Ich trage meine Seele immer in meinen Händen, und ich vergesse deines Gesetzes nicht.
Eine Mutter liebt ihr Kind und hütet es sorgfältig als Unterpfand der Liebe des Allmächtigen. Aber nun lasst dies ihr Kind plötzlich in die Hände von Räubern geraten, die für die Auslieferung ein ungeheures Lösegeld fordern; die Mutter rafft alle ihre Habe zusammen, ihre Schmucksachen und ihr letztes Stücklein Brot, und verkauft alles, alles, um das Lösegeld zu erschwingen; allein was sie hat, reicht von ferne nicht aus, um das Kind loszukaufen. Sie ringt die Hände, sie weint blutige Tränen - da tritt ein anderer ins Mittel, ein hoher, reicher Freund; sie hat ihn früher schwer beleidigt; ihn aber jammert ihrer Not; er bezahlt das Lösegeld, das Kind ist frei und liegt wieder in der Mutter Armen. Ei, wie ist das erlöste Kind der Mutter doppelt, dreifach wert; wie hütet sie es nun um so viel sorgfältiger und ängstlicher; denn ihr Kind ist ihr nun zum zweiten Mal gegeben, wiedergegeben um teuren Preis und grenzenlose Güte. Sehen wir statt der Mutter den Christen, statt des Kindes die Seele, statt der Räuber den Teufel, die Welt und das Fleisch, statt des reichen, beleidigten und doch so erbarmungsreichen Freundes den Sohn Gottes und der Jungfrau, statt des Lösegeldes sein teures, Blut, und aus dem Gleichnis wird eine Geschichte, deine eigene Geschichte, du Menschenkind! Der alttestamentliche Sänger konnte der Erlösung seiner Seele nur harren im Glauben an die Verheißungen von dem Weibessamen, der der alten Schlange den Kopf zertreten sollte; uns aber ist die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes, längst erschienen, das Lösegeld ist längst bezahlt. So will ich denn meine teuer erkaufte Seele sorglich in meinen Händen tragen um des unermesslichen Preises willen, der an sie gewandt ist.
Es ist aber unsere unsterbliche, durch Christi Blut erlöste Seele der täglichen Sorgfalt auch benötigt, weil sie, solange sie in diesem Leibe lebt, täglich von Gefahren umdroht ist. Denn es fehlt viel, dass, die an die Erlösung in Christo glauben, auf Erden über lauter Teppiche wandelten; es geht vielmehr durch Wüstensand auf rauer Bahn; der alte, böse Feind umlauert uns auf allen Seiten; und ist hier gleich „Ein Kampf wohl ausgericht't, das macht's noch nicht, das macht's noch nicht!“ Es kommt alles darauf an, die Seele durch dies bunte Leben hindurch zu retten, bis dass sie, wenn der Leib zerfällt, von den Engeln getragen werde in Gottes Arm und Schoß. Es gilt, wachsam zu sein, vorsichtig einherzugehen, die Seele zu hüten, bis sie an der Stätte ist, die der Mittler ihr droben bereitet hat.
Wenn wir's allein wagen sollten, ja dann würden wir nicht ans Ziel kommen, sondern wir würden schon auf der ersten Wegstrecke fallen und liegen bleiben. Aber Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig; und Jesus Christus ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende; und der heilige Geist ist unser Führer. Mit Gott können wir Taten tun, mit Gott können wir auch unsere Seele in unsern Händen tragen; mit Gott kommt unsere Seele der Stätte der ewigen Sicherheit immer näher.
Gott helfe uns, dass wir einst mit ewig geborgener Seele vor seinem Throne sprechen können: Wir sind am Ziel! Gott Lob! Amen. (Quandt)
Ich trage meine Seele immer in meinen Händen, und ich vergesse deines Gesetzes nicht.
Ein Christ muss seiner Seele ihren Thron aufbauen in seinen Händen. Was die Hand trägt, sieht das Auge. Dein Kind führst du bei der Hand, oder trägst es auf dem Arm, dass du Aufsicht darauf habest und es nicht zu Schaden komme. Welcher Schaden ist der größte? - des Kindes oder der Seele? Wo du gehest oder stehest, da gehst du in Gottes Gericht. An einem Augenblick hängt die Ewigkeit. Trage deine Seele immer in Händen, dass du bei jedem Blick still stehen und das Werk deiner Seele beschauen könnest. Hat sie was Gutes vor? Bitte den, der das Wollen gegeben hat, dass er auch das Vollbringen hinzutue. Ist sie im Bösen begriffen? Red ihr ein und sprich: was hast du vor? Vielleicht ist dieser Blick der letzte. Was hilft's dir, wenn du die ganze Welt gewinnst und dich selber verlierst? Lass ab vom Bösen und lerne Gutes tun. - Gottes Hand kann aber noch fester halten als deine. Darum sprich auch mit David: In deine Hände befehl ich meinen Geist (Ps. 31, 6.). - Aus deines Gottes Hand wird sie weder der Teufel, noch sonst Jemand reißen (Joh. 10, 27. 28.). (H. Müller.)
Ich trage meine Seele immer in meinen Händen.
„Dass Niemand zu weit greife, noch vervorteile seinen Bruder im Handel“, so mahnt die Epistel des vergangenen Sonntags und weckt uns damit auf, dass wir die Hände rein halten sollen von Ungerechtigkeit und Trug. Ein Christ, der den Weg der Heiligung gehen will, hat andre Dinge für seine Hände zu tun, als sie nach verbotenem Gute auszustrecken. Die leiblichen Hände werden geheiligt durch das Werk, das die Hände des Glaubens vollbringen. Auf eine köstliche Arbeit der Glaubenshände weist unser Psalmwort hin: „Ich trage meine Seele immer in meinen Händen.“ Wer seine Seele in den Händen trägt, der hält etwas von ihr. Hältst du etwas von deiner Seele? Ist sie dir viel wert oder nicht? Wir sind doch nicht zufrieden, wenn dieser Staubesleib mit Flitter bekleidet und mit Erdenspeise genährt wird. Die Seele mit ihrem Verlangen will doch mehr. -
Wer seine Seele in den Händen trägt, der hat sie vor sich und kann sie immer ansehen. Achte du auf deine Seele; sieh, was ihr fehlt, wie sie klagt, weil Gottes Bild in ihr beschmutzt ist; sieh, wie sie selig werden will und verlangt nach Heiligkeit und Reinheit. Wer seine Seele in seinen Händen trägt, der muss auch wissen, wohin er sie zu tragen hat. Das will doch unser Heiland haben, dass wir unsre Seele unter das Kreuz auf Golgatha tragen. Das ist in dieser heiligen Passionszeit ein herrliches Tragen. Dort neigt sich der Gekreuzigte zu dir hernieder, dort fließt das Blut der Versöhnung, dort wird die Seele heil von allem Schaden. Das will doch unser treuer Herrgott haben, dass wir unsre Seele in die ewige Heimat tragen. Der Christ hat sich klar zu werden, dass die Heimat der Seele nicht hier ist, sondern „droben im Licht.“ Und er trägt sie auf den Händen des Glaubens und des Betens, bis er im Tode zusammenbricht. Dann lösen ihn die Engel ab und tragen die Seele in Abrahams Schoß.
Lasst uns beten: Du Hüter unsrer Seele, treuer Herr und Heiland! Gib uns, dass wir unsre teuer erkaufte Seele hoch achten und auf den Händen tragen mit heiligem Ernst. Lehre uns verstehen, was unsrer Seele fehlt und was ihr not tut. Stärke unsre Kraft, dass wir sie hinbringen unter Dein heiliges Kreuz, damit sie dort gereinigt wird von aller Unreinigkeit. Lass uns täglich trachten mit Furcht und Zittern, unsrer Seele Seligkeit zu schaffen. Dahin richte auch heute unsern Sinn und wende unsre Hände ab von allem Bösen. Amen.. (Wilhelm Hunzinger)