm damals Jemand etwas gesagt hätte. Doch wird die Seele auch in solchen Fällen an die vorher gehörten Worte erinnert. Es gehe aber bei einem Jeden, wie es wolle, so ist’s immer große Barmherzigkeit, wenn der HErr einen Gefallenen erhält, und einen Niedergeschlagenen aufrichtet. (Magnus Friedrich Roos)


Und der Herr wandte sich und sah Petrum an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, das er zu ihm gesagt hatte: Ehe denn der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.
Das war der entscheidendste Augenblick im Leben des Petrus, das war die Stunde seiner Wiedergeburt. Jetzt wurde der alte Mensch in den Tod gegeben, jetzt erstand eine neue Kreatur. Als das Krähen des Hahnes sein Ohr erreichte und der Blick des Herrn seine Seele durchdrang, da dachte Petrus an die Worte Jesu, da er zu ihm sagte: Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Und ging hinaus und weinte bitterlich. So hat dein Jesus doch recht gehabt. Du hast dich so kühn vermessen, mit ihm in Gefängnis und Tod zu gehen, und nun hast du ihn so schändlich verleugnet, hast, von Menschenfurcht dahingerissen, Lüge auf Lüge gehäuft, und dich von dem lieben, treuen Herrn und Meister auf das Schnödeste losgesagt: Ach, hat er das um dich verdient? Hat er nicht die größten Ansprüche auf deine Dankbarkeit gehabt? Und du hast dich so undankbar bewiesen! Du bist nicht wert, noch sein Jünger zu heißen. Wird er dir jemals diese schwere Sünde vergeben können? Du bist ein elender Mensch, du musst dich schämen vor ihm, vor dir selbst, vor den übrigen Jüngern allen. Du wolltest treuer sein, als sie, und ach, sie sind weit besser als du, du bist am tiefsten gefallen! Solche und ähnliche Gedanken durchkreuzen sich jetzt wohl in seiner Seele, sie erfüllen sein Herz mit Reue, sie pressen seinen Augen eine Flut von Bußtränen aus, sie treiben ihn an, schleunig den Ort zu verlassen, wo er seinen Herrn und Meister verleugnet hat. Er ging hinaus und weinte bitterlich. Aber jetzt gedachte er auch wohl an das Wort des Herrn: Simon, Simon, siehe, der Satanas hat eurer begehret, dass er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre;“ und wie der Erfolg die frühere Warnung des Erlösers bestätigt hatte, also bewährte sich nun auch an dem tiefgebeugten Jünger der Trost und die Kraft der Fürbitte seines Jesu, und der schmerzliche Augenblick seines Falles wurde zugleich für ihn der Anfangspunkt eines neuen Lebens, denn unter Tränen der Buße suchte sein Glaube Vergebung der Sünden und Gnade, und er fand, was er gläubig suchte, so dass er sich wieder aufrichten und in wahrer Selbsterkenntnis und aufrichtiger Umkehr von neuem ein Eigentum seines Heilandes werden konnte. Wenn wir ihn nun wiederfinden, den Apostel, nach des Erlösers Auferstehung, so ist es, um in ihm das Vorbild der völligen Hingabe des Herzens und Lebens an den Herrn zu erblicken, um aus seinem Munde nach der dreimaligen Verleugnung die dreimalige feste und aufrichtige Versicherung zu hören: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.“

So hat also ein Blick, ein durchdringender Blick des göttlichen Erlösers den Jünger gedemütigt und erhoben, beschämt und getröstet, gebeugt und aufgerichtet zugleich. Petrus weint bitterlich über seine schwere Versündigung. Schmerzen der Reue durchdringen seine Seele, er hasst, er verabscheut sich selbst. Aber schnell steht er in wahrer Buße wieder auf von seinem Falle, fleht um Gnade, und lernt nun seinen Jesum inniger verehren, herzlicher lieben, treuer bekennen, als je zuvor.

Wenn nun der Blick auf den gefallenen Petrus uns warnt und lehrt, dass keiner sich dünken lassen soll, sicher zu sein vor der Sünde, dass wir vielmehr in aller Demut sollen wandeln an der Hand dessen, der uns allein Kraft zum Siege schenken kann in unsern Kämpfen, so lehrt uns auch der Blick auf den bußfertigen Petrus, dass keiner verzagen soll, wenn er gefallen ist. Nur liegen bleiben dürfen wir nicht, wenn die Sünde uns zu Boden geworfen hat. Aufstehen müssen wir, und wenn nur die heiligen Tränen der Buße nicht fehlen, gleichviel, ob das Herz allein, oder auch das Auge sie weint, wenn wir nur eilend, wie Petrus, hinausgehen von dem Orte, wo wir gefallen sind, wenn wir nur, wie er, mit göttlicher Traurigkeit erfüllt, uns selbst mit Strenge richten, und dann im Glauben stehen zu dem Herrn, dass er sich unser erbarmen und Mitleiden haben wolle mit unserer Schwachheit, o, dann kann uns geholfen werden, dann werden wir wie das schwache Kind durch Fallen laufen lernen, unsere Kraft nicht überschätzen, die empfangene Gnade treulich benutzen, unsern Eifer verdoppeln, und mit neuer Liebe uns anklammern an den, der alle Dinge weiß, der unsern redlichen Willen nicht übersieht, der größer ist, denn unser Herz, und bei dem viel Vergebung und Gnade ist. (Christian Ludwig Couard.)


Der Herr wandte Sich und sah Petrum an.
Jesus sprach nie ein unnötig hartes oder strenges Wort. Er besaß eine göttliche Teilnahme für die Schwächen und Gebrechen der versuchten, angefochtenen und leidenden menschlichen Natur. Den Unwissenden. zeigte Er Sich geduldig, den Schwachen aufmunternd, den Bußfertigen freundlich und Allen liebevoll - und doch wie treu war Er auch im Strafen der Sünde! Unter der Ihm Selbst widerfahrenden Unbill schweigend, mit welch' ernst einschneidender Rüge deckte Er die verlarvte Verderbtheit und Heuchelei der Pharisäer auf! Als Seines Vaters Name und Tempel entheiligt wurde, wie vertrieb Er mit strafender Hand das Mammon-Gedränge und gab den entweihten Altären ihre geraubte Heiligkeit wieder.

Auch war Er gegen Seine Jünger nicht anders. Mit welcher Treue er teilte Er ihnen, wo es Not tat, den schärfsten Tadel, zuweilen durch ein eindrückliches Wort (Matth. 16,23.); zuweilen durch einen stummen Blick (Luk. 22,61.). „Die Schläge dieses Freundes meinten es immer gut.“ (Spr. 27,6.)

Leser! bist du im Strafen der Sünde ebenso treu wie dein Herr; nicht mit des Menschen Zorn, welcher nicht tut, „was vor Gott recht ist,“ sondern mit einem heiligen Eifer für Seine Ehre, mit dem feinen Gefühl eines guten Streiters Christi, der es weiß, dass, wenn Ihm eine Beleidigung angetan wird, sie ebenso dir gilt? Zur Erteilung eines weisen Tadels ist große christliche Klugheit nötig. Wir müssen nicht durch übereilte und unbedachte Bloßstellung unsern irrenden Bruder zu bessern suchen; doch dürfen wir ebenso wenig eines falschen Friedens halber die Treue der Wahrheit gefährden; die Freundschaft selbst ist durch Übersehen der Sünde zu teuer erkauft. Als Petrus den Apostel, der ihn gestraft hatte, „Unsern geliebten Bruder Paulus“ nannte, liebte Er ihn vielleicht aus keinem Grunde mehr, als wegen seiner Treue im Strafen. Wenn Paulus bei dieser Krise in der Geschichte der apostolischen Gemeinde aus unwürdiger Verzagtheit der undankbaren Aufgabe aus dem Wege gegangen wäre, was wäre die Folge davon gewesen!

Wie oft bewahrt ein rechtzeitiger Verweis, eine treue Warnung vor lebenslangen Sünden und Leiden! Wie Mancher hat sich auf dem Sterbebette geäußert, „jene freundliche Warnung meines Freundes hielt mich im Sündenlauf inne, änderte mein ganzes Wesen, brachte mich zum Kreuze, rührte mein Herz und rettete durch Gottes Gnade meine Seele!“

Auf der andern Seite, wie viele haben, als der Tod ihren irdischen Verkehr beschloss, es tief empfunden, „dieser Freund oder jener, ich hätte doch ein ernstes Wort mit ihm reden sollen, aber nun ist er nicht mehr; die Gelegenheit ist vorüber und wird nie wiederkehren!“

Leser! achte darauf, in geistigen Dingen nicht feige zu sein. Bist du versucht stumm zu bleiben, wenn der Name Gottes verachtet oder entehrt wird, so denke: hätte Jesus also getan? hätte Er den Meineid ungetadelt, die Lüge ungerügt, den entheiligten Sabbat ungestraft gelassen? Und wenn natürliche Schüchternheit dich von kühnerem und offenerem Tadel abhält, so bedenke, dass Vieles durch Heiligkeit des Benehmens, ohne Wort, indem man die gottlose Anspielung, den unheiligen Scherz nicht belächelt, zur Beschämung der Sünde geschehen kann. Ein Wort zu seiner Zeit ist sehr lieblich! „Rede freundlich, doch rede treulich: Seid barmherzig, freundlich, doch auch Seid männlich und seid stark!“

Predigten