Und der Engel des Herrn erschien Mose in einer feurigen Flamme aus dem Busche. Und er sah, dass der Busch mit Feuer brannte, und ward doch nicht verzehrt. - Und Gott sprach: Tritt nicht herzu, ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, da du auf stehst, ist ein heilig Land. - Und Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
In der Einsamkeit wird Moses berufen, in der Wüste mit ihrem großen Schweigen. In der Stille wirst du wiedergeboren zum Kinde Gottes. Geh hin, mein Volk, verbirg dich in deine Kammer, mahnt des Herrn Wort. In die Stille, zur Sammlung und Selbstbesinnung soll dich der Sonntag führen, damit der Herr dir erscheinen kann. Die Kirche und der Altar, die Gräber draußen auf dem Friedhof, die Stätte hier im Hause, wo du mit den Deinen betest und Gottes Wort hörst, das Alles ist heiliges Sand, wo dir der Herr erscheinen will. Aber da. mit es dir zum Segen werde, ziehe aus alle Weltgedanken, alles Sorgen, alles stolze, ehrfurchtlose Wesen; tue hinweg alles tote Lippenwerk, alles unwahre Gefühlswert. Bedenke, wer du bist, und bedenke, wer Gott der Herr ist, bis in seinem Sicht alles eitle Selbstgefühl dir vergeht und du zagend rufst: Wer bin ich? Das ist der Anfang aller wahren Erbauung: nicht Erhebung, nicht Aufschwung, sondern tiefe Beugung. Das ist die erste Wirkung des heiligen Feuer, darin der Herr erscheint, dass verzehrt wird alle Eigenheit und Weltseligkeit, und wir geläutert werden von allen Schlacken. Dies Feuer reinigt, aber es zerstört nicht, vielmehr macht es lebendig. Der alte Mensch stirbt, der neue lebt auf, Gottes Reich wird erbaut in der Seele. Denn, wenn die Furcht vor dem Herrn deine Seele gebeugt hat in den Staub, dass auch du dein Angesicht verhüllst vor seiner Herrlichkeit, dann empfängst auch du die Offenbarung seiner Gnade: Ich bin der Gott deines Vaters, dein Gott. Ich will mit dir sein. Dann gehst auch du vom Angesicht des Herrn, vom Tag des Herrn in die alten Kämpfe und die Arbeit der Woche mit Gottes Stärke, im Bewusstsein seiner Berufung: Geh hin, ich will dich senden. (Adolf Clemen)
Und der Busch ward nicht verzehrt.
Nicht verzehrt! Nec tamen consumebatur1)! Eine der reformierten Kirchengemeinschaften unseres Erdteils wählte diese bedeutungsvolle Überschrift zu ihrem Siegel, einem brennenden Dornbusch. Wie wir wissen, weist sie hin auf die heilige Erzählung, oder vielmehr auf den ewig denkwürdigen Ort, wo der Herr dem Moses zuerst erschien, in der Stunde, da er zu seiner prophetischen Mission berufen wurde. Der Dornbusch nahe beim Horeb, durchglüht von der mächtigsten Glut, aber doch nicht versengt oder verzehrt: ein treffendes Bild des Volkes Israel, wie es damals war: hart geängstigt und gequält von seiner Jugend an, nicht allein bei den ägyptischen Ziegelöfen, sondern durch alle Jahrhunderte seiner wunderbaren Geschichte hindurch; beständig gezüchtigt, erniedrigt, bis an den Rand des Abgrundes gewissermaßen geführt, und doch sichtbar immer wieder bewahrt, errettet, aus der Tiefe wieder hinaufgeführt durch eine höhere Hand und einen starken Arm, und sogar heute noch, nach seiner jahrhundertelangen Zerstreuung, das ewige Volk, das seine ganz einzigartige Stellung einnimmt unter all den Völkern der Erde. Ein sprechendes Gleichnis zugleich auch von der leidenden und streitenden, aber allezeit wieder beschirmten, gestärkten, triumphierenden Gottesgemeinde, vom Anfang der apostolischen Zeit an bis hindurch an das Ende der gegenwärtigen! Aber dürfte man dies Gleichnis nicht mit eben dem Rechte ein klares Bild nennen vom Leben und Leiden - äußerlichen und innerlichen - so vieler geliebten Kinder Gottes auch in unserer Umgebung, die hingegeben waren in so viel bange Bedrängnis, aber auch oft wunderbar gerettet und erhalten worden sind in den größten Trübsalen? Siehe, während die prächtigen Eichen um sie herum verschont bleiben, wird der schwache, geringe Dornstrauch heimgesucht; während bei so manchem Weltkinde, so zu sagen, nicht einmal der Rauch des Feuers durch die Kleider hindurchdringt, wird der Ofen der Trübsal für so manches kostbare Glaubensgold geheizt zu siebenfacher Glut. Wahrlich, diese überraschende Erscheinung mag zugleich ein befremdliches Rätsel heißen, für den wenigstens, dem der Mut fehlt, um mit Moses zu sprechen: Ich will doch hingehen, dass ich sehe dieses große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennet. Denn unter allerlei Formen wiederholt sich ja noch immer dieselbe Erscheinung, ja, ein doppeltes Rätsel zeigt sich hier aufmerksamer Betrachtung.
Woher kommt es, dass grade dieser Dornbusch so brennen muss, und wiederum, wie mag es kommen, dass er trotz der großen Glut nicht verzehrt wird? So fragen wir noch oft, unwillkürlich erschrocken bei dem Blicke auf so unendlich viel Leid, rings um uns und in uns. Aber treten wir, wie Moses, hinein in Gottes Heiligtum, so überrascht uns eine neue Offenbarung der göttlichen Macht und Heiligkeit einerseits, aber andererseits auch der göttlichen Gnade und Treue. Ja fürwahr, hier ist der Herr in dem Feuer der Prüfung, welches von seinem Angesichte ausgeht, um die Sünden der Seinen heimzusuchen, ihre Unlauterkeit zu läutern, ihre Unreinigkeit zu verzehren; seine Offenbarungen sind zu gleicher Zeit Urteile, aber seine Urteile darf man wieder Befreiungen nennen. In der Feuersglut kommt er selbst mit herzlichem Erbarmen, um ihr Elend anzusehen, ihre Tränen zu trocknen, ihre Bande zu lösen; und in Ewigkeit bleibt er eingedenk des Bundes seiner Gnade. Ja, der Dornbusch muss brennen; denn wo ein heiliger Gott in Berührung tritt mit einem sündigen Geschöpfe, da kann es nicht abgehen ohne Heimsuchungen, Läuterungen, Ausstrahlungen seiner Majestät, die nun einmal nichts erträgt, was mit ihrer innerlichen Heiligkeit in Widerspruch ist. - Doch wo nun die Glut dieser Majestät leuchtet, da verzehrt sie drum nicht dasjenige, was sie kaum ertragen zu können scheint; der Dornbusch muss, aber kann auch brennen, ja grünen in der roten Flamme, weil Gott in ihr ist wie in seinem Tempel von unverbrennbarem Holz. Er, der sein Eigentumsvolk läutert, schont und erhält das unvergängliche Leben, das in ihm gegründet und gewurzelt ist. Er erhält sein Werk mitten in den Jahren, mitten im Zorn gedenkt er des Erbarmens. Und das letzte große Gesicht, welches der letzte Gottesmann am Ende der Zeiten mit anbetendem Seelenentzücken sehen wird, es wird sein eine durchläuterte Gottesgemeinde, unvergänglich grünend in den Flammen des Weltbrandes am jüngsten Tage: Durchglüht, aber nicht verzehrt!
Herrliche Offenbarung! Sollte in ihr nicht auch für uns eine Weckstimme ertönen wie an jenem Tage für Moses; und was hat die Weckstimme uns zu verkünden? Uns, die wir zuweilen aus nächster Nähe solche Rätsel schauen, ja deren eigenes Leben vielleicht Zeiten enthielt, die uns unwillkürlich an ein Rätsel denken ließen? Möge der Heilige Geist selbst uns Verständnis geben zur richtigen Lösung. Soviel ist klar: Flammen und Funken sind das Ärgste nicht, was wir im Dornbusch dieses Lebens zu fürchten und also auch nicht unbedingt hinweg zu bitten haben; es sind eben Rätsel, die aber früher oder später für den Glauben Lichtstrahlen werden; und nicht verzehrt zu werden siehe da dasjenige, worauf es am Ende ankommt, aber wovon auch das Israel Gottes in der Menschheit sich fest überzeugt halten kann. Sind und bleiben wir nur des Herrn, gleichviel wie's auch gehen möge: die alte Siegelinschrift der schottischen Kirche wird das letzte Wort auch unsrer Geschichte sein: Nec tamen consumebatur. „Wie durchs Feuer“ werden wir behalten, aber doch, wir kommen zum Ziel, und ist die Flamme einmal gelöscht, dann strahlt die Pflanzung Gottes in ewigem Glanze, aber hinfort - ohne läuterndes Feuer.(Oosterzee, Johannes Jacobus van)