Jesaja 9,5

Andachten

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.
Der Prophet spricht wie ein Bote, der vom Bett einer Mutter, die eben geboren hat, zum Vater des neugeborenen Kindes eilt und mit dem freudigen Bericht: „Das Kind ist geboren und es ist ein Sohn!“ Seine Botschaft unterscheidet sich aber von dem, was im natürlichen Verlauf des Lebens geschieht. Uns ist das Kind geboren, uns der Sohn gegeben, sagt der Prophet; geboren ist ein Kind nicht dem König, damit er für seinen Thron einen Erben habe, nicht dem Priester, damit er ihm einst sein Amt übergeben könne; nicht diesem oder jenem in Jerusalem, damit sein Geschlecht in Israel nicht erlösche, nein, uns ist er geboren. Durch dieses „uns“ wird die Anzeige seiner Geburt zur frohen Botschaft für alle und dem entspricht die zeitlose Höhe, in der die Weissagung schwebt. Wann ist er geboren? Der Prophet weiß es nicht und sagt es nicht. Dennoch bekommt seine Botschaft nicht die Form einer Hoffnung, die von Zukünftigem spricht, sondern mit der Gewissheit gefüllt, als spräche der Prophet von Geschehenem: das Kind ist für uns geboren. Ebenso stellt er das Kind, wenn er von seinem Amt spricht, bereits in die Gegenwart hinein und verkündigt nicht, dass es einst herrschen werde, sondern sagt, es sei der Herr. Auf seine Schultern ist die Herrschaft gelegt; denn die Schultern dieses Kindes sind stark genug, um die wuchtige Last der Herrschaft zu tragen. Woher kam Jesaja diese Gewissheit? Sie entstand aus der Erfassung des göttlichen Willens, aus der Wahrnehmung der von Gott gesetzten Notwendigkeit. Ein führerloses Volk sündigt und die königslose Stadt fällt. Den Führer schuf aber nicht die Wahl des Volks, auch nicht der natürliche Erbgang von David her. Der Prophet hörte den Herrn reden: „Ich gebe ihn euch“, und nun springt in der Seele des Propheten die Gewissheit auf in vollendeter Pracht und er lässt seinen Jubelruf schallen: das Kind ist geboren, das Kind, welches herrscht.
Heiliger Gott! Du hast schon Jerusalem den Evangelisten gegeben, der das, was uns die Weihnacht brachte, geschaut und verkündet hat. Du hast auch mir Dein Evangelium gesagt und mir meinen Herrn gezeigt. Das ist die Gabe Deiner Gnade. Ich schaue sie und bete an. Amen. (Adolf Schlatter)


Einen solchen Heiland gibt es! Er ist vor achtzehnhundert Jahren geboren als ein Kindlein, in dem schon damals alle diese Heilandsherrlichkeit der Gnade, Liebe und Macht verborgen lag; aber, wenn uns heute die ewig tröstliche Botschaft wiederholt wird: „Euch ist heute der Heiland geboren,“ so ist für uns in dem Kindlein der ganze vollkommene Heiland offenbart, und nicht nur offenbart, sondern dargeboten: Euch ist der Heiland geboren! Dieser ganze vollkommene Heiland, den du und ich so gut brauchen könnten ist für euch da, für dich! Dir, dir, wird Er gegeben, du kannst Ihn heute haben! - Heute kann Er, der reiche Heiland voller Gnade, durch den heiligen Geist in deine arme, finstre Seele gesenkt und darin geboren werden, als dein Heiland; also, dass du von heute an einen eigenen, deinen wahrhaftigen, lebendigen Heiland hast! - Ja, heute, heute kann Christnacht sein in deiner Seele! Nur Eins ist not: Strecke im Geist die Arme aus nach Ihm und nimm Ihn hin! (Theobald Wunderling.)


. Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf Seiner Schulter. Und Er heißt Wunderbar, Rat, Gott-Held, Ewigvater, Friedefürst.

Das Kindlein, in Bethlehem geboren, ist ein Wunderkind. Der Knecht des Herrn, Jesajas spricht im Namen seines Volkes: uns ist ein Kind geboren, uns ist ein Sohn gegeben. Gott sei gelobt! Auch wir dürfen sagen: uns gehört Er! denn die göttliche Engelbotschaft lautete: siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Dieses Kindlein ist die Gabe der unendlichen Liebe Gottes an die Welt, und wer immer im Glauben steht, darf mit Loben und Danken ausrufen: auch mir ist Er gegeben vom Vater. Wer kann es ergründen, was uns in Ihm geschenkt ist? Auf die Schultern dessen, der einst arm und klein in Bethlehems Krippe lag, hat der Vater die Herrschaft über alle Dinge gelegt; Ihm ist gegeben alle Gewalt, im Himmel und auf Erden. Alle, die sich beugen unter Ihn, und wieder Kindlein werden, haben Anteil an Seinem Reich; Er hält, trägt und bewahrt sie mit Seiner königlichen Macht; Er macht Kronenträger aus ihnen. Er heißt Wunderbar. Das Wort ward Fleisch, und wohnte unter uns; ist das nicht ein Wunder! Der Herr der Herrlichkeit in Knechtsgestalt ist ein Wunder. Er, der alle Dinge geschaffen hat, ringend in Gethsemane, hängend am Fluchholz, auferweckt von den Toten ist ein wunderbarer Mann. Mir ist Er gegeben; für mich ist Er geboren, für mich ist Er gehorsam gewesen, für mich hat er geblutet, für mich ist Er auferstanden, und so bin ich selber ein Wunder, ein Wunder Seiner Liebe. Er ist der Rat. Einst fand Er keinen Raum in der Herberge; die Seinen nahmen ihn nicht auf; Er war der Allerverachtetste; jetzt regiert Er mit unendlicher Weisheit. Ohne Ihn ist die Welt ratlos, hoffnungslos; Sein Rat führt Alles herrlich hinaus, und macht zu Schanden alle Weisheit der Welt. Auch als Rat gehört Er mir; Er ist mein Licht. Er ist mein Führer. Er ist der starke Gott, Gottheld. Für eine Weile hat er sich unter die Engel erniedrigt; nun hat Er wieder die Herrlichkeit, die Er von Anfang beim Vater hatte, und als starker Gott sitzt Er zur Rechten der Majestät. Niemand im Himmel und auf Erden kann Seiner Hand widerstehen. Mir ist Er gegeben; ich mit allen meinen Sachen bin in Seiner Hand. Er ist der Ewigvater für mich. In Ihm hatte der Vater von Ewigkeit her Liebesgedanken über mich. In Ihm schaue ich dem Vater ins Herz hinein, in Ihm sehe ich den Vater, durch Ihr bin ich Gottes Kind für Zeit und Ewigkeit. Er ist der Friedefürst für Alles, was Ihm huldigt. Er hat Friede gemacht zwischen uns und dem Vater, und Er wird nicht ruhen, bis es erfüllt sein wird: Friede auf Erden.

Herr der Herrlichkeit! Du bist ein Kindlein geworden um meinetwillen. Ich danke Dir, ich bete Dich an. Amen. (Elias Schrenk)


Und er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
Wie ein Mensch heißt, welchen Namen er trägt, das hat unter uns nur eine höchst geringe Bedeutung. Eigentlich sollte der Name eines Menschen sein Wesen und seine besondere Art kennzeichnen. Da wir aber keine Propheten sind und nicht in die innerste Natur hineinschauen, sondern sie erst aus ihrer Entwicklung verstehen können, so wählen wir die Namen unserer Kinder nach allerlei äußeren und zufälligen Rücksichten. Wenn aber Jesaja, durch Gottes Geist erleuchtet, die Namen des zukünftigen Messias und Friedenskönigs nennt, so wissen wir von vorne herein, dass mit diesen Namen das innerste Wesen des Retters dargestellt sein muss. Namen und Natur des Messias müssen sich decken. Wer seine Namen recht buchstabieren kann, der kennt auch sein Herz, seine Absichten, seinen Willen, sein Regiment und Tun.

Nun, wie heißet denn das Kind, das uns zum Friedefürsten, zum beseligenden Weltenherrscher erkoren und geboren ist? „Er soll Jesus heißen“, hat seiner Zeit der Engel Gabriel gesagt (Lukas 1), und Maria, die Mutter des Heilandes, hat auch ihrem Kinde durch den Glauben diesen stolzen Namen zugelegt. Wir sagen: diesen stolzen Namen, denn wir wissen, dass dieser Name über alle Namen ist. Was könnte man denn von Sehnsucht und Hoffnung ausdenken, das nicht in diesem Namen Jesus (Seligmacher) erfüllt wäre? Dem Propheten Jesaja ist dieser Name aber noch nicht enthüllt worden. Mit den Bezeichnungen Rat, Kraft, Held, Friedefürst sind freilich die trostreichsten Seiten des Jesusnamens herausgehoben. Aber als ersten Namen nennt der Prophet einen andern. Und auf den wären die Weisen und Philosophen aller Zeiten nicht gekommen. Und doch ist es am Wichtigsten, ihn zu wissen, wenn man den Heiland erkennen und sich nicht an ihm ärgern will. „Wunderbar“ - so lautet der erste Name und dieser erste beherrscht alle folgenden. Denn „wunderbar“ wird der Erretter sein als Rat, wunderbar in seiner Kraft, wunderbar als Held und Friedefürst.

Wir wundern uns nicht mehr darüber, dass der Heiland „Wunderbar“ heißt. Wir sind daran gewöhnt. Als Kinder unter dem Weihnachtsbaum haben wir ja den schönen Spruch schon hergesagt. Aber eigentlich sollte man doch sagen, dass Der, der für Alle bestimmt war, auch Allen so recht verständlich und durchsichtig sein müsse und nicht wunderbar.

Was ist aber denn damit gesagt? „Wunder auf Erden sind Natur im Himmel“, hat ein weiser Mann gesagt. Damit ist denn freilich bezeugt, dass das „Wunderbare“ nicht etwas ist, was an und für sich und in sich unverständlich oder gar unsinnig wäre. So sprechen wir ja auch von wunderbarer Schönheit und von wunderbarer Weisheit, um das höchste Lob der Schönheit und Weisheit auszudrücken. Aber das ist mit dem Namen „Wunderbar“ gesagt, dass uns Menschenkindern, die wir noch im Dunkeln wallen, deren Erkenntnis noch unendlich beschränkt, deren Auge umflort, deren Horizont begrenzt ist, dass uns das Wesen, Wirken und Leiden des Heilandes geheimnisvoll sein wird und muss. Wenn erst die Hüllen von unseren Augen genommen sind, - wenn wir erst in die Tiefen des Menschenwesens und in die Tiefen der Gottheit hineinschauen, wenn erst das ungeschaffene Licht Gottes uns ganz durchstrahlt, dann werden wir von keinem Wunder mehr wissen, dann werden wir auch den Heiland nicht mehr wunderbar nennen. Jetzt aber, so lange es noch mehr oder weniger unsere Art ist, zu sehen auf das, was vor Augen liegt, - jetzt ist es natürlich, dass der Heiland uns wunderbar ist.

Ja, das ist natürlich, aber es ist bitter, dass es natürlich ist; es graut uns vor diesem „wunderbar“. Dass sein Wesen wunderbar ist, ließen wir uns noch gefallen, auch dagegen, dass Er Wunder tut, würden wir nichts einzuwenden haben. Ja es müsste uns verwunderlich sein, wenn Er, der in seiner Person die geheimnisvolle, wunderbare Vereinigung der Liebe, Heiligkeit und Macht Gottes darstellt, wenn er nicht auch Wunder getan hätte. Aber dass auch all sein Tun und Regiment mit uns wunderbar ist, - dass Er uns oft auf solchen Wegen führt, die uns unpraktisch, zwecklos, ja schier unsinnig, hart und grausam erscheinen, das ist bitter. Und noch Vieles ist bitter in diesem „wunderbar“, aber wir müssen uns in Demut darein fügen und energisch vor diesem Gedanken „Posto fassen“. Ob auch unter viel Tränen, Schmerzen, Zweifeln, Zittern, Zagen, wir müssen uns hinein fügen. Es geht nicht anders, - meldet schon Jesaja. Und wer sich hineinfügt mit stillem und sanftem Geist, der wird dann auch die Macht und Wahrheit der folgenden, so lieblich klingenden Namen, bis hin zum „Friedefürst“, erfahren. Ja er wird schließlich merken, dass die Herrlichkeit des Jesus-Namens durch nichts so erklärt und verklärt wird wie durch das, erst so fatale „wunderbar“.

Jesus ist der schönste Nam
Aller die vom Himmel kommen;
Huldreich, prächtig, tugendsam,
Den Gott selber angenommen;
Seiner großen Lieblichkeit
Gleicht kein Name weit und breit. (Otto Funcke)


“Und er heißet Wunderbar.“

Jesus preiset selig, die Ihn als den Sohn Gottes erkennen, und doch nennt er sich selber gemeiniglich des Menschen Sohn. „Gott sandte seinen Sohn geboren von einem Weibe,“ denke darüber nach, - da ist eitel Wunder. Ja, die Person Christi, (wie wir schon gestern andeuteten,) ist uns ein Geheimnis, ein Rätsel; ein seliges Geheimnis, aber doch ein Geheimnis, ein beseligendes Rätsel, aber doch ein Rätsel.

„Wenn ich dies Wunder fassen will,
So steht mein Geist vor Ehrfurcht still;
Er betet an und er ermisst,
Dass Gottes Lieb unendlich ist.“

O, wie unbefriedigend lassen uns alle Versuche der Theologen, die das Geheimnis lüften und die gottmenschliche Natur Christi gleichsam sezieren wollen. Wie widerwärtig ist das Zanken über allerlei Formeln, die das „wunderbar“ erklären sollen! Wie vermessen ist es, wenn man nur einen Christus annehmen will, den die Vernunft begreifen kann; wie vermessen aber auch, wenn man den Leuten gleichsam die Pistole auf die Brust setzt: „Dies ist die einzig richtige und rechtgläubige Formel, wer die nicht annimmt, ist kein wahrer Christ!“ - Nein, anbetend, in heiliger Ehrfurcht zu seinen Füßen sich hinsetzen und seiner Rede lauschen, betend aufschauen zu Ihm, dass Er uns mit seinem Geist und Frieden erfüllen möge, und dann hingehen, durch Macht seines Erbarmens und seines Friedens, und Liebe und Frieden bringen unter den armen, trostlosen, verhetzten Menschenkindern, das ist die Sache, um die es sich handelt, das ist auch der einzige Weg, wie uns der „Wunderbare“ immer natürlicher und traulicher wird.

Desgleichen, wer in den Akten des Christusreiches auf Erden zu Hause ist, der weiß freilich, dass der Wunderbare die Seinen auch wunderlich leitet, dass sein Rat und Tat wunderbarlich, dass er aber schließlich doch Alles herrlich hinausführt. So wunderbar war Jesu Tun von Anfang her, dass Johannes der Täufer, der große Herold Christi, der Freund und Brautwerber des himmlischen Bräutigams, - als er in seinem Gefängnis von den Werken hörte, die Jesus tat, und noch mehr von denen, die er nicht tat und nach Johannes Meinung hätte tun sollen, dass er Ihn fragen lässt: „Bist du der da kommen soll, oder sollen wir eines Anderen warten?“ Und wer hätte nicht in der Betrachtung der Reichsgeschichte oft mit bangem Zweifel also gefragt? Wie ging doch der Weg Christi mit seinem getreuen Volke auf Erden durch so viel Blut und Tränen, durch entsetzliche Enttäuschungen und Erschütterungen hindurch?! Wie ließ Er, dem doch alle Gewalt gegeben war, seine Feinde toben, wüten, schalten und walten nach ihrem Wohlgefallen, dass sie zerreißen und zertreten durften, was seine Knechte mühsam gebaut, und obenein Ihn selbst noch verspotten und verlachen? Und ist's etwa heute so viel anders? Ist es nicht auch so in den Einzelführungen der Jünger Christi? Weißt du nicht schon aus deiner Erfahrung hundert Beispiele zu bringen, dass sein Rat gar wunderbarlich ist, aber, nicht wahr, doch auch schon etliche Beispiele, wie er's dennoch herrlich hinausführt? Die anderen aber werden nachkommen und was das Dunkelste ist, muss das Hellste werden. Stephanus musste zermartert werden, damit Saulus ein Paulus würde. Und Paulus musste seine Füße in den Block stecken, damit der heidnische Kerkermeister ein seliger Christ würde. Und Petrus musste seinem Heiland ins Angesicht schlagen, damit der verleugnende Petrus ein treuer Zeuge werde. Und der Onesimus musste schmählicher Weise seinem Herrn entlaufen, um in Rom seinen Heiland zu finden. Und die Apostel mussten bei Malta Schiffbruch leiden, damit die Malteser das Wort des Friedens hörten. Und du - Nun fahre fort und erzähle von deinen Schiffbrüchen, wo deine Tugend, deine Freude, dein Glaube, dein Trost, deine Liebe, dein erträumter Friede scheitern, damit du zum ersten Mal wirklich Boden unter die Füße bekommest! Ja, Er, der Wunderbare, bekommt noch Recht und am Glänzendsten da, wo er jetzt am meisten Unrecht zu haben scheint. Und du wirst das auch noch schauen, wenn du hier nur im Glauben Ihn lieben willst.

Stille! stille!
Deines Jesu Rat und Wille
Ist der beste, gilt allein
Wer Ihm nur kann stille halten
Und Ihn lässt in Allem walten,
Der kann immer ruhig sein. (Otto Funcke)

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