Und siehe, sie schrien und sprachen: Jesu, du Sohn Gottes, was haben wir mit dir zu tun? Bist du hierhergekommen uns zu quälen, ehe es Zeit ist?
Es leuchtet in die Augen, dass der Zustand dieser unglücklichen Gergesener, von welchen die obige Rede berichtet wird, eine Zerrüttung des Gemütes war, aus welcher die verschiedensten Erscheinungen hervorgingen. Als der Erlöser mit den Seinigen ihnen begegnete, erkannten ihn die Unglücklichen, zu denen sein Ruf schon musste gekommen sein, und begrüßten ihn mit dem Namen des Sohnes Gottes. Aber so weit ging die Störung ihres Gemütes, dass sie nicht anders, als in dem Namen des bösen Geistes redeten, welchen sie in sich wohnend glaubten. Wenn sie fähig gewesen wären, sich selbst zu denken, würden sie sich der Ankunft Jesu gefreut haben; nun aber redeten sie ihn nur mit Furcht und Zittern an, weil sie sich nur des bösen Geistes bewusst waren; und statt verlangend zu rufen: Kommst du, uns zu befreien von dem Übel, das uns quält? Kommst du, uns zu erlösen von dem fremden Geiste, damit wir des unsrigen wieder froh werden? fragten sie unmutig: Kommst du, uns zu quälen, ehe es Zeit ist?
Wir fühlen, welch ein Bild das ist von dem Zustande eines Menschen, der der Sünde die Herrschaft über sich eingeräumt hat! Wie mannigfaltig sind die Zerrüttungen des Gemüts, wie widersprechend einander die verschiedenen Ausbrüche der Begierden und Leidenschaften auch in jedem einzelnen Menschen, der keine höhere Gewalt in sich gegründet hat, als die der Sinnlichkeit und der Sünde! Denn wenn freilich auch wir Alle diese Gewalt noch in uns fühlen, so können wir doch Gott sei Dank sagen, sie ist nicht wir selbst; wir fühlen sie als etwas Fremdes; wir erschrecken, wo wir sie gewahr werden, wo sie einen bisher noch nicht bewirkten Keim und Schössling in uns treibt! Und wenn wir freilich nicht leugnen können, dass auch aus unserem Innern noch dieses und jenes muss ausgetrieben werden, damit wir zur wahren Einheit, zum vollen Besitz unser selbst gelangen: so fühlen wir doch, dass dies geschehen muss und wünschen es. Aber der Mensch der Sünde fühlt und liebt die Sünde als sein eigentliches Selbst; und wenn er von außen her vernimmt den Ruf des göttlichen Wortes, die Stimme des göttlichen Geistes, so bricht er in ähnliche Ausrufungen aus: Kommst du, mich zu quälen, ehe es Zeit ist? Denn Zeit scheint es ihm immer noch nicht zu sein, dieser Gewalt ein Ende zu machen; wiewohl er fühlt, es müsse ein Ende werden, so ist doch eben das die Gewalt der Sünde, dass er es aufschieben will von einem Tage zum anderen, dass ihm bange ist vor seinem Zustande, wenn er ihr würde entsagt haben, indem es ihm vorkommt, er werde dann nur ein Leichnam sein, von welchem der Geist ausgefahren ist; die Glieder und Kräfte, die jetzt nur von der Sünde bewegt werden, würden dann starr und unbeweglich liegen, weil er nämlich kein anschauliches Bild hat von dem neuen Leben, wozu dann. der Ruf an ihn ergehen wird.
Aber dennoch, in demselben, worin die ganze Fülle des Jammers sich zeigt, liegt auch schon die erste Regung des Besseren, an welche die mächtig wirkende Kraft des Erlösers sich wenden konnte. Die Zerrüttung der Unglücklichen war in diesem Augenblick nicht vollkommen; es musste eine Erinnerung in ihnen erwachen von dem, was sie früher von Jesu gehört hatten, oder wenn sie ihn gar seiner Erscheinung nach für den erkannten, auf den das ganze Volk hoffte, so ist ja das ein umso deutlicherer Beweis, dass der Sinn für das Heilige und Göttliche nicht ganz in ihnen erstorben war. Ja, indem sie, wenn auch bang, die Worte aussprachen: Kommst du, uns zu quälen? lag nicht darin die Überzeugung, der böse Geist, der sich ihrer bemächtigt habe, könne nicht bestehen vor der wirksamen Nähe des Sohnes Gottes? Eben in dieser Überzeugung setzten sie voraus, er werde ihn austreiben, und eben dieser Glaube war bei ihnen, wie überall, der Anfangspunkt der Befreiung. Wohlan, auch an dem ist nicht zu verzweifeln, der sich so tief in die Macht der Sünde begeben hat, dass er sie hält für sein eigentliches Leben, für sein wahres Ich und Selbst, wenn er nämlich nur noch ahnet und fühlt, es gebe etwas, dem diese Macht weichen müsse; wenn nur das göttliche Wort, wenn nur das heilige Bild des Erlösers ihm das Wahre, Ewige, Himmlische in Erinnerung bringt, dessen Bewusstsein unter der Zerrüttung des Gemüts lange geschlafen hatte in seinem Innern; wenn nur ein Augenblick kommt, wo das Gefühl erwacht, der Geist, in dessen Nähe die Macht der Sünde nicht bestehen könne, sei jetzt da und treibe mit seiner göttlichen Kraft, dass der andere ausfahren müsse. O da bemächtigte sich der Erlöser der verlorenen Seelen; denn, wie die Erzählungen der anderen Evangelisten sagen, legten sie ihre Wildheit ab; gebändigt, bekleidet, in gute Ordnung und Sitte sich fügend, setzten sie sich zu seinen Füßen, um Worte des Lebens zu vernehmen. Und wohl doch uns Allen, dass auch an dem nicht zu verzweifeln ist, der die Sünde für sein inneres Selb hält! Denn wenn es gleich wahr ist, dass wir sie als ein fremdes fühlen, so darf doch kaum gehofft werden, dass dies von irgendeinem unter uns ganz gelte. Oder gibt es keine Schwäche, keine Leidenschaft, die wir so tief in unser Inneres verflochten fühlen, dass, wenn die Stimme unseres Gewissens und des göttlichen Wortes an uns kommt, um sie auszutreiben, uns doch bange ist, als sollten wir einen Teil unser selbst verlieren, als werde eine schmerzliche, unerträgliche Aufopferung von uns gefordert, als würden wir ohne diese gewohnten Gemütsbewegungen nicht leben können? Wohl werden wir diese Erfahrung Alle gemacht haben, und sie wird sich uns erneuern, so lange wir leben! Wenn wir nur auch immer aufs Neue glauben an die Macht dessen, neben dem keine Macht der Sünde bestehen kann, und immer aufs Neue uns ihm hingeben, dass er sie austreibe. (Friedrich Schleiermacher)