Psalm 119,94

Andachten

Ich bin Dein, hilf mir.
So betete David, oder ein anderer Prophet, der diesen Psalm geschrieben hat, und so darf ich auch beten. Ich bin Dein, HErr mein Gott, weil Du mich erschaffen hast, und ich ein Werk Deiner Hände bin. ich bitte also mit der Ansprache, die ein Geschöpf an seinen Schöpfer machen darf: hilf mir, Deinem armen, dürftigen, gebrechlichen Geschöpf. Ich bin Dein, HErr Jesu, denn Du hast mich teuer erkauft, Du hast mich mit Deinem Blut erkauft, nun bin ich nicht einmal mein selbst. Das Recht, das ich über mich zu haben meinte, ist dein und in Deinen Händen, ich trete es auch Dir williglich ab, ich stelle mein ewiges Schicksal als Dein Leibeigener in deine Hände: aber nun hilf mir als dem Deinigen, sorge für mich, schütze mich, leite mich, und labe mich Elenden mit Deinen Gütern, ohne die mich ein ewiger Mangel quälte. Ich bin Dein, weil ich auf Deinen Namen, o Dreieiniger Gott, getauft, und von Dir hernach auch durch Dein Wort berufen worden bin, um Dein Kind und Knecht zu sein. Du hast mir auch in Deinem Wort teure Verheißungen gegeben, und diese Verheißungen mir durch die Taufe und hernach durch die Gnade des Beruf zugeeignet: nun hilf mir, wie Du verheißen hast, hilf mir, denn ich suche Deine Befehle, und indem ich sie zu verstehen und zu halten trachte, so hoffe ich, Du werdest auch die Verheißung Deiner mannigfaltigen Hilfe, deren ich sehr bedürftig bin, und welche an Deine Befehle überall angeheftet ist, an mir erfüllen, und mich auf den Weg des schwachen aber willigen Gehorsams nicht zu Schanden werden und verderben lassen. Ich bin Dein; weil ich aber aus sündlichem Samen gezeugt bin, und eine sündliche Eigenliebe und allerhand Unreinigkeit in mir habe, so lässt Du mich oft einen geistlichen und leiblichen Mangel fühlen, Du wirfst mich nach dem Recht, das Du über mich hast, oft in einen Ofen des Elend hinein, Du gehest wunderlich mit mir um, dass mir oft um Trost und Hilfe bange wird, aber hilf mir, o mein Gott weil ich Dein bin. Du bist allein mein Trost und mein Nothelfer, zu Dir habe ich Zuflucht. Ich begehre kein Fleisch für meinen Arm zu halten, und finde auch kein Leben und keine Hilfe in meiner eigenen Hand, Du aber, HErr, hilf mir von Tag zu Tag nach dem Bedürfnis meiner Seele und meines Leibes; errette mich aus allen Nöten, bewahre mich vor dem Argen, sende Dein Licht und Deine Wahrheit, dass sie mich leiten. Hilf mir, himmlischer Vater, durch Deinen eingeborenen Sohn, den Du als einen Helden aufgestellt hast, der helfen soll, Ps. 89,20., und der Jesus, Heiland, Seligmacher oder Helfer heißt. Hilf mir durch Ihn und um Seinetwillen auch von demjenigen Übel, welches die Verdammnis nach sich ziehet, nämlich von der Sünde, weil Er darum in die Welt gesandt worden ist, dass Er Sein Volk selig mache von ihren Sünden. Hilf mir bis ans Ende, und endlich erlöse mich aus allem Übel und hilf mir aus zu Deinem himmlischen Reich. Dieses Alles tue, o himmlischer Vater, um Deines Sohnes Jesu Christi willen! (Magnus Friedrich Roos)


Ich bin dein, hilf mir; dein ich suche deine Befehle.
Ein kurzes Gebet, aber ein Gebet, das Alles umfasst. Hilf mir, o Gott, dass ich dich und mich erkenne; hilf mir von meiner Übertretung und Schuld; hilf mir zum Frieden der Kinder Gottes; hilf mir aus der Versuchung zum Sieg, zur Heiligung; hilf mir durch bis vor deinen Thron. - Alle Tage gilt es so zu beten; wie viel mehr heute! Heute stehen wir ja still auf unserm Wege und werden es wieder tiefer inne, wie viel uns fehlt in unserm Christentum. „Ein Christ ist im Werden, nicht im Geworden sein; das Leben ist nicht eine Frömmigkeit, sondern ein Frommwerden; nicht eine Ruhe, sondern eine Übung; wir sind's noch nicht, wir werden's aber; es ist nicht das Ende, sondern der Weg.“ Da sollen wir recht ernstlich, brünstig rufen: hilf mir! Und wir dürfen also rufen und bitten, denn: ich bin ja dein. Die Sach' und Ehr, Herr Jesu Christ, Nicht meine, sondern deine ist. Ich bin dein; du hast mich lieb. Du nimmst an Allem Teil; meine Sorgen sind darum deine Sorgen; meine Angst, deine Angst; meine Freude deine Freude. Es ist dein Reich, das gemehrt oder gestört wird, wenn meine Seele ewigen Gewinn oder ewigen Schaden davonträgt. Darum, o Herr,

Ich will die Sorge meiner Seelen
und meines Lebens dir befehlen.
Ach, drücke tief in meinen Sinn,
Dass ich doch einmal deine bin.

Hilf uns, unser Glauben und Leben gründen auf dein Wort: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! In meine Hände habe ich dich gezeichnet. Amen. (Adolf Clemen)


Ich bin dein, hilf mir.
Es ist uns das Wort eines berühmten Mannes erhalten, dass, je älter er geworden, sein Glaubensbekenntnis umso kürzer geworden sei, so dass er es am Ende auf die kleinste Münze habe schreiben können. Damit wollte er natürlich nicht sagen, dass er je länger je weniger geglaubt hätte, wohl aber, dass der unveränderliche Kern und die Summe seines Glaubensbekenntnisses sich immer leichter in wenige Worte zusammenfassen ließe; einzelne Worte, die aber für ihn selbst alles umfassten. Könnte man wohl, auch in der neutestamentlichen Zeit, des Menschen Ein und Alles kürzer, richtiger, kräftiger bezeichnen, als durch jene tiefsinnigen Worte des leider noch viel zu wenig geschätzten 119. Psalmes? „Ich bin dein, hilf mir“ gewiss, kürzer, als es in diesem Bekenntnis, diesem Gebet des Glaubens geschehen, ist es nicht möglich, und auch wohl kaum besser. Dein, mein Gott in jenem allgemeinen Sinne, in dem auch die Erde mit all ihrer Fülle des Herrn ist, sondern in jenem besonderen Sinne, in dem allein der Glaube den Mut hat, dieses: Gott, du bist mein Gott! immer von neuem zu wiederholen. „Dein“, dein Eigentum, also nicht mehr mir selbst überlassen, sondern mit Leib und Seele unwiderruflich nicht dein eigen; dein Liebling, nicht nur ein Dienstknecht, sondern dein Freund, dein Kind, dein Erbe, der von dir nichts mehr zu fürchten hat, wohl aber für jetzt und für die Zukunft alles von dir zu hoffen; dein Erlöser mit einem Worte; denn hättest du, mein Gott, nicht nach deiner unendlichen Gnade mich in Liebe erkannt, gerufen, gerechtfertigt, verherrlicht, so wäre ich nimmer dein Eigentum geworden!

Wer so sprechen kann, sollten wir meinen, dem ist geholfen; der braucht also eigentlich um nichts anders mehr zu beten, als darum, dass er in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen werde? Mit demselben Rechte könnte man behaupten, wer sich einmal mit Gott versöhnt weiß, der brauche hinfort nie mehr um die Vergebung seiner Sünden zu beten. Arme Vernunft, die du auf geistlichem Gebiete deine Schlüsse ziehst und festhältst gegenüber den Tatsachen der Erfahrung, gegenüber den tiefen Seufzern des Herzens! Nein, gerade dann, wenn man fühlt, dass man in Wahrheit Gottes Eigentum geworden, muss man mit noch viel größerer Inbrunst beten: „Hilf mir“! bewahre mich! weil ja leider die größte Sicherheit und die größte Gefahr - von unserer Seite betrachtet so furchtbar nahe an einander grenzen. So wahrhaftig als ich dein eigen bin, bewahre mich und hilf mir, du großer Helfer, damit ich, was ich allein durch dich bin, für dich in Ewigkeit bleiben möge! Hilf mir gegen mein eigenes Herz, in dem sich mein allerärgster Feind verbirgt! Hilf mir gegen die Welt, die mit ihrer Sünde und mit ihrem Elend sich immer wieder zwischen dich und meine Seele stellt! Bewahre mich, mit einem Worte, vor jedem Tod in mir und um mich herum, der die Gemeinschaft mit dir, dem lebendigen Gott, bedroht und sie, wenn du selbst es nicht verhütest, am Ende ganz unmöglich macht! Noch einmal, mein Bruder, brauchst du noch mehr, und wiederum darf es weniger sein als dies?

„Ich bin dein“ o unaussprechlich trostreiches Bewusstsein! Hilf mir“ - o unbeschreiblich ernstes Gebet! das erste drängt zu dem zweiten, das zweite ist die unentbehrliche Bedingung des ersten. Trost und Ernst des Wortes Gottes - ach möchten wir doch auch nicht einmal in Gedanken trennen, was er selbst so innig vereinigt hat. Und noch etwas: was auch immer wir an unserm Bruder oder an unserer Schwester gerne anders sehen möchten, lasst uns doch nie von ihrem Herzen Arges denken, da wir doch wissen, dass jenes tiefsinnige Wort der Grundton auch ihrer Seele geworden ist. Wer das von ganzem Herzen bekennt und betet, nicht einmal, sondern immer, der kommt noch einmal zurecht, und nichts vermag die Herzen zu scheiden, die in demselben tiefgefühlten Seufzer eins geworden sind. Bei unserm Glaubensbau kommt es für Zeit und Ewigkeit nicht so sehr auf die Länge und Breite, als auf die Höhe und Tiefe an.(Oosterzee, Johannes Jacobus van)

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