======Psalm 11,7====== =====Andachten===== **Der HErr ist gerecht, und hat Gerechtigkeit lieb; darum, dass ihre Angesichter schauen auf das da recht ist.**\\ Wer Gerechtigkeit lieb hat, der wird wieder von Gott geliebt; denn Gott ist selbst die Gerechtigkeit. Wer Barmherzigkeit lieb hat, dem wird dieselbe zum Lohn. Ja, wer Gott lieb hat, dem wird Gott selbst zum Lohn. Es kann aber niemand Gott lieb haben, er habe denn die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit, die Wahrheit, die Gütigkeit und den Frieden lieb; denn das ist alles Gott selbst, und dessen großer Lohn wird dann Gott selbst. Gleichwie die Tugend ihr selbst eigener Lohn ist, als: Der Barmherzigkeit Lohn ist wiederum Barmherzigkeit; der Gütigkeit Lohn ist wiederum Gütigkeit denn was der Mensch sät, das wird er ernten; sät er Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, so wird er diese Frucht wieder ernten. Also ist Gott selbst aller derjenigen großer Lohn, die Ihn lieben, fürchten, Ihm vertrauen und anhangen, auf Ihn hoffen, Ihn bekennen, loben und preisen. Diese alle haben Gott zu ihrem sehr großen Lohn. Zucht, Ehr und Treu verleih mir, HErr, und Lieb zu Deinem Worte. Behüt mich, HErr, vor falscher Lehr und gib mir hier und dorte, was mir dient zur Seligkeit; wend ab all Ungerechtigkeit in meinem ganzen Leben. (Johann Arnd) ---- **Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.**\\ Wir können nicht anders als menschlicher Weise von Gott denken und reden; und eben so weiß auch die Schrift nicht anders als in Gleichnissen und Bildern von dem Ewigen zu uns zu reden. Wir bescheiden uns zwar in Demut, dass auf diese Weise alle unsere Erkenntnis von Gott sehr beschränkt und unvollkommen sein muss; umso mehr aber liegt uns die Pflicht ob, allen Fleiß anzuwenden, dass diese Erkenntnis nicht durch unsere Schuld noch mehr als nötig verdunkelt und verunreiniget werde. Zu diesem Zwecke lasst uns wohl zusehen, dass wir nicht Alles, was menschliche Vortrefflichkeit ist, auf Gott übertragen wollen, weil Vieles davon sich lediglich auf das Verhältnis der Menschen gegen einander bezieht, welches ein ganz anderes ist, als das, worin Gott gegen seine Geschöpfe steht. Lasst uns ebenso alle Vorsicht gebrauchen, in dasjenige, was sich uns als Eigenschaft des höchsten Wesens aufdringt, nichts einzumischen, was offenbar aus der menschlichen Unvollkommenheit entspringt und aufs Genaueste mit ihr zusammenhängt. Es ist leicht diese Vorschriften zu geben, aber es ist schwer sie anzuwenden; und die Fehler, welche wir hierin begehen, sind die Quelle der gefährlichsten Irrtümer in der Religion. Wieviel Menschliches und Unwürdiges findet sich nicht in den Vorstellungen der meisten Christen von der Liebe und Weisheit, von der Geduld und Versöhnlichkeit Gottes, von seinem Wohlgefallen am Guten und Missfallen am Bösen! Und welche traurige Folgen, welche Verderbnis des Gemüts und des Lebens entsteht nicht daraus, sobald wir versäumen, die Richtigkeit und den Wert dieser Vorstellungen an dem untrüglichen Maßstabe unseres Gewissens abzumessen! Machen wir hiervon die Anwendung auf die göttliche Gerechtigkeit: so enthält dies Wort eine Forderung, die ganz allgemein an das höchste Wesen gemacht wird; so wie wir es uns als die Liebe denken, so soll es auch die Gerechtigkeit sein, und beides wollen wir aufs Innigste in ihm vereinigt finden. Aber wie vieles lässt sich nun von unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit, wie sie sich im gesellschaftlichen Leben unter Menschen gebildet haben, auf Gott anwenden? Denken wir an die gewöhnlichsten Verhältnisse der Menschen unter einander: so erinnert jenes Wort uns an Forderungen, welche gemacht werden, an bestimmte Pflichten, von denen uns nichts entbinden kann, und in Hinsicht auf welche wir das Urteil Anderer anerkennen müssen; es erinnert an eine gewisse Abstufung in unsern Verbindlichkeiten, dass man eher die einen erfüllen soll als die anderen. Dies Alles lässt sich, wie leicht zu ersehen, auf Gott nicht anwenden. Was hätten wir von ihm zu fordern, die wir Geschöpfe seiner Hand sind? Wie könnten wir Richter sein wollen über sein Tun? Wie könnten wir irgendeinen Unterschied von dieser Art machen da, wo Alles Wohltat und Gnade ist? Stellen wir uns auf einen andern Punkt, insofern ein Mensch über den andern richten darf: so finden wir es gerecht, das Angenehme und Ehrenvolle den Menschen in demselben Verhältnis zuzuteilen, als sie das Gute vollbracht haben, und dagegen dem Übeltäter unsere hilfreiche Liebe zu entziehen und ihn mancherlei Unannehmlichkeiten auszusetzen. Aber diese strafende Gerechtigkeit beruht ebenfalls auf einer gewissen Unvollkommenheit in unserer Art das menschliche Gemüt zu erkennen und auf dasselbe zu wirken, und wir müssen uns wohl vorsehen, dass in der Behauptung, Gott müsse seiner Natur nach auf eben die Art als wir das Gute belohnen und das Böse bestrafen, nicht etwa eine sehr verkehrte Anmaßung sich verberge. Kommt es nur darauf an, dass die ferneren Ausbrüche des Bösen, welches im Menschen ist, verhindert werden sollen, wie denn menschliche Strafen solche Abschreckungen sind, so stehen ja der Allmacht dazu die verschiedensten Wege offen, und wie wollten wir denn beurteilen können, auf welche Art die göttliche Weisheit diese Angelegenheit behandeln werde? Kommt es darauf an, dass das Böse selbst aus dem Menschen durch Züchtigung hinweggenommen, und das Gute durch Ermunterung in ihm befestigt werden soll: so kann sich ja die Allwissenheit noch weniger als wir darüber täuschen, wie unrein das Gute ist, was in Hoffnung auf Lohn geschieht, und wie wenig derjenige gebessert ist, der sich nur durch Furcht vor der Strafe von dem Bösen entwöhnt hat. Nicht als ob geleugnet werden sollte, dass Gott Heil und Unglück als Besserungsmittel gebraucht: offenbar tut er dieses; aber wir können die Art, wie er es tut, so wenig bestimmen, dass dies nicht mehr eine Forderung an seine Gerechtigkeit ist, sondern dass wir es zu den Geheimnissen seiner Weisheit zählen müssen. Was bleibt uns also für die Gerechtigkeit Gottes übrig? Dasselbe was wir auch unter Menschen von einem Herrn, einem Obern, einem Gesetzgeber gegen seine Untergebenen als Gerechtigkeit fordern: dass er sie nämlich Alle nach einerlei Grundsätzen behandle, und Jeder sich zu ihm des Gleichen zu versehen habe; dass, wo es auf die Verteilung von Vorteilen und Lasten oder auf irgendetwas ankommt, was von ihm allein und nicht von ihnen abhängt, Alle ohne Vorliebe und Laune zu gleichen Rechten gehen und sich gleicher Sorgfalt und Berücksichtigung ihrer Freiheit und ihres Wohlergehens zu erfreuen haben. In dieser Gleichheit des Betragens nun besteht auch die göttliche Gerechtigkeit: aber sie ist dem größten Teile der Menschen verborgen. Die anscheinende Ungleichheit der menschlichen Schicksale, auch insofern sie gar nicht ein Werk unserer eigenen Handlungen sind, verhindert die Menschen die göttliche Gerechtigkeit wahrzunehmen; wenn sie auch die göttliche Weisheit, mit der jene Verschiedenheiten angeordnet werden, einigermaßen ahnen: so dringen sie doch nicht bis zu der Gerechtigkeit, welche dabei zum Grunde liegt. (Friedrich Schleiermacher) =====Predigten===== {{tag>Arnd_Johann_Andachten Schleiermacher_Friedrich_Andachten}}