Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Hochgelobter Heiland! Du ließest Dich heute einen Jesum nennen und versprachst damit Dein Volk selig zu machen von ihren Sünden. Herr, Dir sei Dank, dass Du diesen Deinen heilsvollen Namen auch das vergangene Jahr an uns bewiesen hast. Sei nun auch ferner unser lebendiger Jesus, unser Heiland in der Tat und Wahrheit. Erlöse uns vor allen Dingen von unsern Sünden, als dem ärgsten und gefährlichsten Schaden. Siehe, unser Herz sehnet sich nach Deiner neuen Schöpfung, darin Du Alles neu machen willst. so schaffe in uns einen neuen, gewissen Geist, damit das Alte alles vergehe, das uns geplagt und beunruhigt, auch Dich an Deinem Segen gehindert hat. Erneure mit diesem Wechsel des Jahres Dein Gedächtnis in uns, dass Du nun von neuem uns vor Augen gemalt werdest durch den Glauben, den Gott selber wirket. Werde uns, was Dein Name mit sich bringet, lauter Heil und Seligkeit. Schenke uns zum neuen Jahre neue Gerechtigkeit, neue Heiligkeit, neue Weisheit, neue Erlösung. Lass uns mit ganz neuem Sinn und Ernst dieses Jahr anfangen, und nicht in dem alten Sauerteig der Sünden und bösen Gewohnheiten. Ach, dass wir nun Alle ein Herz erflehten, dass Dich kindlich fürchtete, herzlich liebte, brünstig anriefe und treulich kämpfte! Werde uns Alles in Allem, denn in Dir liegt Alles, was wir bedürfen, du allerkostbarste Neujahrsgabe. Werde unserer Obrigkeit das rechte Gesetzbuch in Deinem heiligen Namen, der da ist Gottes Wort; sei ihr gerades Zepter, dass Dein Wille nur durch sie geschehe, und ihr Schirm und Schutz, Lohn und Kron. Sei Du allen Lehrern das wahrhaftige Licht, das allen Menschen vorleuchte, und die Irrigen zurechtweise, die Unwissenden lehre, die Schwachen stärke, die Traurigen tröste. Allen Gemeinden werde mit Deinem heiligen Namen ein Tempel, darein sie in Einigkeit des Geistes versammelt werden zur gemeinsamen Besserung. Dein Name sei und bleibe der Armen Schatz, der Kranken Heilung, der Elenden Zuflucht, der Verlassenen Rat und Trost, der Witwen Versorger, der Waisen Vater, ja Allen Alles. Denn Du kannst uns im Tode erwecken und in Schwachheit neue Kraft geben, den Zorn in Liebe und den Fluch in Segen verwandeln. Ja, lehre Du uns selbst Dein Wohlgefallen, und ohne Dich lass uns nichts reden, tun oder denken. Wir empfehlen uns Dir ganz und gar mit Allem, was wir sind und haben, auf ewig. Amen. (Friedrich Arndt)
Glück zum neuen Jahre! Glück zum neuen Jahr! - So tönt's in diesen Tagen durch die Reihen der Menschenkinder. Wir stehen gleichsam auf einem hohen Berg und möchten in die Ferne spähen, dahin wir ziehen sollen. Aber dichter Nebel bedeckt Täler und Höhen und unser Auge kann nicht durchdringen. Und doch möchten wir so gerne sehen. Ach, was wogt nicht alles von Furcht und Hoffnung, von Angst und Sehnsucht in der Seele auf und nieder! Thronen und Herrschaften hofft dieser zu erlangen, jener arme Tagelöhner wäre überglücklich, wenn er im Lauf dieses Jahres so weit käme, seinen milchlustigen Kindern eine Ziege anzuschaffen; der Astronom dort gedenkt neue Sternwelten zu entdecken; dieser Schwindsüchtige zweifelt nicht, dass ihm das neue Jahr ein unfehlbares Heilmittel bringt; auf das Steigen seiner Aktien hofft der Fünfte, auf eine Erbschaft der Sechste usw. Und, so verschieden die Hoffnungen der Menschen sind, so verschieden ist auch ihre Furcht. Ja, Mancher schaut im Blick auf seine leere Kasse und die schlechten Geschäfte, auf seine Familienverhältnisse, auf seine eigene hinschwindende Gesundheit und dergleichen, - gar trüb ins neue Jahr hinein und fragt: Wo will's hinaus? Wie will das werden?
Aber was hilft alles Fragen, Klagen, Zagen? Was hilft alles Ausschauen und ob man sich die Augen ausschaut? Darum senkt sich der Nebel doch nicht. Es ist eine Erfahrung, die Jeder gemacht hat, der nicht gedankenlos seine Straße zog, dass wir fast nie nach unserer Kalkulation durchs Leben kommen, wie fein wir auch spekuliert und kalkuliert haben mochten, ja dass wir selbst dann „unsern Willen“ nicht hatten, wenn's nach unserm Willen ging. So werden auch in diesem Jahre die Dinge hart wider all deinen Verstand, Rat, Willen und Weisheit anlaufen.
„Aber das wäre doch schrecklich, so ins Finstere hineinzutappen und der Spielball unberechenbarer und unbekannter Gewalten zu sein!“ Freilich, zum Verzweifeln wäre es, und zwar am meisten für Den, der am ernstesten und am sinnigsten ist; zum Verzweifeln wäre es, ist es und bleibt es auch, bis der Ausblick zum Aufblick wird, bis wir von den Dingen, die unten sind, zu dem, was droben ist, uns hinkehren und mit dem Psalmisten sprechen lernen: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“
Wir wissen, dass die frommen Israeliten vor Christo, wenn sie dieses Lied sangen, zunächst an die Berge dachten, darauf Jerusalem, die Gottesstadt und Gotteswohnung, gegründet war. Wir Kinder des neuen Bundes schwingen uns bei solchem Gebet höher hinauf, dahin, wo im innersten Himmelsheiligtum unser Gott, der in Christo Jesu unser Vater ist, wohnt. Wohl Dem, der versteht, was das sagen will, der es aus eigener seliger Erfahrung weiß, dass über den Wolken ein Vaterherz für ihn schlägt, welches eitel Liebe und Erbarmung ist, und dass dieser Vater es ist, dem Reich, Kraft und Herrlichkeit gehören und der alle Wege seiner Kinder, mögen sie nun durch finstere Tiefen oder über sonnenbeleuchtete Höhen führen, also wendet und regiert, dass ihre wahre innere und äußere Vollendung und Verherrlichung dadurch erzielt werde. Wohl Dem, der mit solchem Sinn aus den Tiefen der Sorge und aus dem Lust- und Leid-Gewirre der eigenen Gedanken heraus in die Höhe schaut, der wird sich die Frage: „Woher kommt mir Hilfe?“ getrost beantworten können: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, ja der mir seinen einigen Sohn zum Bruder gesetzt und mich zum ewigen Leben erlöst hat.“ - Und bei solcher Antwort wird's dann weit und licht und frei im Herzensgrund. Wohl hast du auch jetzt mitnichten eine Garantie, dass du auf glatten Wegen und zwischen Rosengärten wandeln wirst, Eins aber weißt du, dass die ewige Liebe Alles regiert, dass nicht über Vermögen deine Anfechtungen, wohl aber über all dein Verstehen und Begehren seine Gnade und seine Güte sein werden.
Ein wahrer Gottesmensch ist verzagter und mutiger wie andere Leute. Er ist verzagter, so lange er auf sich selbst und die Dinge hier unten schaut. Denn tiefer wie der Weltmensch hat er, vom Licht der Wahrheit erleuchtet, den Eitelkeits-Charakter und den Betrug der Dinge dieser Zeit erkannt, und was noch schmerzlicher ist, die Unzuverlässigkeit, Heuchelei und Unreinheit des eigenen Herzens. Darum kann er sich aus dem, was um ihn und in ihm ist, kein Herz fassen. Aber unbeugsam ist sein Mut und unerschütterlich, wenn er sein angstbeschwertes Herz aus dem Gewirr und Wogengebrause dieser Welt dahin rettet, wo alle Erdenstürme nicht hinreichen, wenn er den Anker seines Herzens demutsvoll und kindlich-gläubig in seines Gottes Herz einsenkt. Derselbe Psalmist, der so angstvoll ruft: „die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen gräulich,“ fährt alsobald, fast trotzig triumphierend fort: „Aber der Herr ist noch größer in der Höhe!“ Derselbe Moses, der ganz verzagt betet: „Herr, wenn dein Angesicht nicht mit uns zieht, so führe uns gar nicht von dannen herauf,“ schreitet dann mit aufgerichtetem Haupt in Wüstenei und Kampf, Sturm und Wetter, als sein Gott ihn getröstet hat: „Mein Angesicht soll mit dir ziehen, damit will ich dich leiten.“ Herzbeweglich klingt es, wenn Paulus wehklagt: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes?“ Dennoch jubiliert er im Anblick eines Meeres von Schmerzen und Kämpfen: „Ich vermag Alles durch Den, der mich mächtig macht, Christus.“
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“1) fragt der Psalmist voll Bangigkeit; und alsobald kann er sich selbst ermutigen: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn.“
Und auch deine Hilfe, lieber Leser, wird kommen in jedem Kampf, zu jeder Stunde, an jedem Ort, wenn du das Augenaufheben recht üben, wenn du, so gut du's vermagst, fort und fort deine Seele aufwärts schwingen und den züchtigenden, erquickenden, erleuchtenden Strahlen der heiligen Gottessonne öffnen willst.
Dann, wenn wir also „nicht von der Welt“ sind, werden wir erst recht „in der Welt“ sein, so dass wir den irdischen Dingen ihr volles Recht geben und unsern Posten darin ganz und mit Freuden ausfüllen, und dennoch darüber erhaben sind, so dass wir von ihrem Lusttaumel nicht berauscht, von ihrem Ruin nicht begraben werden.
Mag denn auch das neue Jahr bringen was es will, für Den, der sein Herz in Gott heiligt, für Den, der sich selbst in seinem Gott sucht und findet, für den wird es dennoch eitel Leben bringen und ein „gnädiges Jahr des Herrn“ sein. Darum getrost, wer ihm angehören will, der soll sich freuen allewege und alle seine Sorgen und Ängste in den Abgrund seiner Liebe begraben. (O. Funcke)
Wenn der Blick des Psalmisten sich zu den Bergen wendet, so bewegt ihn eine Frage und er sagt uns, was ihn umtreibt. Er sucht die Hilfe. Darum sieht er hinaus in die weite Ferne und hinauf zu den höchsten Höhen, die seinem Blick erreichbar sind. Aber sein Blick bleibt nicht an den Gipfeln und Kämmen der Berge hängen, als könnte sich dort eine Heerschar zeigen, die Israels Schutz und Schirm wäre. Höher empor erhebt er das Auge und sucht nicht im irdischen Umkreis den Helfer. „Meine Hilfe kommt vom Herrn.“ Nur einer ist der Helfer, der, der den Himmel und die Erde gemacht hat. Nun hat aber seine bange Frage die Antwort und sein spähender Blick sein Ziel gefunden und er weiß, woher die Hilfe kommt, nicht nur vielleicht, nicht nur hoffentlich, sondern sie kommt von Gott, und sie kommt deshalb von ihm, weil der Himmel und die Erde sein Werk sind. Deshalb gibt es keine Not, die ihn ohnmächtig machte, keinen Feind, der ihn hindern könnte, und keine Schranke, die seine Güte einengte. Aus der Schöpferherrlichkeit Gottes folgt die Fülle seiner ewigen Gnade.
Ich mache es, wie der Psalmist es mir sagt, und sende meinen Blick in die Höhe, über alles Irdische und Menschliche empor, empor auch über alles, was die Natur mir zeigt, empor zu Dir, mein Schöpfer und mein Vollender. Amen. (Adolf Schlatter)
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen; und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte dich vor allem Übel; er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
Das ist ein rechtes Trostlied; aber nur Der kann's singen, der mit dem Volke Gottes durch die Wüste der Welt nach dem himmlischen Kanaan wandert, nach der Stadt des lebendigen Gottes. Ist dahin dein Herz gerichtet, dein Beten und Kämpfen, dann darfst du sicher sein: Der treue Gott wird dich behüten, er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, damit du nicht vom rechten Wege abirrst. Er wird dich behüten, dass du nicht versucht werdest über Vermögen, sondern sicherer und seliger daraus hervorgehst. Und wenn seine Hand die äußeren Anfechtungen auch nicht von dir abhält, so wird doch in ihnen seine Hand deine Seele behüten, dass alle Prüfungen dir vorwärtshelfen auf dem Wege zum Himmel. Und dies letzte ist doch das Beste und Größte, dass wir die Heimat erreichen, dass, wenn du einmal scheiden musst, es bei dir heißt: Der Herr behütet deinen Ausgang und deinen Eingang - deinen Eingang ins selige Himmelreich! O treuer Gott, sei du unsere Hilfe. Behüte du uns bei Tage und bei Nacht. Sei du unser Schutz und Schirm, dass wir nicht fallen, dass wir uns nicht verirren. Behüte uns vor allem Übel, zumeist aber vor Sünde und Schuld. Behüte unsere Seele. (Adolf Clemen)
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen; und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte dich vor allem Übel; er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
Herr Gott, du treuer Hüter Israels, der du deinen Engeln befohlen hast, dass sie uns behüten auf allen unsern Wegen, in deine Hand befehlen wir uns auch heute und alle Tage. Verleihe uns (mir, unserm lieben Bruder) eine glückliche Reise und ruhige Tage, dass wir vor allem Unfall und Schaden bewahrt bleiben. Geleite uns durch deinen Schutz und deine Führung zum Ziele, und lass uns zu seiner Zeit gesund und in Frieden wieder heimkehren. Behüte auch die, welche zu Hause bleiben; lass du dein Auge offen stehen über diesem Hause bei Tag und bei Nacht, und gib uns die Gnade, dass wir uns fröhlich wiedersehen. Herr, in deine Hand befehlen wir uns. Bleibe du bei uns alle Tage und an allen Orten, und hilf uns, dass wir nach allem Wechsel des Wegs und dieses Lebens einst in Frieden eingehen zu unsrer ewigen Heimat, durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen. (Adolf Clemen)
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.
Auf Bergen ist uns das Heil erworben, und nur in und aus der Höhe wird es gefunden. Trachtet deswegen nicht nach dem, was auf Erden ist, sondern nach dem, was droben ist. Seid ihr Christen, so seid ihr von Oben her, und könnt euch an niedrigen Dingen nicht sättigen. Hebt eure Augen in die Hohe! heißt es. Von dannen erwarten wir Hilfe und unseres Leibes Erlösung. Wir richten unsern Blick aufwärts, wenn das Angenehme dieser Erde uns reizen, und unsere Herzen umstricken will, denn droben ist unser Schah. Diese Belohnung sah Moses an, und wollte deswegen lieber mit dem Volke Gottes Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde genießen. Gegen das Gewinnen Christi war dem Apostel alles Schaden und Auskehricht. Will das Gewirre dieser Erde und ihre Mühe uns ermatten - der Blick hinauf nach dem jenseits des Jordans gelegenen Lande der Ruhe stillt und stärkt. Bin ich in Not, so hebe ich mit David Ps. 123. meine Augen auf zu dir, der du im Himmel sitzest. Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, und die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen, also sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde. Sei uns gnädig, Herr, sei uns gnädig, denn unsere Seele ist sehr voll Verachtung. (Gottfried Daniel Krummacher)
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.
Die Berge, nach denen die Frommen in Israel aufgeschaut haben, hatten für sie eine andere Bedeutung, als die Berge unsrer Länder für uns. Während wir diese als Fingerzeige zum Himmel betrachten, waren ihnen jene Stätten gnadenvoller Herablassung Gottes. Solche Berge, wie die um Jerusalem her, waren Pfänder, dass Gott sein Volk nie vergisst. Von der auf ihnen gewordenen Offenbarung kommt dem Beter die Hilfe.
Wenn der Christ nach den Bergen Gottes ausschaut, so sieht er weit vorne in der heiligen Geschichte den die abnehmenden Wasser der Sündflut überragenden Ararat. Er ist ein Zeuge der Gerechtigkeit Gottes wider das dem Gericht verfallene Geschlecht. Auf ihm fand die Arche ihren Ruhepunkt und ward der Dankaltar gebaut. Ararat zeugt von der Treue Gottes und predigt den Gottesfürchtigen: Keine Flut ist zu drohend, keine Trübsal zu lang, Gott bringt euch auf sicheren Felsengrund. Vergesst nur des Dankes nicht!
Näher steht uns Morija. Auf seine Höhen stieg schweigend Abraham mit seinem Sohne Isaak, dem Opferlamm. Eine Glaubensprüfung war dem Vater der Gläubigen zugemutet, wie nie sonst einem Sterblichen. Morija aber war Zeuge von seiner Bewährung und von der Hilfe, die Gott zur rechten Stunde schickt. Morija sagt uns, dass jedem Nachfolger Christi Prüfungen auferlegt, ja dass der Glaubensgehorsam vielleicht bis zur Drangabe des Teuersten müsse geübt werden; aber von ihm herab tönt auch die Stimme: „Der Herr wirds versehen,“ und wer sie hört und in Hoffnung weiter harrt, der ist ein Kind Abrahams, des Vaters aller Gläubigen.
Der Berg Sinai war die Stätte der Offenbarung von Gottes Heiligkeit. Umhüllt von Wolken, durchtost von Donner und Blitz, redet er von der Heiligkeit, vom Gesetz und vom Gerichte Gottes. Seine Sprache ist kantig wie der Fels; sie sagt unerbittlich: du sollst, du sollst! Schon mancher hat versucht, Sinais Felsenworte abzuschwächen und ihren Drohungen zu entfliehen, aber seine Mühe war ebenso erfolglos, als wenn er die Felsenmassen des Sinai wegzuschieben versuchte. Mose allein durfte den Berg betreten, und wer ihn sonst anrührte, sollte des Todes sterben. Von ihm herab brachte er das Gesetz auf steinernen Tafeln und stellte es dem menschlichen Willen gegenüber.
Ach, hätten wir nur den Sinai, zu dem wir schauen könnten, so wären wir verlorene Menschen! Aber er weist uns als Zuchtmeister auf Christum, auf die Berge hin, von denen uns wirklich die Hilfe kommt; ist es doch derselbe Gott, der sich geoffenbart hat auf Ararat, Morija und Sinai, derselbe, der sich im neuen Bunde neue Stätten erlesen, die uns sagen: „Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.“ dass jeder Beter die Sprache dieser Berge verstünde und sich von ihr treiben ließe, desto herzlicher die Berge zu suchen, welche Hilfe bringen, die ewig bleibt.
Richte du, Herr, meinen Blick zu dir empor, dass ich deine Sprache in Gnade und Gericht verstehe, wie du sie geoffenbart hast in alter und neuer Zeit. Mehre in mir die heilige Furcht, welche der Weisheit Anfang ist, dass mein Glaube fest werde. In Jesu ist bleibende Hilfe; schenke sie mir! Amen. (Rudolf Wenger)
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.
Ararat war ein Pfand der Durchhilfe Gottes in großen Nöten, Morija mit seinem „der Herr wirds versehen“ ein Beweis der Aussicht unsres himmlischen Vaters in den Glaubensproben, und Sinai mit seinem Gesetz ein Zuchtmeister auf Christum hin. Die wahre Hilfe aber steht bei diesen Bergen nicht, doch sind sie weithin sichtbare Wegleiter zu den rechten Bergen, von welchen die Hilfe kommt.
Das Evangelium Matthäus erwähnt im 5. Kapitel den Berg der Seligkeiten. Dort tat Jesus seinen Mund auf und ließ Wasser des Lebens in die durch des Täufers Bußpredigt zubereiteten Herzen fließen. Nicht in der verderbenbringenden Weise des Sinai, sondern Seligkeit austeilend, legt er den Willen Gottes dar und erweckt und verbürgt die Hoffnung, dass Gottes Wille durch Christum auch in uns erfüllt werden wird. Ein anderer Berg ohne Namen ist Lukas 6 genannt. Der Herr bestieg ihn und blieb dort über Nacht im Gebet zu Gott. Vom Berge des Gebets schaute er und schauen wir nach Hilfe aus. Der Berg ist sowohl in der Tiefe des Leidens, als in der einförmigen Ebene geistlicher Dürre, wie in den Höhepunkten der Christenfreude. dass unser Herzensland viele solcher Berge aufwiese! Wer sich dahin begibt, ist Gott näher. Mit dem Stabe der Verheißungen in der Hand besteigt man sie. Millionen schon sind dorthin gegangen und was sie erfuhren, war nicht Einbildung, sondern Wirklichkeit. Sie bekamen Himmelsluft und Himmelskraft und die Bürgschaft einer endlich kommenden, allumfassenden Hilfe.
Der kleinste und doch wichtigste von allen Bergen ist der Hügel Golgatha, seiner Bedeutung nach den Ararat, wie den Sinai weit überragend. Auf ihm ward das Gericht über den Unschuldigen vollzogen, damit nicht die ganze Menschheit gerichtet würde, wie schon Ararat einmal davon Zeuge war. Auf ihm wurde ein Opfer vollbracht, dessen Vorbild Morija schaute. Auf ihm sind die Forderungen und der Fluch des Sinai an den einen Mittler gekommen, der das Gesetz erfüllt und den Fluch weggenommen hat, indem er selbst ein Fluch geworden war. Auf ihn weist auch der Berg des Gebetes hin, denn da hat Jesus in seiner Gotteskraft das Opfer gebracht und Fürbitte für die Kreuziger getan. Alles was Ararat und die früheren Berge zeigten, ist erfüllt in den Vorgängen auf dem Hügel Golgatha. Auf Golgatha kann man nicht stehen bleiben; der Sünder fällt dort auf die Knie und spricht: „Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ und nachdem er gläubig in des Gekreuzigten Auge geschaut hat, wird er sagen lernen: „So ist nun nichts Verdammliches mehr an denen, die in Christo Jesu sind.“ Nun ist der Weg nach der Heimat droben geebnet. Von woher wir auch kommen mögen, vom Berg des Gesetzes, vom Berg der Seligkeiten oder vom Berg des Gebets, so muss jeder Weg über den Hügel Golgatha führen, wenn wir endlich auf den Berg der Himmelfahrt steigen und den Lauf selig vollenden wollen.
Lieber Herr, sei du unser Hirte und führe uns an deiner Hand. Wie du uns leitest, so wollen wir gehen. Ohne dich nicht einen Schritt; mit dir hinauf und hinab, aber allezeit zu deinem Kreuz auf Golgatha, denn Vergebung tut uns täglich not! Amen. (Rudolf Wenger)