Ein Geduldiger ist besser, denn ein Starker, und der seines Muts Herr ist, denn der Städte gewinnt.
Was hilft es, Kränze erringen und Siege davon tragen, wenn man nichts über sich selber erringen kann, und seines Muts nicht Herr ist? Selbstbeherrschung ist besser als Weltbeherrschung, und ein Bewahren des Herzens besser als ein Bewahren aller Reichtümer. Selbstbeherrschung gibt auch Geduld, und ein Geduldiger ist höher zu stellen als ein Starker. Freilich, durch wie viele Kämpfe geht es, bis sich dem unbeugsamen Herzen etwas abtrotzen lässt! Schon kleine Kinder lassen sich eher bis aufs Blut schlagen, als ihren Willen brechen, und wenn das am grünen Holz ist, wie viel mehr am dürren! Der Jähzorn, der Hochmut, die Lüfte des Herzens, wie sie auch alle heißen, müssen eben einen andern Herrn finden als unsern eignen Arm. Rosse helfen nicht, Entschlüsse auch nicht; es muss ein Stärkerer über den Starken kommen, und seinen Harnisch ihm ausziehen. Aber es heißt auch: Der in uns ist, ist stärker als der in der Welt ist. Wo Christus ist, da ist Freiheit, und da allein auch Selbstbeherrschung. Der natürliche Mensch kann sich wohl zurückhalten und seine Leidenschaften unterdrücken, aber wir sehen nicht, wie es in ihm kocht und wallt; einen Geduldigen und sich selbst Verleugnenden macht nur der Herr. Wo Er lebendig geworden ist, als der Fürst des Friedens und die Sonne der Gerechtigkeit, da kommt in das ungestorbene und uns gebrochene Wesen der alten Natur ein himmlischer Gottes- und Liebeskeim, der steinharte Wille wird durchdrungen von einer heiligen Scham, die Macht der Bosheit wird gebrochen, das verkehrte Herz herumgewendet von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu dem lebendigen Gott. Christus ist der Willenbrecher und der Herzveränderer, und je unmöglicher dir selber dieses Riesenwerk scheint, je sicherer kannst du sein, Christus ist gerade für dich gekommen; wirf dich vor ihm nieder, immer gläubiger und kindlicher, und die Mauern von Jericho werden fallen. (Johann Friedrich Lobstein)