Und als Jesus kam an dieselbige Stätte, sah er auf, und ward sein gewahr, und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend hernieder; denn ich muss heute zu deinem Hause einkehren. Und er stieg eilend hernieder, und nahm ihn auf mit Freuden.
Heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Gilt das auch von unserm Hause? Dann gilt es von ihm, wenn Seelen darin sind, die auch begehren, Jesum zu sehen, wenn wir mit solchem Ernst danach begehren, dass wir alle Hindernisse überwinden und uns durch nichts zurückhalten lassen, zu Jesu zu kommen. Wir sollen nicht vergebens nach ihm suchen. Der Herr sieht auf jede Seele, die nach ihm fragt. Der in der Höhe und im Heiligtum wohnt und bei zerschlagenen Herzen, spricht dann auch zu uns voller Gnade: Ich muss heut in deinem Hause einkehren. Er klopft in seiner Liebe auch an unsrem Hause an. O lasst uns eilend gehen und ihn aufnehmen mit Freuden. Was mag das dort in dem Hause in Jericho an dem Tage für eine Freude gewesen sein, da eine arme, friedlose Seele ewiges Heil empfangen, da ihr Barmherzigkeit widerfahren. Weißt du auch schon von solchen Freudenstunden? Dann weißt du es auch: Wo der Herr einkehrt in einem Hause und Herzen, da bringt er nicht bloß Freude und Friede, sondern immer auch Wahrheit und Gerechtigkeit mit. Da macht er Alles rein, und heiligt uns durch und durch. Da fängt ein neues Leben an in rechtschaffenen Früchten der Buße. Da dringt die Liebe Christi und die erfahrene Gnade Gottes, die alte Sünde abzutun; wieder gut zu machen, was wir Böses getan; vielfältig wieder zu erstatten, soviel wir können. Heut ist diesem Hause Heil widerfahren. Der Herr möchte es von jedem, auch von diesem Hause sagen können, denn des Menschensohn ist gekommen zu suchen. und selig zu machen, was verloren ist. Verloren aber sind wir Alle. Er sucht uns. So wollen wir uns finden lassen. (Adolf Clemen)
Das geschah in Jericho, als Jesus nach Jerusalem zum Sterben ging. Darum sagte er: Heute muss ich in das Haus des Zöllners hinein. Er muss es jetzt zum Beginn seines Leidens nochmals allem Volk zeigen, wozu ihn der Vater gesandt hat und wozu er ihn an das Kreuz schickt, und das muss er nicht nur um des Volkes, sondern auch um seinetwillen. Er muss, ehe er leidet, nochmals das Werk des Vaters sehen, das er in der Sendung seiner Gnade zu vollenden hat, muss er nochmals erfahren, dass ihn der Vater dazu in die Welt und in das Leiden sendet, damit ein Mann wie Zachäus noch etwas anderes bekomme als ein großes Geschäft und einen großen Gewinn und eine große Maße von Versündigung, nämlich einen gnädigen Gott. Es war ein Sünder, den er gewann, den die rechten für ihren Feind hielten und verdammten. Es muss so sein, sagte Jesus. Denn das ist Gottes große Tat und herrliche Offenbarung, dass er denen hilft, denen niemand helfen kann, vor denen die Gerechten ratlos stehen, weil sie nichts anderes können als sie zu entehren und zu verdammen. Darum offenbart Jesus da, wo das Vermögen der Menschen endet, Gottes Vermögen und stellt neben die Armut der Gerechten den Reichtum der göttlichen Liebe und fügt zur hilflosen Ohnmacht des Verschuldeten die Allmacht der Gnade, die ihm die Neuheit eines wiedergeborenen Lebens schenkt. Nur ein einziger war es, dem er helfen konnte, während Israel als Ganzes der Führung seiner Gerechten folgte und ihn von sich stieß. So muss es sein, sagt Jesus; denn Gott ist nicht an die Menge gebunden und bewundert nicht das menschliche Große, sondern reicht seine Gabe auch dem Einen und Kleinen und macht an ihm seine rettende Gnade allen offenbar. Wie Jesus sein Leiden damit begann, dass er einen Zöllner für sich gewann, so beschloss er es damit, dass er den einen neben ihm Gekreuzigten mit sich ins Paradies nahm. So machte er offenbar, was er mit seinem Leiden schuf.
Ich muss alle meine Gedanken wenden, um Dich, o Jesus, zu verstehen und mich mit dem zu einigen, was Du tust. Denn, was wir klein heißen, gibst Du Dein Wohlgefallen und bringst dem, was wir verdammen, die Heilung und hebst, was wir verachten, hoch empor. So bist Du der Heiland, der uns hilft, der Meister, der uns führt, der Herr, der uns befreit. Kehre auch bei mir ein; kehrst Du bei uns ein, so bringst Du Gottes Reich mit Dir zu uns. Amen. (Adolf Schlatter)
Und als Jesus kam an dieselbige Stätte, sah er auf, und ward seiner gewahr, und sprach zu ihm: Zachäe, steig' eilend hernieder; denn ich muss heute zu deinem Hause einkehren.
Wenn Alle, die Jesum gefunden haben, bekennen sollten, wo er sie gefunden hat, so wäre es gewiss an manchem Platz, an den unser Einer nie gedacht hätte. Den verlorenen Sohn findet der Herr bei den Säuen; den Schächer, in der elften Stunde, am Kreuz; den schnaubenden Saulus auf dem Weg nach Damaskus; den Kämmerer aus Mohrenland auf seinem Wagen sitzend und auf einer Heimreise; und Zachäus findet sein Stündchen auf einem Maulbeerbaum. Wie doch Jesus seine Leute herauszufinden weiß! Eine Menge Volkes wogt um ihn her, aber nicht, die ihm zunächst stehen, versichert er: Ich werde bei dir einkehren; nein, jenen kleinen Mann dort oben, ganz in den Blättern versteckt, hat er ins Auge gefasst; der ist der Glückliche, auf den Jesus diesmal Absichten hat. Jesus bleibt unter dem Maulbeerbaum stehen, und nur dann kommt es zu einer Bekehrung, wenn die vorübergehenden Eindrücke von Jesu endlich etwas Bleibendes geworden sind. Zachäus bekommt Jesum auf eine ganz andere Weise, als er gedacht hatte. Statt nur einen Blick von Jesu zu erhaschen, bekommt der Zöllner den Heiland ganz; statt außer dem Hause, auf Augenblicke nur den Herrn zu finden, erhält Zachäus die Zusage: Zachäe, steig' eilend hernieder, denn ich muss heute zu deinem Hause einkehren. Wie oft suchen wir den Herrn draußen, in der Kirche, in Erbauungsstunden, und wenn wir ihn da einige Augenblicke gehabt haben, wie gern möchten wir jene Augenblicke verlängern! Nun, das soll uns auch gewährt werden. Jesus ist nicht an den Ort gebunden; er kann auch unter unserm Dach so eins kehren und auf unsere geringsten Beschäftigungen einen solchen Segen legen, dass wir in unserm armen Winkel ausrufen: Wie heilig ist diese Stätte! Gewisslich ist der Herr an diesem Ort, und ich wusste es nicht. (Friedrich Lobstein)
Ich muss heute zu deinem Hause einkehren.
Wo wahre Liebe regiert, da sucht sie auch nach dem sechsten Gebot das Band zwischen Mann und Weib fest zu knüpfen und das Haus zu schmücken. So meint's unsre Epistel, und so will es Gott haben. Die Liebe ist wie eine Himmelsgärtnerin, die das häusliche Leben in einen Garten Gottes umwandelt, dass unser Herr Christus spricht: „Ich muss heute zu deinem Hause einkehren.“ So hat er zu Zachäus gesprochen, der den Herrn gern sehen wollte und ist auf einen Baum gestiegen, weil er klein war von Gestalt und konnte nicht über die Menge hinwegsehen, die dem Heiland nachfolgte. Der Herr Jesus konnte es nicht lassen, er musste in das Haus des Zachäus. So kann er es auch nicht lassen, er muss in unser Haus. Wo Mann und Weib sich mit fester Treue begegnen und Eins das Andere auf Armen betender Liebe trägt; wo die Kinder heranwachsen wie die Ölzweige um den Tisch her und haben es gelernt, die Hände zu falten zu Dem, der der rechte Vater ist über Alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden; wo die Dienstboten als liebe Hausgenossen angesehen werden und werden hingeführt zu dem Herrn aller Herren, in dessen Namen sie ihre Arbeit verrichten und ihr Werk mit Liebe ausführen da kommt der Herr Christus an das Haus heran, und er steht davor stille, denn er merkt den Flügelschlag der Liebe, der sich im Hause regt. Dann kann er nicht warten, er klopft an, er öffnet die Tür und spricht: „Ich muss heute zu deinem Hause einkehren.“ „O selig Haus, wo man dich aufgenommen, du wahrer Seelenfreund, Herr Jesus Christ.“ Von solcher Gotteshütte gilt ganz dasselbe, was wir von dem Haus des Zachäus lesen: „Heute ist diesem Hause Heil wiederfahren.“ Näher und näher ward Zachäus mit Jesu verknüpft; enger und enger schließt sich das Band der Gemeinschaft mit Jesu, wenn er in ein Haus eingekehrt ist. Aller Augen warten auf ihn, die Herzen suchen ihn, und im Hause wird Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede werden sich küssen. Gott gebe vielen Häusern diese aufbauende Liebe.
Lasst uns beten: Treuer Gott, barmherziger Heiland! Schau hernieder auf unser Haus und auf alle, die darinnen wohnen. Lehre uns hinaufsehen auf die himmlische Wohnung, die Du uns bereitet hast. Ach, wir möchten so gerne, dass Du in unserm Hause einkehrtest, wie Du einst bei Zachäus eingezogen bist. Komm, Herr Jesu, sei unser Gast! Verbinde unsre Herzen immer fester mit Deinem Herzen, sende Deine himmlische Schönheit und Freundlichkeit uns allen in die Seele, damit unser häuslich Leben ein Leben vor Deinem Angesicht werde und Du Dich freuen kannst, dass Heiliger Geist durch uns hindurchweht. Und wenn wir jetzt wieder unsre Arbeit angreifen, gehe mit uns, verlass uns nicht und sprich über uns allen Deinen Segen, dass wir heut Abend nach unserm Tagewerk Dein Wort hören dürfen: „Heute ist diesem Hause Heil wiederfahren.“ Amen. (Wilhelm Hunzinger)